Ehe und gleichgeschlechtliche Vereinigungen: Ein und dasselbe?

Einige Niederlagen der Aktivisten, aber die Auseinandersetzung geht weiter

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NEW YORK, den 22. November, 2003 (ZENIT.org).- Die so genannte Homoehe ist nach der strittigen Entscheidung des Obersten Gerichtshofs von Massachusetts am Dienstag, den 18. November wieder einmal in den Schlagzeilen. Mit vier zu drei Stimmen entschied das Gericht, dass, nach den Bestimmungen der Landesverfassung, gleichgeschlechtliche Paare ein Recht auf eine Zivilehe haben. Der Entscheidung waren jüngste Niederlagen für gleichgeschlechtliche Paare an den Gerichtshöfen von New Jersey und Arizona vorausgegangen, bei denen noch die Möglichkeit der Berufung besteht.



In dem Urteil erklärt Oberrichterin Margaret Marshall, die Definition der Ehe als einer Vereinigung von einem Mann und einer Frau beraube ungerechterweise Individuen des Zugangs zu einer Institution, “die von grundlegender rechtlicher, persönlicher und gesellschaftlicher Bedeutung” ist, und das lediglich aus dem Grund, weil sie das gleiche Geschlecht haben.

Hier handelt es sich um viel mehr als nur um einen Fall von einfacher Diskriminierung. Dies zeigt eine weit gefächerte Sammlung von Meinungen mit dem Titel, “Ehe und gleichgeschlechtliche Vereinigungen, -- Eine Debatte”, die gerade vor wenigen Monaten erschienen ist.

Von Lynn Wardle, Mark Strasser, William Duncan und David Orgon Coolidge redigiert, stellt das Werk Essays paarweise einander in Form einer Debatte gegenüber und lässt die Autoren so über eine Reihe von Themen diskutieren, vom Wesen der Ehe und dem, was gleichgeschlechtliche Vereinigungen implizieren, bis zu Vorstellungen über Gleichberechtigung, Diskriminierung und durch die Verfassung garantierte Rechte.

Eines der Hauptthemen, das sich durch das Buch zieht, ist das Wesen der Ehe als Institution. Beim Argumentieren zu Gunsten der Homoehe sieht Evan Wolfson die Ehe hauptsächlich als eine Quelle von Privilegien. Er stellt fest, dass Ehepaare vom Staat vielfache Förderungen und Fürsorge erhalten, die ungerechterweise gleichgeschlechtlichen Partnerschaften verweigert werden. In diesem Sinne, so sagt er, ist die Gleichstellung homosexueller Vereinigungen mit der heterosexuellen Ehe ein wesentlicher Teil des Kampfes um die Gewinnung der Gleichberechtigung für Homosexuelle. Wolfson sieht positive Elemente in der Einführung der gesetzlichen Anerkennung bürgerlicher Vereinigungen, wie im Staat Vermont geschehen. Aber, so sagt er, “man gewährt ihnen nicht gleiche Vorteile und lässt die Paare und diejenigen, die mit ihnen zu tun haben, in Rechsunsicherheit.

Dem hält Maggie Gallagher entgegen, Wolfsons Argument klammere eine Schlüsselfrage aus: Ist Ehe nur ein anderes Wort für eine private, enge Beziehung, oder ist sie mehr. Gallagher bejaht letzteres und erklärt, dass die Ehe eine normative gesellschaftliche Institution ist; dass ihre Existenzberechtigung darin besteht, eine bestimmte Art von Vereinigung, die dauerhaft, auf Kinder ausgerichtet und treu ist, zu stützen und zu fördern. Die Ehe ist eine Schlüsselinstitution bei der Erzeugung, dem Aufziehen und Ernähren der nächsten Generation. Wenn man gleichgeschlechtliche Vereinigungen auf die gleiche Stufe stellen würde wie die Ehe, wäre dies daher ein Schritt in eine Richtung, die derjenigen genau entgegen gesetzt wäre, die wir einschlagen müssen, um mit den Schwierigkeiten, welche die Familie hat, fertig zu werden, argumentiert Gallagher.

