Du möchtest ohne Gott

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 229 klicks

Unsere Ehe ist zu einer gegenseitigen Quälerei geworden. Ich versuche es anders, aber es geht nicht. Manchmal bete ich auch, aber so wie ich bin, kann mich Gott nicht akzeptieren. Er kann mich nicht lieben, weil ich mir eine Menge von Sünden aufgeladen habe. Und auch weiterhin wiederhole ich dieselben alten Schwächen. Ich habe keinerlei Freiheit. Ich fühle mich gefesselt, eingeengt, einfach „bestimmt“ für böses Handeln. Ich erinnere mich von meinem Studium her, dass die Philosophen von Unfreihet sprechen, vom „Determinismus“: der Mensch wird einfach dazu getrieben, so zu handeln, und nicht anders.

Ich erinnere mich, andererseits, dass Sie gesprochen und geschrieben haben, dass der Mensch „autonom“ ist. Das begreife ich nicht, und vor allem, ich erlebe es nicht. Ich bin schrecklich gebunden und bestimme mich selbst nicht: ich werde einfach bestimmt, und “ich tue das, was ich nicht will“, wie auch der hl. Paulus zugibt.

Ihr ehemaliger Student

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Gerne ergreife ich diesen Dialog. Ich  habe einen starken Eindruck, dass du wirklich alles selbst, ohne Gott, machen möchtest. Du wiegelst dich gegen die rechte „Autonomie“ auf,  und du führst selbst eine unrechte Autonomie durch. Solche Autonomie ist gottlos. Aber gehen wir nach deiner Reihenfolge.

Unsere Ehe ist für uns eine gegenseitige Quälerei geworden.

Du sagst nicht warum und seit wann. Wir sind rätselhaft, undurchsichtig und verwirrt geworden. Wir sind in die Mode und in den Modernismus reingefallen: „in Problemen sein“, in unlöslichen Problemen… Es ist eine Mentalität des Provisoriums, der Scheidung entstanden. Während fast alle Länder in Europa Scheidung erlauben, scheint es, das das zivile Gesetz auch den Katholiken den Kopf verdreht hat: lasst euch scheiden, das ist besser. Niemand denkt daran, dass das zivile staatliche Gesetz damit im völligen Widerspruch mit dem kirchlichen Ehegesetz steht, das die Ehescheidung nicht erlauben kann, und niemand denkt an Betrug, der dahinter steckt. Ich will sagen: du irrst, wenn du denkst, dass du durch die Ehescheidung die Probleme lösen wirst. Die Probleme befinden sich nicht in der Luft und auch nicht irgendwo in der Nachbarschaft, sondern sie befinden sich in dir und in deinem eigenen Herzen. Übrigens, du gibst zu, zu versuchen, aber es geht nicht.

Ich versuche es anders, aber es geht nicht.

Es genügt nicht, zu versuchen und dann zu lassen. Dauerhafte Übung und Ausdauer des Willens führen zum Erfolg. Ein Vergleich. Nach dem ersten Sieg vom jungen deutschen Tennisspieler, Boris Becker, in Wimbledon (1985), bracht eine Zeitung neben seinem Bild diesen Text: „Anstrengung hat immer Zukunft. Junge Menschen möchten heute vieles erreichen. Doch, zum Erfolg wird nicht nur Fähigkeit verlangt, sondern auch Freude und Ausdauer, und vor allem, beständiger Wille. Das sind gute Voraussetzungen für die Zukunft, die sich selbst gestaltet.“

Aber, kehren wir noch ein wenig zu der Frage der „Probleme“ im ehelichen Leben zurück. Es sieht aus, dass da sehr übertrieben wird, weil wir nicht in der Lage sind, uns mit den echten Problemen zu konfrontieren.  „Ich bin überzeugt, dass 80 % der Probleme von selbst gelöst werden. Von den übrigen 20 % gibt es 12 %, die unlösbar sind. Mit ihnen müssen wir leben, sie im Glauben akzeptieren und mit ihnen mitexistieren. Es bleiben noch nur 8 % übrig. Es ist sehr wichtig, ihnen Priorität zu geben. Was gestern war, kann ich nicht mehr ändern. Was morgen sein wird, weiß ich noch nicht“ (Josef Venetz).

Ich versuche zu beten…

Dauernd beten? Das Gebet, vom Glauben durchdrungen, versetzt die Berge, so sagt Jesus. Er übertreibt nicht, sondern wir übertreiben, weil wir ungeduldig sind, weil wir es nicht verstehen, etwas zu ertragen, weil unser Gebet oft ein bloßes Plappern ist. Wir verstehen es nicht, unser Gebet durch Abwechselungen zu erfrischen: vom mündlichen Gebet (Vaterunser, Gegrüßet seist du Maria) sind wir nicht in der Lage, zu zwei Minuten der Betrachung eines Satzes aus der Bibel, zu wechseln, wir verstehen es nicht, stehenzubleiben und mit Gott zu reden, mit Hilfe von einem Bild, vor dem Kreuz mit dem sterbenden Jesus zu beten; die Eltern sind nicht fähig, ein Abendgebet zu organisieren, besonders nicht auf die Kosten – sei es eines ganz unwichtigen – Fernsehabendsprogrammes…Folgerung: wir verstehen es nicht, richtig zu beten, wir haben uns nicht ernsthaft bemüht. Deshalb gibt es keine Früchte.

Gott kann mich so nicht lieben, weil ich mir eine Menge von Sünden aufgeladen habe.

