Echte Sorge um die Herde: Papst Benedikt XVI. über Eusebius von Vercelli

„Wahrt in aller Wachsamkeit den Glauben, wahrt die Eintracht, widmet euch dem Gebet“

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ROM, 17. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute, Mittwoch, bei der Generalaudienz gehalten hat.



Der Heilige Vater führte seine Katechesen-Reihe über die frühchristlichen Kirchenväter fort, indem er rund 30.000 Gläubigen Leben und Werk des heiligen Bischofs Eusebius der norditalienischen Stadt Vercelli (* um 283, † 371) vor Augen führte.

Eusebius habe „wie ein Mönch“ in der Stadt gelebt und diese zu Gott hin geöffnet, erklärte Papst Benedikt, der die innige Verbundenheit des treuen Hirten mit seiner Herde besonders hervorhob, dessen Zuneigung selbst denen galt, „die außerhalb der Kirche stehen, und die geruhen, uns zu lieben“.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Heute Vormittag lade ich euch dazu ein, über den heiligen Eusebius von Vercelli nachzudenken, den ersten Bischof Norditaliens, von dem wir zuverlässige Nachrichten haben. Er wurde in Sardinien zu Beginn des vierten Jahrhunderts geboren und zog noch im Kindesalter mit seiner Familie nach Rom. Später wurde er als Lektor eingesetzt: So wurde er Teil des Klerus der Stadt, und zwar in einer Zeit, in der die Kirche durch die arianische Irrlehre einer schweren Prüfung unterzogen wurde. Die große Wertschätzung, die um Eusebius wuchs, erklärt seine Wahl im Jahr 345 auf den Bischofsstuhl von Vercelli.

Der neue Bischof begann auf einem Gebiet, das noch größtenteils und besonders in den ländlichen Gegenden heidnisch geprägt war, sogleich mit einem eindringlichen Werk der Evangelisierung. Vom heiligen Athanasius inspiriert, der das Leben des heiligen Antonius, Stifter des Mönchtums im Osten, geschrieben hatte, gründete er in Vercelli eine Priestergemeinschaft, die einer Mönchsgemeinschaft ähnlich war. Dieses Kloster verlieh dem Klerus Norditaliens eine bedeutende Prägung apostolischer Heiligkeit und brachte bedeutende Bischofsgestalten hervor, wie Limenius und Honoratus, die Nachfolger des Eusebius in Vercelli; Gaudentius in Novara, Exuperantius in Tortona, Eustasius in Aosta, Eulogius in Ivrea, Maximus in Turin: Sie alle verehrt die Kirche als Heilige.

Eusebius war im nizänischen Glauben gut geschult und verteidigte so mit allen Kräften die volle Gottheit Jesu Christi, den das Glaubensbekenntnis von Nizäa als „eines Wesens“ mit dem Vater definiert. Zu diesem Ziel schloss er sich den großen Vätern des vierten Jahrhunderts – vor allem dem heiligen Athanasius, dem Bannerträger der nizänischen Rechtgläubigkeit – gegen die arianerfreundliche Politik des Kaisers an.

Dem Kaiser erschien der einfachere arianische Glaube als Ideologie des Reiches politisch nützlicher. Für ihn zählte nicht die Wahrheit, sondern die politische Zweckmäßigkeit: Er wollte die Religion als Bindemittel der Einheit des Reichs instrumentalisieren. Diese großen Väter aber leisteten Widerstand, und so verteidigten sie die Wahrheit gegen die Vorherrschaft der Politik. Aus diesem Grund wurde Eusebius – wie viele andere Bischöfe des Ostens und des Westens – zur Verbannung verurteilt: wie Athanasius, Hilarius von Poitiers – von dem wir das letzte Mal gesprochen haben –, oder Hosius von Córdoba.

In Skythopolis in Palästina, wo er zwischen 355 und 360 in Verbannung lebte, schrieb Eusebius eine wunderbare Seite seiner Lebensgeschichte. Auch hier gründete er mit einer kleinen Gruppe von Schülern ein Kloster, und von hier aus besorgte er die Korrespondenz mit seinen Gläubigen in Piemont, wie vor allem der zweite der drei als authentisch anerkannten Briefe des Eusebius zeigt. Später, nach dem Jahr 360, wurde er nach Kappadokien und in die Thebaides verbannt, wo er schwere körperliche Misshandlungen erlitt. 361 starb Konstantius II. Auf ihn folgte Kaiser Julian, der so genannte „Apostata“ (der Abtrünnige), der nicht am Christentum als Reichsreligion interessiert war, sondern einfach eine Restauration des Heidentums wollte.

