Durst nach Worten des Herrn: P. Raniero Cantalamessa charakterisiert den wahren Prediger

Zweite Fastenpredigt vor Papst Benedikt und der Römischen Kurie

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ROM, 29. Februar 2008 (ZENIT.org).- Heute Vormittag hielt der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap. die zweite der vier traditionellen Fastenpredigten im Päpstlichen Haus. Sie widmete sich dem Thema: „Als spreche man mit den Worten Gottes: der verkündigte Jesus“.



In Vorbereitung auf die Bischofssynode über das Wort Gottes (5.-26. Oktober 2008) sowie unter Bezugnahme auf die „Lineamenta“ der Synode ist es die Absicht des Kapuzonerpaters, eine Reflexion über die Verkündigung des Evangeliums im Leben Christi (erste Predigt: „Jesus, der verkündet“) und in der Sendung der Kirche (zweite Predigt: „Der verkündete Jesus“), über das Wort Gottes als Mittel der persönlichen Heiligung (dritte Predigt: „lectio divina“) und die Beziehung zwischen dem Geist und dem Wort (vierte Predigt: „Geistliche Lesung der Bibel“) vorzulegen. Die nächsten Predigten werden am 7. März und 14. März stattfinden.

In seiner zweiten Predigt rief P. Cantalamessa die Kirche dazu auf, das Evangelium in Liebe zu verkünden und „profanes Geschwätz“ zu vermeiden. Der Kapuziner warnte diesbezüglich vor „falschen Propheten“ und ihren „unnützen Worten“, die von Gott entfernten und nur das eigene Ich in dem Mittelpunkt stellten.

„Ich sage euch: Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, werden sie am Tag des Gerichts Rechenschaft ablegen müssen“ (Mt 12,36): Dieser Vers aus dem Matthausevangelium bildete den Ausgangspunkt der Überlegungen des Predigers. Canatalamessa betonte, dass der wahre Prediger nicht sich selbst verkündigen dürfe; vielmehr müsse er Jesus Christus predigen.

Das unnütze Wort, für das die Menschen beim letzten Gericht am Jüngsten Tag Rechung tragen müssten, sei dieses „leere Wort, das von dem ausgesprochen ist, der hingegen die energischen Worte Gottes aussprechen sollte. Kurz: Es ist das Wort des falschen Propheten, der nicht das Wort von Gott empfängt und dennoch die anderen zum Glauben verleitet, dass es sich um das Wort Gottes handelt.“ Das „unnütze Wort“, von dem Jesus im Evangelium spreche, sei die Fälschung des Wortes Gottes, „der Parasit des Wortes Gottes“.

P. Cantalamessa stellte in der Folge die Frage nach der Identität der falschen Propheten und forderte die Kirche auf, in ihrer Verkündigung die Wahrheit des Wortes Gottes nicht zu verfälschen. Jene Menschen, die über jedes unnütze Wort Rechenschaft ablegen müssten, seien gerade die Männer der Kirche: „Wir sind es, die Verkünder des Wortes Gottes.“

Die „falschen Propheten“ seien nicht nur jene, die von Zeit zu Zeit Irrlehren verbreiteten. „Die falschen Propheten sind jene, die das Wort Gottes nicht in seiner Reinheit vorlegen, sondern es verdünnen und in tausend menschlichen Worten ermüden, die ihrem Herzen entspringen.“

In einer an „Lärm kranken Menschheit“ sei ein „Fasten an Worten“ notwendig. „Zu viele Menschenworte, zu viele unnütze Worte, zu viele Reden, zu viele Dokumente“: Im Zeitalter der Massenkommunikation laufe die Kirche Gefahr, im „Stroh“ der unnützen Worte zu versinken, die nur um des Sagens willen ausgesprochen und nur deshalb geschrieben würden, weil es Zeitungen und Zeitschriften gebe, die man füllen müsse.

Sollten die Zuhörer aufgrund irgendwelcher Vorurteile nicht in der Lage sein, zu hören und zu verstehen, so sei es besser, „das Wort Gottes überhaupt nicht zu verkünden, damit es nicht zu parteilichen Zwecken instrumentalisiert und somit verraten“ werde. „Mit anderen Worten: Es ist besser, darauf zu verzichten, eine richtiggehende Verkündigung zu machen und sich darauf zu beschränken, zuzuhören, versuchen zu verstehen und Anteil zu nehmen an den Ängsten und Leiden der Menschen… Jesus zeigt sich im Evangelium sehr bedacht darauf, sich nicht zu politischen und parteilichen Zwecken instrumentalisieren zu lassen.“

Es sei notwendig, den Mut aufzubringen, immer vom Wort Gottes auszugehen. Das gelte auch für die Unterweisung von jungen Menschen und Novizen in den Ordensgemeinschaften, die mehr Zeit auf das Studium des Wortes verwenden sollten als auf das Studium der Schriften des jeweiligen Gründers. Der wahre Prediger müsse sich unter das Wort Gottes stellen und ganz in dessen Dienst stehen; es müsse „in Christus sprechen“ und „wie mit Worten Gottes“ reden. „Der Verkündiger muss von Gott bewegt sein und so sprechen, als sei dieser anwesend“, so P. Cantalamessa.

Der Prediger des Päpstlichen Hauses betonte am Ende seiner Ausführungen die „prophetische“ Art und Weise, eine Predigt vorzubereiten. Diese bestehe darin, sich niederzuknien und Gott zu fragen, welches Wort er sagen wolle. Erst dann solle man sich an die Ausarbeitung machen.

Die Macht des Wortes Gottes dürfe nicht unterschätzt werden. Es handle sich um kleine Samenkörner, die aus dem Gebet heraus ihre ganze Gewalt entfalteten. Gewöhnlich komme die Antwort Gottes in Gestalt eines Schriftwortes, das aber in jenem Augenblick seine außerordentliche Angemessenheit für die jeweilige Situation und das jeweilige Problem offenbare, das zu behandeln sei – so als wäre es gerade dazu geschrieben worden.

P. Cantalamessa beendete seine Predigt mit einem Gebet: „Bewahre uns davor, unnütze Worte über dich zu sagen. Lass uns einmal den Geschmack deines Wortes erfahren, damit wir es von jedem anderen zu unterscheiden wissen und damit jedes andere Wort uns ohne Geschmack erscheine. Verbreite, wie du es versprochen hast, den Hunger im Land. Nicht den Hunger nach Brot, nicht Durst nach Wasser, sondern nach einem Wort des Herrn.“