Du irrst. Die ganze Offenbarung zeugt davon, dass gerade Gott derjenige ist, der die Sünder rettet. Welche Aufgabe hat das fleichgewordene Wort? Ist er nicht mein und dein Retter geworden?  Hat er uns nicht die Möglichkeit der Versöhnung mit Gott gegeben? Wozu dient die Reue? Wann benützst du das? Und wozu dient das Sakramen der Beichte? Wann warst du zuletzt beim Bußsakrament? Auf diese Weise werden wir besser, langsam verlassen wir unsere Wildnis. Also, man muss etwas tun! „Anstrengung hat immer Zukunft.“

Ich mache immer wieder alte Fehler.

Klar, weil du dich nicht bemühst, an dir zu arbeiten. Gott ist bereit, gegenwärtig, nahe und gut. Dieses „Gott ist gut“ möchte ich mit deinem Wort in Verbindung bringen, dass Gott dich „lieben“ kann, so wie du bist. Gott, im Gegenteil, liebt ohne Bedingung. Lese aus dem Buch des Propheten Hosea, Kapitel 11. So große Liebe Gottes dem Menschen gegenüber treffen wir selten in der Heiligen Schrift an. Es ist die Rede vom Israeliten, und das wird übertragen auf dich, auf mich – auf jeden von uns. Gott ist Vater, der dem Kind das Laufen beibringt, um es dann schließlich in seine Arme zu nehmen. Gott ist wie die Mutter, die ihr Kind mit der Milch ernährt. Dieser Bilder bedient sich Hosea, um die barmherzige Liebe Gottes auszumalen. Und wenn der Jude das Prädikat „barmherzig“ (hebreisch „rachum“) benützt, ist das immer im Sinne der mütterlichen Liebe, denn die Wurzel dieses Wortes („r-ch-m“) auf semitisch bezeichnet Mutterschoß.  Für die Israeliten hat Gott also die Eigenschaften des Vaters und der Mutter, und das ist von großer Bedeutung für die Beziehung vom Menschen zu Gott.

Übrigens, die ganze Geschichte Israels können wir in dieses Bild zusammenfassen: Israel in der Jugend – das bedeutet in der Wüste – war mit Gott. Als er erwachsen war – im verheißenen Land – lief er von Gott weg. Trotz allem verlässt Gott Israel nicht; also: Auserwählung und Berufung, Abfall und Verurteilung, Aussöhnung und Rettung. Aber, das Heil kommt ihm nicht deswegen, weil er sich bekehrt hätte. Leider ist er zur Bekehrung unfähig. Sein Heil kommt daher, weil Gott sich zu ihm in barmherziger Liebe des Vaters und der Mutter wendet. Und das ist entscheidend!

Siehst du darin nicht auch deine versteckte Geschichte?  Wir versagen, laufen davor weg, wir verstecken uns vor Ihm, wie die Ureltern nach dem Sündenfall. Damit die barmherzige Liebe Gottes in uns doch siegen könnte, müssen wir das wollen und von unserer Seite etwas dazu tun.

Ich habe keinerlei Freiheit.

Hast du wirklich nicht? Aufgrund von „wiederholten Schwächen“ neigen wir dazu, eigene Philosophie und eigene Prinzipien zu schaffen. Die ganze Offenbarung widersetzt sich einer solchen Philosophie, um vom gesunden Verstand nicht zu reden.

Du bist diese Ehe eingegangen, du hast diesen Beruf erwählt, du hast diese Ehefrau, und nicht eine andere, ausgewählt, und du warst frei. Jetzt befindest du dich in Problemen, und du möchtest alles selbst lösen. Du hast vergessen, dass der Herr gesagt hat: „Ohne mich könnt ihr nichts tun…“ Dieses Wort Jesus sagt uns, dass er das Zentrum von allem ist und nicht der Mensch. Er ist das Ziel aller menschlichen Sehnsüchte und Entscheidungen. Von einer Seite, der Mensch ist verpflichtet, sich in Freiheit selbst zu entscheiden, und du hast bei der freien Entscheidung für diese Ehe so gehandelt; von der anderen Seite, der Mensch von sich aus, ohne Gottes Hilfe, kann seine Entscheidung nicht verwirklichen. So ist in unserem Leben Gott „alles in allem“. Das bedeutet, theozentrisch sich und sein Leben begreifen: Gott ist die Mitte, nicht der Mensch!

Sie haben gesprochen und geschrieben, dass der Mensch autonom ist.

„Autos-nomos“ – der Steuermann seines Schicksales vor Gott und vor der Gesellschaft zu sein. Genau. Aber, du entscheidest dich nicht, als würde es Gott nicht absolut geben. Im Gegenteil, du entscheidest dich in Gott, d.h. „theonom“: Gott ist das höchste Gesetz, das Zentrum und schließlich das Ziel des Menschen. Aber, du bist in der Welt nicht eine Insel. „Niemand ist eine Insel“ (Thomas Merton), sondern du bist unter die Menschen geworfen und deine Autonomie entfaltet sich in zwischenmenschlichen Beziehungen. Du bist von diesen Beziehungen abhängig, aber du bist ihnen nicht gnadenlos ausgeliefert. Du leitest dich in voller Verantwortung, aber zur gleichen Zeit bist du in der Gesellschaft verwurzelt, und mit deinem Leben bist du in Gott ganz verwurzelt.

Wir sind, demzufolge, keine Spielzeuge des Schicksales. Das Schicksal steht in unserer Hand. Gewiss, unsere langjährige schlechte Gewohnheiten können uns den Gebrauch der Freiheit und die Autonomie der Entscheidung erschwären. Deswegen ist es dringend notwendig, rechtzeitig gegen schlechte Gewohnheiten und „wiederholte Schwächen“ zu kämpfen, wie du sagst, und mit großem Glauben und mit unerschütterlicher Hoffnung beten wir dauernd, dass Gott uns rettet, weil wir nicht in der Lage sind, uns selbst zu retten.     

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Zwei: Gesetz - Glaube,  Split, 2004, Seiten 301-303)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.