Er setzte der Verbannung dieser Bischöfe ein Ende und erlaubte es somit auch Eusebius, seinen Bischofsstuhl wieder in Besitz zu nehmen. Im Jahr 362 wurde er von Athanasius eingeladen, am Konzil von Alexandrien teilzunehmen, das beschloss, den arianischen Bischöfen unter der Bedingung zu vergeben, dass sie wieder in den Laienstand zurückkehren. Eusebius konnte noch ungefähr zehn Jahre, bis zu seinem Tode, das Amt des Bischofs ausüben und dabei mit seiner Stadt eine beispielhafte Beziehung verwirklichen, die es nicht daran fehlen ließ, den Hirtendienst der anderen Bischöfe Norditaliens wie des heiligen Ambrosius von Mailand und des heiligen Maximus von Turin zu inspirieren, mit denen wir uns in den kommenden Katechesen auseinandersetzen werden.

Die Verbindung, die zwischen dem Bischof von Vercelli und seiner Stadt besteht, wird vor allem durch zwei Briefzeugnisse erhellt. Das erste findet sich im bereits erwähnten Brief, den Eusebius aus der Verbannung in Skythopolis „an die geliebten Brüder und an die so sehr ersehnten Priester sowie an die heiligen und im Glauben fest stehenden Völker von Vercelli, Novara, Ivrea und Tortona“ schreibt (Ep. Secunda, CCL 9, S. 104). Diese Einleitungsworte, die die Rührung des guten Hirten angesichts seiner Herde verdeutlichen, erfahren am Ende des Briefs, in den herzlichen Grüßen des Vaters an alle und jedes seiner Kinder in Vercelli, mit Worten, die vor Zuneigung und Liebe überfließen, eine weitere Bestätigung. Es ist vor allem die ausdrücklich beschriebene Beziehung festzuhalten, die den Bischof mit der sanctae plebes nicht nur von Vercellae (Vercelli) verbindet – der ersten und noch für einige Jahre einzigen Diözese Piemonts –, sondern auch mit der von Novaria (Novara), Eporedia (Ivrea) und Dertona (Tortona), das heißt jener christlichen Gemeinden, die innerhalb derselben Diözese eine gewisse Dichte und Autonomie erlangt hatten. Ein weiteres interessantes Element fördert der Gruß zum Schluss des Briefes zutage: Eusebius bittet seine Söhne und Töchter darum, „auch jene [zu grüßen], die außerhalb der Kirche stehen, und die geruhen, uns zu lieben: etiam hos, qui foris sunt et nos dignantur diligere“. Das ist ein klares Zeichen dafür, dass sich die Beziehung des Bischofs zu seiner Stadt nicht nur auf die christliche Bevölkerung beschränkte, sondern sich auf jene erstreckte, die – außerhalb der Kirche – in gewisser Weise dessen geistliche Autorität anerkannten und diesen beispielhaften Menschen liebten.

Das zweite Zeugnis für die einzigartige Beziehung des Bischofs und seiner Stadt entstammt dem Brief, den der heilige Ambrosius von Mailand um das Jahr 394an die Bevölkerung von Vercelli schrieb, mehr als 20 Jahre nach dem Tod des Eusebius (Ep. extra collectionem 14: Maur. 63).

Die Kirche von Vercelli machte eine schwierige Zeit durch: Sie war gespalten und ohne Hirten. Aufrichtig erklärte Ambrosius, dass es ihm schwer falle, in den Bewohnern von Vercelli „die Abstammung von den heiligen Vätern [wieder zu erkennen], die Eusebius annahmen, sobald sie ihn gesehen hatten, ohne ihn je vorher gekannt zu haben, und die dabei sogar ihre Mitbürger vergaßen“. Im selben Brief beweist der Bischof von Mailand sehr deutlich seine Wertschätzung für Eusebius: „Ein so großer Mann“, schreibt er unumstößlich, „hatte es wohl verdient, von der ganzen Kirche gewählt zu werden.“

Die Bewunderung des Ambrosius für Eusebius gründete vor allem in der Tatsache, dass der Bischof von Vercelli seine Diözese mit dem Zeugnis seines eigenen Lebens regierte: „Mit der Strenge des Fastens regierte er seine Kirche.“ In der Tat war auch Ambrosius – wie er selbst anerkennt – vom monastischen Ideal der Kontemplation Gottes fasziniert, dem Eusebius in den Spuren des Propheten Elias gefolgt war. Als Erster, so merkt Ambrosius an, sammelte der Bischof von Vercelli seinen Klerus in vita communis und erzog ihn „trotz eines Lebens mitten in der Stadt zur Befolgung der monastischen Regeln“. Der Bischof und sein Klerus sollten die Probleme der Mitbürger teilen, und sie haben es auf glaubwürdige Weise getan, gerade indem sie gleichzeitig eine andersgeartete Bürgerschaft teilten: jene des Himmels (vgl. Heb 13,14). Und so haben sie wirklich eine wahre Bürgerschaft aufgebaut, eine wahre gemeinsame Solidarität unter den Bürgern von Vercelli.

