Echte Zeitzeugen werden!

Ansprache von Erzbischof Schick anlässlich einer Ausstellungseröffnung

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BAMBERG, 16. Mai 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Erzbischof Dr. Ludwig Schick am 7. Mai anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Unsere Zeit - Zeitzeugen erinnern sich“ (vgl. Video) gehalten hat.

Von der Wanderausstellung zum 60-Jahr-Jubiläum der Bundesrepublik erhofft sich der Hirte von Bamberg vor allem eines: „Wir alle sollen Zeitzeugen werden!“

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Verehrte Ehrengäste,
liebe Mitchristen,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

1. Es ist menschlich, aber auch klug und vernünftig, ab und an inne zu halten, zurückzublicken und Fragen zu stellen: Was war denn und wie war es? Wie weit und wohin sind wir gekommen? Wo stehen wir und wie kann es weitergehen?

2. Wer sich nicht besinnt, der verliert die Orientierung. Nach über 60 Jahren „von 1945 bis heute im Erzbistum Bamberg“ ist Standort- und Zielbestimmung wichtig. „Leben und Erfahrungen reden“, so lautet der Titel meines Statements zur Ausstellungseröffnung „Unsere Zeit – Zeitzeugen erinnern sich“. Leben und Erfahrungen sprechen anders, tiefer und persönlicher als Bücher und Artikel, als analytische und theoretische Darlegungen. Sie sprechen von Person zu Person. Sie zu hören, zu bedenken und miteinander zu besprechen, ist höchst nützlich, um die Vergangenheit zu verstehen und sich für die Zukunft zu rüsten.

Besinnung und Orientierung waren die Gründe für dieses Projekt „Zeitzeugen“. Ich danke allen, die sich für die Ausstellung und das Buch, das noch in Bearbeitung ist, engagiert und Fotos sowie Interviews beigesteuert haben: Der Projektabteilung der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit und der Abteilung Erwachsenenbildung im Ordinariat unserer Erzdiözese Bamberg sowie vor allem all denen, die in den Interviews ihre Erinnerungen, ihr Leben und ihre Erfahrungen in das Projekt eingebracht haben. Danke sage ich auch den Geldgebern, vor allem der Oberfrankenstiftung.

3. Mit meiner Ansprache möchte ich eine Betrachtungshilfe oder -anleitung für die Ausstellung geben. Erwarten Sie deshalb nicht von mir, dass ich die eben gestellten Fragen umfassend und abschließend beantworte. Das kann ich nicht! Aber vor allem: Das möchte ich nicht! Vielmehr möchte ich Ihnen und allen Betrachtern der Ausstellung die oben genannten und weiteren Fragen ans Herz legen und mitgeben. Nur wer Fragen hat, erhält Antworten. Wer persönliche Antworten findet, wird selbst ein Zeitzeuge. Das soll die Ausstellung bewirken: Wir alle sollen Zeitzeugen werden!

Das Betrachten der Bilder und Lesen der Texte soll in allen Besuchern der Ausstellung Fragen aufwerfen: Wie habe ich diese 60 Jahre erlebt, welche Erfahrungen habe ich gemacht? Wie sehe und bewerte ich den Zeitraum, in dem sich mein Leben abspielt? Was fehlt in dieser Ausstellung? Was habe ich zu ergänzen? So kann jeder auf seine Weise der Wahrheit über diesen Zeitraum näher kommen und so selbst Zeitzeuge werden.

4. Es handelt sich um eine Ausstellung, die weltliche und kirchliche Ereignisse nebeneinanderstellt. Profan- und Kirchengeschichte sind immer ineinander verwoben. Das stellt weitere Fragen. Wie hat sich unsere Welt und Gesellschaft entwickelt und unsere Kultur verändert? Wie hat Kirche dabei gewirkt und mitgewirkt? Sind Spuren Gottes wahrzunehmen? War das Evangelium in den Jahren seit 1945 bis heute präsent und wenn ja, wie war es wirksam? Wie habe ich Kirche erlebt, was hat Kirche bewirkt? Wie war ich dabei und mittendrin, passiv oder aktiv bzw. beides? Wer keine Fragen hat, bekommt keine Antworten. Wer keine Antworten hat, ist kein Zeuge.

5. Die Ausstellung stellt Fakten dar. Sie zeigt, dass unsere Kirche, die Erzdiözese Bamberg, in diesen Jahren nach dem Krieg bis heute lebendig gewesen ist und vieles gewirkt hat. Die Zeit nach dem Krieg war von gewaltigen Aufbauleistungen geprägt. Z. B. wurde das Siedlungswerk St. Josef gegründet, das Häuser für die Ausgebombten und Flüchtlinge baute. Die Heimatvertriebenen wurden nach und nach integriert und beteiligten sich am Leben der Städte und Gemeinden. Die Kirche hat hierbei entscheidend mitgewirkt. Es wurden für die Katholiken aus dem Osten in den Diasporagebieten der Erzdiözese viele neue Kirchen und Gemeindezentren errichtet und Pfarreien gegründet. Kirchliche Kindergärten und Schulen wurden gebaut. Vor allem die Frauenorden hatten einen Aufschwung, die Caritas breitete sich aus und übernahm viele Aufgaben in der Kinder-, Jugend- und Familienfürsorge, im Beratungsbereich, in der Sozialfürsorge und in der Altenpflege unserer Gesellschaft.

