„Du hast ausgeharrt“: Papst Benedikt XVI. an die Bischöfe aus der Türkei

Würdigung der „Glaubenskraft und Opferbereitschaft“ vieler Gläubigen

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ROM, 3. März 2009 (ZENIT.org).- Aus Anlass der heute beginnenden Wallfahrt der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen Südosteuropas veröffentlichen wir die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 2. Februar beim Empfang der Bischöfe aus der Türkei im Vatikan gehalten hat.

Der Papst, der auf das Paulus-Jahr verwies, zeigte die pastoralen Herausforderungen in der Türkei auf und würdigte die Opferbereitschaft vieler Priester und Laien, „die manchmal bis zur höchsten Hingabe ihres Lebens Zeugnis für die Liebe Christi abgelegt haben, wie etwa der Priester Andrea Santoro". Darüber hinaus ermutigte Benedikt XVI. die Hirten und ihre Gläubigen, in der Hoffnung zu leben, „die von Christus kommt."

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Liebe Mitbrüder im Bischofs- und im Priesteramt!

Ich freue mich, euch heute vormittag im Rahmen eurer Pilgerreise zu den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus zu empfangen, die ihr als beredtes Zeichen eurer Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri durchführt. Ich danke dem Vorsitzenden eurer Bischofskonferenz, Erzbischof Luigi Padovese, Apostolischer Vikar von Anatolien, für die liebenswürdigen Worte, die er in eurem Namen an mich gerichtet hat. Durch eure Anwesenheit begegnen auch eure vielfältigen Gemeinschaften der Kirche von Rom und zeigen so die tiefe Einheit, durch die sie verbunden sind. Grüßt die Priester, die Ordensleute und alle Gläubigen eurer Diözesen herzlich in meinem Namen, wenn ihr nach Hause zurückkehrt. Sagt ihnen, daß der Papst in der Erinnerung an seine Pilgerreise in die Türkei, die ihm in seinen Gedanken immer noch gegenwärtig ist, jedem von ihnen in seinen Sorgen und in seinen Hoffnungen nahe bleibt.

Euer Besuch, der nach göttlichem Ratschluß in diesem Jahr stattfindet, das dem hl. Paulus geweiht ist, erhält eine besondere Bedeutung für euch, die ihr die Hirten der katholischen Kirche in der Türkei seid, dem Land, in dem der Völkerapostel geboren wurde und in dem er mehrere Gemeinden gegründet hat. Wie ich in der Basilika erklärt habe, in der sich sein Grab befindet, wollte ich dieses Paulusjahr ausrufen, »damit wir ihm zuhören und von ihm als unserem Lehrer jetzt ›den Glauben und die Wahrheit‹ erlernen, in denen die Gründe für die Einheit unter den Jüngern Christi verwurzelt sind« (O.R. dt., Nr. 27; 4.7.2008; S. 7). Ich weiß, daß ihr diesem Jubiläumsjahr in eurem Land einen besonderen Glanz verleihen wolltet und daß zahlreiche Pilger die Stätten besuchen, die der christlichen Tradition so teuer sind. Ich wünsche, daß der Zugang zu diesen für den christlichen Glauben wichtigen Orten sowie die Feier des Gottesdienstes den Pilgern immer weiter erleichtert werden. Im übrigen freue ich mich sehr über die ökumenische Dimension, die dieses Paulusjahr erhalten hat, das somit die Bedeutung dieser Initiative für die anderen Kirchen und christlichen Gemeinschaften zeigt. Möge dieses Jahr neue Fortschritte auf dem Weg zur Einheit aller Christen möglich machen!

Das Leben eurer Ortskirchen in all ihrer Vielfalt stellt die Fortsetzung einer reichen Geschichte dar, die durch die Entwicklung der ersten christlichen Gemeinden geprägt ist. Zahlreiche Namen, die den Jüngern Christi so sehr am Herzen liegen, bleiben seit dem hl. Johannes, dem hl. Ignatius von Antiochien, dem hl. Polykarp von Smyrna und vielen anderen berühmten Kirchenvätern mit eurem Land verbunden, ohne das Konzil von Ephesus zu vergessen, wo die Jungfrau Maria zur »Theotokos« erklärt wurde. In jüngerer Zeit haben Papst Benedikt XV. und der sel. Johannes XXIII. ebenfalls den Weg der Nation und der Kirche in der Türkei geprägt.

Ich möchte auch noch an alle Christen – Priester und Laien – erinnern, die manchmal bis zur höchsten Hingabe ihres Lebens Zeugnis für die Liebe Christi abgelegt haben, wie etwa der Priester Andrea Santoro. Möge diese wunderbare Geschichte für eure Gemeinden, deren Glaubenskraft und Opferbereitschaft in Situationen der Prüfung ich kenne, nicht nur die Erinnerung an eine ruhmreiche Vergangenheit darstellen, sondern die Ermutigung, den vorgezeichneten Weg großherzig weiterzuverfolgen und unter ihren Brüdern die Liebe Gottes zu jedem Menschen zu bezeugen.