Während sich Eusebius so um die Angelegenheiten der sancta plebs von Vercelli kümmerte, lebte er inmitten der Stadt wie ein Mönch und öffnete die Stadt hin zu Gott. Dieser Charakterzug nahm also seinem pastoralen Dynamismus nichts. Unter anderem hat er, wie es scheint, in Vercelli die Landpfarreien für einen geordneten und stabilen kirchlichen Dienst eingerichtet und die Marienheiligtümer zur Bekehrung der heidnischen Landbevölkerung gefördert. Ja, sogar im Gegenteil: Dieser „monastische Zug“ verlieh der Beziehung des Bischofs mit seiner Stadt eine besondere Dimension. Wie die Apostel, für die Jesus während des Letzten Abendmahls gebetet hat, sind auch die Hirten und Gläubigen der Kirche „in der Welt“ (Joh 17,11); aber sie sind nicht „von der Welt“. Deshalb, so erinnert uns Eusebius, müssen die Hirten die Gläubigen dazu ermahnen, die weltlichen Städte nicht als ihren festen Wohnsitz zu betrachten, sondern die zukünftige Stadt zu suchen, das endgültige Jerusalem des Himmels. Dieser „eschatologische Vorbehalt“ gestattet es den Hirten und den Gläubigen, die rechte Werteskala zu wahren, ohne sich den Moden des Augenblicks und den ungerechten Ansprüchen der herrschenden politischen Macht zu beugen. Die wahre Werteskala – das scheint uns das ganze Leben des Eusebius zu sagen – kommt nicht von den Kaisern gestern und heute, sondern von Jesus Christus, dem vollkommenen Menschen, dem Vater gleich in der Gottheit und dennoch Mensch wie wir. Unter Bezugnahme auf diese Werteskala wird es Eusebius nicht müde, seinen Gläubigen „innig anzuempfehlen, mit aller Sorgfalt den Glauben zu wahren, die Eintracht aufrechtzuerhalten, im Gebet eifrig zu sein“ (Ep. Secunda).

Liebe Freunde, auch ich empfehle euch von ganzem Herzen diese ewigen Werte an, während ich euch mit denselben Worten grüße und segne, mit denen der heilige Bischof Eusebius seinen zweiten Brief schloss: „Ich wende mich an Euch alle, meine Brüder und heiligen Schwestern, Söhne und Töchter, Gläubige beiderlei Geschlechts und jeden Alters, auf dass Ihr unseren Gruß auch denen überbringt, die außerhalb der Kirche stehen, und die geruhen, uns zu lieben: etiam hos, qui foris sunt et nos dignantur diligere“ (ebd.).

[Zur Zusammenfassung seiner Ausführungen auf Deutsch bediente sich der Papst des folgenden Manuskripts:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute wollen wir uns dem heiligen Eusebius zuwenden, der als erster geschichtlich bezeugter Bischof im norditalienischen Vercelli ein Zeitgenosse und Mitstreiter des heiligen Hilarius war, über den wir am vergangenen Mittwoch gesprochen haben. Eusebius wurde um 300 in Sardinien geboren. Die Familie siedelte bald nach Rom über, wo der junge Eusebius zum Lektor geweiht und damit in den Klerikerstand aufgenommen wurde. Die große Hochachtung seitens der Gläubigen führte zu seiner Wahl auf den Bischofsstuhl von Vercelli im Jahr 345. Hier widmete sich der neue Bischof der intensiven Missionierung des noch heidnisch geprägten Hinterlandes. Inspiriert durch ein Werk des heiligen Athanasius gründete Eusebius eine Priestergemeinschaft, die in Norditalien den Anstoß für ein fruchtbares apostolisches Wirken gab und aus der eine Reihe großer Bischöfe hervorgegangen ist, die heute als Heilige verehrt werden.

In der Auseinandersetzung mit der Irrlehre des Arius trat Eusebius für die Lehre des Konzils von Nizäa ein, dass Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Er wurde deshalb vom Kaiser – welcher der arianischen Lehre nahe stand – in die Verbannung nach Kleinasien geschickt. Im Exil blieb Eusebius seinen Gemeinden im Herzen nahe, was mehrere Pastoralbriefe dieser Zeit von 355 bis 360 eindrucksvoll bezeugen. Der Bischof ermahnte die Christen, dass sie in der Welt keine bleibende Heimat haben, sondern auf dem Weg zum himmlischen Jerusalem sind. „Wahrt in aller Wachsamkeit den Glauben, wahrt die Eintracht, widmet euch dem Gebet“, rief er den Gläubigen zu.

[Die Pilger aus dem deutschen Sprachraum grüßte Benedikt XVI. mit den Worten:]

Von Herzen grüße ich die Pilger und Besucher deutscher Zunge, insbesondere das Generalkapitel der Missionare von der Heiligen Familie. Stärkt die Einheit unter den Menschen im Gebet und durch gute Werke! So helft ihr dem Nachfolger Petri in seinem Hirtendienst. Gott, der Herr unseres Lebens, geleite euch allezeit.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]