Düstere Zukunftsdystopie

Filmrezension: Oblivion

Berlin, (ZENIT.orgtextezumfilm) Dr. José García | 433 klicks

Mit Schwarzweißbildern der „Erde vor dem Krieg“ und einer Off-Stimme beginnt Joseph Kosinskis Spielfilm „Oblivion“ (deutsch „Vergessen“). Jack Harper (Tom Cruise) wacht allerdings jäh auf – es bleibt unklar, ob es sich bei diesen Bildern seiner Begegnung mit einer unbekannten Frau um einen Traum oder um eine Erinnerung handelt. Allerdings kann er diese Welt kaum gekannt haben. Denn wir schreiben das Jahr 2077 und die Erde liegt seit sechzig Jahren in Schutt und Asche. Später im Film wird Jack auf einem zerstörten Football-Platz stehen, auf dem noch die Aufschrift „Worldseries 2017“ zu lesen ist. Damals wurde der Superbowl, das Endspiel der US-amerikanischen Football-Liga letztmalig ausgetragen. Im Jahre 2017 geschah dann wohl der verheerende Krieg, als Aliens die Erde angriffen. „Wir haben den Krieg gewonnen, aber die Erde war zerstört“, stellt Jacks Off-Stimme fest. Weil der Mond zerstört wurde – wie eindrucksvolle Bilder auf der Leinwand immer wieder zeigen – geriet die Erde aus ihrem Gleichgewicht. Die Erdbewohner wurden auf eine Mond-Kolonie evakuiert.

Zu den ganz wenigen Menschen, die noch auf der Erde leben, gehören Jack Harper und Victoria „Vika“ Olsen (Andrea Riseborough), die in einem modern-schmucken Haus hoch über den Wolken wohnen. Sie sollen die mechanischen Drohnen überwachen, die wichtige Rohstoffe für den Aufbau einer neuen Zivilisation auf einem anderen Planeten abbauen. Aufgabe des Drohnen-Technikers und wagemutigen Piloten ist es aber auch, die Drohnen vor den Aliens zu schützen, die offenbar noch auf der Erde leben. Jacks und Vikas Mission nähert sich dem Ende: In zwei Wochen sollen sie sich den übrigen Überlebenden auf der Kolonie anschließen, um dann eine neue Zivilisation auf dem Saturn-Mond Titan zu beginnen – ganz weit weg von der Erde. Obwohl Jack pflichtbewusst seine Arbeit verrichtet, mag er sich von der Erde gar nicht gerne trennen. Jedenfalls hat er sich auf einem grünen Fleckchen direkt am Wasser eine Hütte gebaut, wo er Bücher, Schallplatten und andere Erinnerungen an eine untergegangene Zivilisation aufbewahrt. Eine unerwartete Wendung geschieht, als ein Raumfahrzeug auf der Erde einschlägt. Jack widersetzt sich dem Befehl, zur Station zurückzukehren, und sucht in den Trümmern nach Überlebenden. Er kann vor dem Angriff der Drohnen die schöne Julia (Olga Kurylenko) noch retten, die ihn beim Aufwachen überraschenderweise mit seinem Namen anspricht. Sie stellt sich nicht nur als die Frau seines Traums heraus. Bald wird sie Jacks Welt auf den Kopf stellen: „Du bist nicht, der Du zu sein glaubst“.

Obwohl Darren Gilfords Produktionsdesign etwa der Technik, insbesondere aber auch des Hauses hoch über den Wolken sowie die Weltraumbilder, die Claudio Miranda mit seiner hochauflösenden Kamera von der Erdlandschaften und vom zerstören Mond einfängt, einfach atemberaubend sind, beschleicht den Zuschauer der Eindruck, dass „Oblivion“ aus dem Fundus der Science-Fiction- und besonders der postapokalyptischen Filme ununterbrochen zitiert. Abgesehen von an „Krieg der Sterne“ erinnernden Verfolgungsjagden gemahnen etwa die Schiffswracks im inzwischen trockenen Meer sowie die Reste von New York – ganz kurz ist sogar die Spitze der Freiheitsstatue zu sehen – an den ersten postapokalyptischen Film schlechthin „Planet der Affen“ (Franklin J. Schaffner, 1968). Das auf einer Graphic-Novel von Joseph Kosinski basierende Drehbuch von Karl Gajdusek und Michael deBruyn schlägt nach Julias Auftauchen eine völlig unerwartete Richtung ein, womit sich mit dem Fortschreiten der Handlung auch die Erinnerungen, die „Oblivion“ beim Zuschauer hervorruft, auch ändern: Einiges lässt an den kleinen, aber hervorragenden Spielfilm von Duncan Jones „Moon“ (2009) denken. Aber auch „Matrix“ (Andy und Lana Wachowski, 1999) lässt grüßen, der vor mehr als einem Jahrzehnt die Frage nach der Realität dessen, was wir Wirklichkeit nennen, in ein modernes Gewand kleidete.

Zwar können sowohl die Inszenierung und die Actionszenen als auch durch die unerwartete Wendung geprägte Dramaturgie von „Oblivion“ überzeugen. Joseph Kosinskis Film bleibt aber in der Frage, die sein eigentliches Sujet ausmacht, hinter den postapokalyptischen Visionen einiger Filme aus den letzten Jahren augenfällig zurück. So stellte in den amerikanischen Filmen „The Book of Eli“ (siehe Filmarchiv) und „The Road“ (siehe Filmarchiv) ein postapokalyptisches Szenarium, bei dem eine Katastrophe globalen Ausmaßes so gut wie alles menschliche Leben auf der Erde vernichtet hatte, die Frage nach der erstrebenswerten Zukunft in den Vordergrund. Denn zu dem Kern dieses Filmgenres gehört mehr oder weniger ausdrücklich die Fragestellung, ob es sich lohnt, eine neue menschliche Zivilisation überhaupt aufzubauen beziehungsweise die untergegangene wiederherzustellen. Mit der Suche nach den tragfähigen Grundlagen für eine solche Zivilisation gehen ethisch-politische Konnotationen einher, die bei „Oblivion“ ähnlich oberflächlich ausfallen wie beim deutschen Spielfilm „Hell“ (siehe Filmarchiv). Das eindrucksvolle Produktionsdesign, die wunderbare Kameraarbeit und die technisch perfekte Action in Joseph Kosinskis Film können die inhaltliche Flachheit nicht kaschieren.