Liebe Brüder, die Konzile von Nizäa und von Konstantinopel haben dem Glaubensbekenntnis seinen endgültigen Ausdruck verliehen. Möge dies für euch und für eure Gläubigen ein drängender Ansporn sein, den Glauben der Kirche zu vertiefen und mit immer größerem Eifer die Hoffnung zu leben, die daraus hervorgeht. Das Volk Gottes wird in einer wirklichen kirchlichen Gemeinschaft eine wirksame Stütze für seinen Glauben und seine Hoffnung finden. In der Tat: »Die Kirche ist eine organische Gemeinschaft, die sich in der Koordinierung der verschiedenen Charismen, Ämter und Dienste im Hinblick auf die Erreichung des gemeinsamen Zieles, des Heils nämlich, verwirklicht« (Pastores gregis, 44), und die Bischöfe sind die ersten Verantwortlichen der konkreten Verwirklichung dieser Einheit. Die tiefe Gemeinschaft, die unter ihnen – in der Verschiedenheit der Riten – herrschen muß, kommt besonders in einer wirklichen Brüderlichkeit und in gegenseitiger Zusammenarbeit zum Ausdruck, die es ihnen erlaubt, ihr Amt in einem kollegialen Geist auszuüben und die Einheit des Leibes Christi zu stärken.

Diese Einheit findet eine lebendige Quelle im Wort Gottes, dessen Bedeutung im Leben und in der Sendung der Kirche die jüngste Bischofssynode erneut herausgestellt hat. Ich lade euch also dazu ein, die Gläubigen eurer Diözesen auszubilden, damit die Heilige Schrift nicht ein Wort der Vergangenheit ist, sondern ihr Leben erhellt und ihnen einen wirklichen Zugang zu Gott eröffnet. In diesem Zusammenhang möchte ich gerne daran erinnern, daß die Meditation des ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I., über das Wort Gottes ein wichtiger Moment dieser synodalen Versammlung war.

Gestattet mir auch, die Priester und Ordensleute zu grüßen, die mit euch bei der Verkündigung des Evangeliums zusammenarbeiten. Da sie zu einem großen Teil aus anderen Ländern kommen, ist ihre Aufgabe häufig eine sehr schwere Prüfung. Ich ermutige sie dazu, sich immer besser in eure Ortskirchen einzufügen, damit sie allen Mitgliedern der katholischen Gemeinschaft die notwendige pastorale Aufmerksamkeit schenken können, unter Berücksichtigung der schwächsten und einsamsten Menschen. Die kleine Zahl von Priestern, die angesichts des Arbeitsumfangs häufig nicht ausreichend ist, kann euch nur dazu anregen, eine starke Berufungspastoral zu entwickeln.

Die Jugendpastoral ist eines eurer Hauptanliegen. Tatsächlich ist es wichtig, daß die jungen Menschen eine christliche Ausbildung erhalten können, die ihnen hilft, ihren Glauben zu festigen und in einem häufig schwierigen Umfeld zu leben.

In derselben Perspektive muß auch die Ausbildung der Laien diesen ermöglichen, kompetent und effizient die Verantwortung zu übernehmen, die ihnen in der Kirche abverlangt wird.

Die christliche Gemeinschaft eures Landes lebt in einer Nation, die über eine Verfassung verfügt, welche die Laizität des Staates erklärt, deren Einwohner jedoch mehrheitlich Moslems sind. Es ist also äußerst wichtig, daß Christen und Moslems sich gemeinsam für den Menschen, für das Leben sowie für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen können. Im übrigen ist die Unterscheidung in einen bürgerlichen und in einen religiösen Bereich sicherlich ein Wert, der geschützt werden muß. Jedenfalls kommt es in diesem Rahmen dem Staat zu, den Bürgern und den religiösen Gemeinschaften auf wirksame Weise die Kultus- und Religionsfreiheit zu gewährleisten und jede Gewalt gegenüber Gläubigen – gleich welcher Religion – zu verurteilen. In diesem Zusammenhang kenne ich euren Wunsch und eure Bereitschaft zu einem aufrichtigen Dialog mit den Behörden, um eine Lösung für die verschiedenen Probleme zu finden, die sich für eure Gemeinschaften stellen, darunter etwa das der rechtlichen Anerkennung der katholischen Kirche und ihrer Güter.

Eine solche Anerkennung kann für alle nur positive Konsequenzen haben.

Es ist wünschenswert, daß ständige Verbindungen eingerichtet werden können, etwa durch eine bilaterale Kommission, um noch ungelöste Fragen zu untersuchen.

Liebe Mitbrüder, am Ende unserer Begegnung möchte ich euch die Worte der Hoffnung wiederholen, die im Buch der Offenbarung an die Kirchen von Ephesus und von Smyrna gerichtet werden: »Du hast ausgeharrt und um meines Namens willen Schweres ertragen und bist nicht müde geworden … Sei treu bis in den Tod; dann werde ich dir den Kranz des Lebens geben« (Offb 2,3.10). Mögen die Fürsprache des hl. Paulus und der Theotokos euch gewähren, in dieser Hoffnung zu leben, die von Christus kommt, der auferstanden ist und unter uns lebt. Von Herzen erteile ich euch sowie auch den Priestern, den Ordensleuten und den Gläubigen eurer Diözesen den Apostolischen Segen.

   

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