Gallagher weist auch darauf hin, dass die Formen der Ehe in den verschiedenen Gesellschaften einige Merkmale miteinander gemeinsam haben. Die Ehe schafft Rechte und Privilegien zwischen dem Ehepaar und seinen Kindern. Sie wirkt auch normativ, indem sie für die Kinder definiert, was die Verwandtschaft ist und welchen Zwecken sie dient. Eine Homoehe setzt dies alles aufs Spiel.

Die Ehe “völlig formbar”?

William Duncan spricht ebenfalls dieses Thema an, indem er darauf hinweist, dass die Aktivisten versuchen, den Staat dazu zu benutzen, die Ehe umzudefinieren, mit dem Ziel, die Gesellschaft umzugestalten. Mehrere Dinge seien für dieses neue Ehemodell charakteristisch. Nämlich: Die Ehe hat nichts mit dem Unterschied der Geschlechter zu tun; sie ist eine völlig formbare gesellschaftliche Institution; gleichgeschlechtliche Paare werden für genau so fähig betrachtet, für Kinder zu sorgen; sie (die Homoehe) soll vom Gesichtspunkt der elementaren Fairness aus vom Staat gewährt werden.

Dies sei eine “erschreckende Umdefinierung” der Ehe, stellt Duncan dazu fest. Die Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau sei qualitativ etwas anderes als die eines homosexuellen Paares. Er stellt auch fest, dass die Ehe vor dem Staat existiert und von dem letzteren wegen ihres inneren Wertes anerkannt worden ist. Dies ist kein theologisches Argument, betont er. Die Ehe entstand nicht per Gesetz und “ist deswegen nicht völlig formbar.”

Was die Fortpflanzung anbelangt, so macht Duncan darauf aufmerksam, dass das Eherecht die Tatsache anerkennt, dass nur die sexuelle Beziehung eines Mannes und einer Frau zur Empfängnis eines Kindes führen kann. “Daraus ergibt sich ein Interesse des Staates an der ehelichen Beziehung, das gegenüber anderen Beziehungen nicht existiert”, schreibt er.

Von der Ehe galt auch deswegen immer; dass ein Mann und eine Frau dazu gehört, fährt Duncan fort, “weil das mit nichts vergleichbare Zusammenwirken von Mann und Frau beim Aufziehen der Kinder durch keine anderen Beziehungen, in denen das Aufziehen von Kindern geschieht, gleichwertig ersetzt werden kann.”

Teresa Stanton Collett verteidigt in ihrem Essay die Auffassung, dass die Ehe besonderen Schutz erhalten sollte. Sie untersucht die Ursachen für den Erfolg der Homosexuellen bei ihrem Versuch, die Institution Ehe umzudefinieren. Als Faktoren sieht sie die Aufgabe des Schuldprinzips bei der Ehescheidung, die veränderten Moralvorstellungen in Bezug auf die Sexualität, denen zufolge außerehelicher Geschlechtsverkehr nicht mehr als tadelnswert gilt, und die Anwendung von Mitteln zur Geburtenregelung mit dem Ziel, den ehelichen Verkehr unfruchtbar zu machen. All diese Faktoren, so Collett, haben dabei zusammengewirkt, sowohl die Sicht der Gesellschaft von dem, was die Ehe ist, als auch die Weise, wie Ehepaare das Recht im Verhältnis zu ihrer Vereinigung sehen, zu verändern.

Da die Ehe zunehmend als eine “nach Belieben eingegangene auf Zuneigung beruhende Verbindung” angesehen werde, bei der das Kinderbekommen als optionales (wahlfreies) Extra gelte, sei es viel schwerer, die staatliche Anerkennung der Ehe als etwas zu verteidigen, das unauflösbar mit der Fortpflanzung und der Bildung einer Familieneinheit verbunden ist. Aber die Antwort darauf bestehe nicht darin, die Ehe noch weiter zu schwächen, indem man sie auf gleichgeschlechtliche Paare ausdehne, schreibt Collett. Wir müssten vielmehr “die schwierigere Aufgabe in Angriff nehmen, die offizielle Anerkennung der Tatsache wieder einzuführen, dass die Ehe mit Selbsthingabe, sexueller Selbstbeherrschung und Fortpflanzung verbunden ist.”