Die Kirche hat auch viel kritisches Potenzial gegen die Aufrüstung (Gründung der Bundeswehr), gegen die Atomkraft sowie gegen die Zerstörung der Natur aktiviert und hervorgebracht. Dabei gab es sicher auch Übertreibungen und Fehleinschätzungen. Aber grundsätzlich ist positive Kritik wichtig, das Evangelium enthält sie.

6. In den Jahren nach dem Krieg wurde im Erzbistum Bamberg Neues hervorgebracht. Es blieb aber auch das Altbewährte und Unaufgebbare erhalten und wurde behutsam den Entwicklungen der Zeit angepasst. Die Liturgie, besonders die Eucharistie, wurde in deutscher Sprache und den Menschen zugewandt gefeiert. Heute fragen sich einige: Ist unser Gottesdienst noch genügend Gott zugewandt?

Der Inhalt des Glaubens ist unverändert geblieben, aber die Form der Verkündigung, Katechese, Lehre und Übermittlung ist neu geworden. Besonders die Volksfrömmigkeit ist stark geblieben. Wir denken an unsere Wallfahrten und die großen Wallfahrtsorte Vierzehnheiligen, Gößweinstein, Marienweiher und ebenso an die vielen kleinen. Wir denken an die Heinrichsfeste, die wir erlebt haben. Die Fortschritte in der Ökumene und die Herausforderungen für und durch die Weltkirche stehen uns vor Augen. Wir denken an die vielen Gebete und Gottesdienste, die nach wie vor gebetet und gefeiert werden. Das Bamberger Pastoralgespräch und der Pastoralplan: „Den Aufbruch wagen – heute!“ haben uns bewegt und wirken. Unser großes Bistumsjubiläum „1000 Jahre Bistum Bamberg“ ist in lebendiger Erinnerung.

7. Wir denken an die Zeit, in der wir finanziell große Schwierigkeiten hatten; an den Einstellungsstopp, der alle Bereiche betraf und betrifft, den wir derzeit an einigen wenigen Stellen lockern können. Wir denken an den Priestermangel und an die Auflösung der vielen Schwesternstationen, an die notwendige, aber weiß Gott nicht leichte Umstrukturierung der Pfarreien in Seelsorgebereiche.

In den letzten Jahren sind auch Ermüdungserscheinungen festzustellen. Die Zahl der Katholiken nimmt ab, die Zahl der Kirchgänger ebenso, die Zahl der Priester und Ordensleute geht dramatisch zurück. Wie werden die Kirche der Zukunft und das Erzbistum Bamberg aussehen?

8. Es gab in den mehr als 60 Jahren viele Katholiken, die in den Katalog der Heiligen gehören und an Allerheiligen zu feiern sind. Es gab aber auch Sünde und Schuld von Christen, auch von Verantwortungsträgern, was der Kirche, ihrem Ansehen und Wirken geschadet hat.

9. Vieles von diesen vielen Aspekten vermittelt die Ausstellung, vieles bleibt auch unbeachtet. Sie will uns anregen, nachzudenken, eine eigene Position zu finden und mitzuwirken, in die Zukunft hinein.
Von Blaise Pascal stammt das Wort: „Nicht was wir sehen, wohl aber wie wir sehen, bestimmt den Wert des Gesehenen“. Wie wir sehen, ist wichtig! Sehen wir zunächst mit offenen Augen, ohne Vorurteil, ohne die rosarote Brille, die alles von vornherein verklärt sieht, aber auch ohne den grauen Pessimismusschleier.

Zum „Wie wir sehen“ gehört für Christen auch, dass wir sowohl mit den Augen der Sinne und mit den Augen der Vernunft als auch mit den Augen des Glaubens sehen. Was sagt uns Gott damit? Und wir sollen den Durchblick bekommen, damit wir (hin)einsehen und begreifen, was sich da alles tut und entwickelt und den entdecken, der hinter allem steht, unser guter Gott, der ein Gott des Weges, der Wahrheit und des Lebens ist (vgl. Joh 14,6).

„Ausstellung“ bedeutet immer ‚zum Schauen ausstellen’, aber auch so hinstellen, dass der Betrachter durchblicken und die ‚Tiefenschichten’ erkennen kann. Ich wünsche allen Betrachtern dieser Ausstellung, dass das Leben und die Erfahrungen der Zeitzeugen zu ihnen sprechen und dass dadurch ihr eigenes Leben und ihre eigene Erfahrung zum Sprechen kommen. Darin und dadurch wird das Leben und die Zukunft ‚gezeugt’.

10. Mögen alle Betrachter dieser Ausstellung Zeitzeugen im dreifachen Sinn des Wortes werden:

Zeitzeugen, die ihre Zeit den anderen zeigen,Zeitzeugen, die bezeugen, was ihre Zeit für sie bedeutet, Zeitzeugen, die Zeit zeugen - neue Zeit und Zukunft gebären.

Erst wenn alle drei Aspekte erfüllt sind, ist ein Mensch ein ‚echter Zeitzeuge’.

[Vom Bistum Bamberg veröffentlichtes Original]