"Durch unseren Herrn Jesus Christus"

Nur in Christus findet das Gebet des Einzelnen volle Resonanz vor Gott

Rom, (ZENIT.org) Edward McNamara LC | 414 klicks

P. Edward McNamara, Professor für Liturgie am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ in Rom, beantwortet eine Leserfrage zur Schlussformel, die in den Tages- und Schlussgebeten der hl. Messe verwendet wird.

Fragestellung: Ich habe eine Frage zu den Tages- und Schlussgebeten, sowohl was deren lateinische Originalformel, als auch deren Formel in der neuen englischen Übersetzung des Messbuchs angeht. In der früheren englischen Übersetzung schloss das Tagesgebet im Allgemeinen mit Worten wie „Darum bitten wir dich durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Herrn und Gott, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit“. Das Schlussgebet hingegen endete im Allgemeinen mit „Darum bitten wir dich durch Christus, unseren Herrn“ oder mit ähnlichen Worten. Die Betonung lag darauf, dass wir unsere Gebete durch Jesus Christus darbringen. In Übereinstimmung mit dem lateinischen Original werden in der neuen Übersetzung im Tagesgebet die Worte „Darum bitten wir dich“ weggelassen. Stattdessen heißt es einfach „Durch unseren Herrn Jesus Christus…“ In ähnlicher Weise schließt das Gebet nach der Kommunion mit den Worten „Durch Christus unseren Herrn“ oder mit einem ähnlichen Satz. […] Was bedeutet nun aber die Schlussformel? – Dass wir unser Gebet durch Christus, unseren Herrn, darbringen oder, dass wir Gott darum bitten, uns diese Gnade durch Christus, unseren Herrn zu gewähren […] oder liegt die Betonung sowohl auf der einen, wie auch auf der anderen Bedeutung? -- E.H., Falls Church, Virginia, USA.

P. Edward McNamara: Zunächst ist einfach zu sagen, dass man dadurch dem lateinischen Originaltext treu bleibt. Abgesehen davon haben sich die Übersetzer wahrscheinlich auch deshalb für die zweideutige Formel entschieden, weil der Ausdruck „Durch Christus“ mehrere authentische Bedeutungsnuancen zulässt.

Anscheinend hat die frühere englische Übersetzung mit den Worten „Darum bitten wir“ den Sinn des Gebets tatsächlich verkürzt dargestellt, wohingegen die „Zweideutigkeit“ oder besser „Bedeutungsvielfalt“ dieses einfachen „Durch Christus“ theologisch gesehen gehaltvoller ist.

Schon im Neuen Testament sind einige dieser Bedeutungsnuancen erkennbar:

So werden zum Beispiel die Gläubigen im Epheserbrief ermahnt, Gott dem Vater jederzeit für alles im Namen Jesu Christi, unseres Herrn, Dank zu sagen (5,20). Ebenso werden sie dazu ermutigt, dass alles, was sie in Worten und Werken tun, im Namen Jesu, des Herrn, geschehe (Kol 3,17).

Dieses „Durch ihn“ wird manchmal sogar unmittelbar in ein Gebet eingeflochten, wie zum Beispiel am Anfang und Ende des Römerbriefs: „Zunächst danke ich meinem Gott durch Jesus Christus für euch alle“ (1,8) und „Ihm, dem einen, weisen Gott, sei Ehre durch Jesus Christus in alle Ewigkeit“ (16,27).

Im 2. Korintherbrief (1,20) heißt es auch recht deutlich: „Er [Christus] ist das Ja zu allem, was Gott verheißen hat. Darum rufen wir durch ihn zu Gottes Lobpreis auch das Amen.“

Dem großen Liturgiexperten J.A. Jungmann zufolge besteht der Sinn dieses paulinischen Ausdrucks darin, dass „die Gläubigen im öffentlichen Gottesdienst durch ihr Amen dem Gebet zustimmen, das durch Christus dargebracht wird, denn ihn hat uns Gott als Erlöser und Mittler geschenkt.“

Deshalb beinhaltet der Ausdruck „Durch Christus“ nicht nur eine Zustimmung zum Inhalt des Gebets, sondern auch die Anerkennung der Mittlerrolle Christi zwischen Gott und den Menschen, ja sogar das Bekenntnis zu diesem als dem „einen Mittler“ (siehe 1Tim 2,5).

Schon im frühen Christentum war man sich dessen bewusst, dass im Gebet Vermittlung stattfinden konnte, doch wies man diese Rolle im Allgemeinen Engeln zu, die schon immer gewissermaßen als Überbringer des Gebets, das vom Herzen der Menschen zu Gott aufsteigt, gegolten haben.

Da aber Christen – zumindest im privaten Bereich – ihr Gebet Christus auch unmittelbar darbrachten, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie dabei an eine Vermittlung dachten, durch die das Gebet überbracht werden müsse.

Sie betrachteten Christus nicht so sehr als den „einen Mittler“, sondern als Mittler in einem neuen Sinn. Einerseits ist er der Mittler, der durch die mit seinem Ostergeheimnis verbundenen Ereignisse unsere Erlösung bewirkt hat. Andererseits ist Christi Rolle als Mittler nicht auf die mit unserer Erlösung verbundenen geschichtlichen Ereignisse beschränkt, sondern er setzt sie fort, weil er als Haupt der Kirche, seines mystischen Leibes, für immer mit Gott lebt. Er ist unser immerwährender Beistand (vgl. 1 Joh 2,1; Röm 8,34) und, wie dies im gesamten Hebräerbrief betont wird, unser Hoherpriester.

Für uns, die wir mit ihm in seiner Kirche verbunden sind, handelt Christus also als Mittler, indem er unser Gebet unterstützt und ihm eine Kraft und Wirksamkeit verleiht, die es ohne ihn niemals besäße.

In den Worten Jungmanns klingt dies so: „Nur in ihm findet das Gebet des Einzelnen, der zu Christus, zu seiner Kirche gehört, volle Resonanz vor Gott. Jesu heilige Seele schwingt mit den Gebeten der Kirche mit, das heißt, er ist sich der Gebete der Seinen bewusst und stimmt in sie ein, solange sie gut sind. […] In ähnlicher Weise besitzt das Lobpreisgebet der Kirche nur deshalb Bedeutung und Wert, weil Christus ihr als Haupt und Hoherpriester vorsteht und mitbetet.“

Ein weiterer Liturgiewissenschaftler, Odo Casel, vervollständigt Jungmanns Begriff, der seiner Meinung nach zu sehr vom Moralismus beeinflusst ist. Er führt näher aus, dass dieses „Durch Christus“ auch in physischem Sinn verstanden werden sollte: „Der Gottmensch ist seinem Wesen nach Mittler jeden Gebets, das in Christus und im Geist gesprochen wird; er handelt stets als Haupt des mystischen Leibes.“

Es gibt daher viele Bedeutungen, die der kurze Ausdruck „Durch Christus“ annehmen kann und jedes Mal, wenn wir Priester ihn benutzen und die Gläubigen ihn mit ihrem Amen bestätigen, sind sie alle gegenwärtig.

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC aus dem englischen Originalartikel http://www.zenit.org/en/articles/through-our-lord-jesus-christ