Als Nächstes die Polygamie?

In seiner Verteidigung der Homoehe meint Mark Strasser, die Zuerkennung eines solchen rechtlichen Status‘ für homosexuelle Paare würde dem Staat Nutzen bringen. Da ja die Ehe Beständigkeit für Erwachsene und Kinder fördere und ihnen helfe, ein glücklicheres und beständigeres Leben zu führen, wäre es ein Plus, wenn es mehr Paaren erlaubt würde, diesen Status zu erhalten, argumentiert er. Der Staat würde von der gegenseitigen wirtschaftlichen Unterstützung, die ein verheiratetes Paar füreinander aufbringt, profitieren. Die Paare könnten auch staatliche Gesundheitsdienste in Anspruch nehmen, und etwaige Trennungen könnten auf gesetzlich geordnete Weise geregelt werden, so Strasser.

In einem Einzelessay, der sich mit einigen ähnlichen Themen befasst, vertritt Arthur Leonard ebenfalls die Auffassung, dass die Zuerkennung des Status der Ehe an gleichgeschlechtliche Vereinigungen bessere Regelungen für jene Paare ermöglichen werde, die Kinder aufziehen und sich auf diese Weise um einen wichtigen Belang der Rechtsordnung kümmern.

Dagegen warnt John Witte Jr., es sei zu “oberflächlich” zu behaupten, dass die Gesamtinteressen und die Produktivität durch die Erlaubnis einer gleichgeschlechtlichen “Ehe” verbessert würden. Die öffentliche Meinung sei in dieser Frage sehr gespalten. Eine überstürzte Gewährung solcher Rechte werde den gegenwärtigen Zustand der Verwirrung nur noch verschlimmern und die Voraussetzungen für einen zukünftigen gefährlichen gesellschaftlichen Konflikt schaffen. Wenn gesellschaftliche Vorteile und individuelles Glück zu Kriterien für Reformen des Eherechts würden, “dann würden auch Einwände gegen inzestuöse (blutschänderische) Ehen, Ehen von Heranwachsenden und polygame Ehen nicht mehr gelten dürfen”, schreibt er.

Und Lynne Marie Kohm weist darauf hin, dass die Ehe kein gesellschaftliches Konstrukt ist sondern nach einem ursprünglichen (schon immer bestehenden) Plan präexistent vor dem Gesetz da ist. Daher würde die Elternschaft eines gleichgeschlechtlichen Paares nicht dem öffentlichen Nutzen dienen, weil sie dem Kind entweder einen Vater oder eine Mutter vorenthält, was unvermeidlich zu Problemen führen würde.

Die Bischofskonferenzen von England und Wales, Kanada und den Vereinigten Staaten haben alle vor kurzem ebenfalls ihre Stimme in dieser Debatte erhoben und Dokumente veröffentlicht, die sich gegen die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Vereinigungen wenden.

Der Papst hat ebenfalls zu dem Thema Stellung genommen, besonders in seiner Ansprache vor den Bischöfen von England und Wales am 23. Oktober in Rom zu ihrem alle fünf Jahre stattfindenden Besuch. Von besonderer Bedeutung, bemerkt Johannes Paul II., “ist die Notwendigkeit, die Einzigartigkeit und Unvergleichlichkeit der Ehe als einer lebenslangen Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau zu wahren, in der sie als Ehemann und Ehefrau an Gottes liebendem Schöpfungswerk teilhaben. Eine Gleichbehandlung der Ehe mit anderen Formen des Zusammenlebens verdunkelt die Heiligkeit der Ehe und verletzt ihren kostbaren Wert in Gottes Plan für die Menschheit.” Eine schwere Verantwortung liegt auf Politikern und Richtern, wenn sie über eine Entscheidung in dieser Frage beraten.