Ehe und Zölibat: Was beide verbindet, ist die Liebe

Interview mit dem spanischen Autor P. José Manglano

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MADRID, 30. Januar 2008 (Zenit.org).- Ist die Ehe in der Krise, dann trifft das auch für die Berufung zum Zölibat zu. Das bestätige die Geschichte, bekräftigt P. José Pedro Manglano.



In seinem neuen Buch „El Amor y Otras Idioteces: Guía Práctica Para No Perder a Quien Tú Quieres“ („Liebe und andere Torheiten: Praktische Anleitung, wie man den, den man liebt, nicht verliert“) spricht der Priester von dem, was Ehe und Zölibat miteinander verbindet. Im ZENIT-Interview erläutert P. Manglano, was wahre Liebe ist und wie sie schwierige Zeiten überdauern kann.

ZENIT: Ein Priester, der über „Liebe und andere Torheiten“ schreibt, muss auffallen…

P. Manglano: Wie lustig, dass Sie damit anfangen! Das sagen mir alle.

ZENIT: Das kommt doch nicht allzu oft vor, oder?


P. Manglano: Das stimmt, da haben Sie Recht. Natürlich ist das etwas, was die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Aber warum ist das das Erste, was einem dabei in den Sinn kommt?

Vielleicht könnte man eine erste Frage so formulieren: Was kann ein zölibatär Lebende schon viel über die Liebe sagen? Als ob es selbstverständlich wäre, dass einer, der sich für die Ehelosigkeit entscheidet, sich zu jemandem machte, der in Sachen Liebe keine Ahnung hat.

Ich habe den Eindruck, dass diese scheinbare Nebensächlichkeit auf eine Situation hinweist, die im Buch Benedikts XVI. „Salz der Erde“ dargelegt wird: Die Geschichte zeige, dass in Zeiten, in denen die Ehen in einer Krise sind, es auch der Zölibat (die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen) ist.

ZENIT: Warum ist das so? Wie ergibt sich das eine aus dem anderen?


P. Manglano: Zölibat und Ehe sind eben, wie die Kirche lehrt, die beiden besonderen und erhabenen Weisen, ein Leben in Liebe zu führen. Es gibt sicher auch andere Formen, aber keine anderen so erhabenen Weisen.

Heute erleben wir eine gewisse Krise der Ehe, zugleich aber auch eine gewisse Krise im Verständnis des Zölibats. Es wird nicht verstanden, dass der ehelos Lebende ein Liebender sein kann, und dass er wissen kann, was Liebe ist. Sein Leben besteht ja gerade darin, sich darin zu üben, Christus zu lieben sowie alle Männer und Frauen, nah und fern.

Und nicht nur das: Der ehelos lebende Christ hat eine tiefe Erfahrung von Gott, der die Liebe ist, und von ihm empfängt er Weisheit. Wem das nicht als wahr einleuchtet, der frage den heiligen Johannes vom Kreuz, dessen „Hohes Lied der Liebe“ ein Musterbeispiel für jede Liebesbeziehung ist.

ZENIT: Ihr Buch beleuchtet aber die Liebe zwischen Mann und Frau, zwischen Eheleuten.


P. Manglano: Das Buch handelt zwar von der Liebe eines Paares und nicht von der Liebe eines zölibatär Lebenden, aber die Liebe eines Paares ist ja eben Liebe, und das Wesen der Liebe, ihre Entwicklungsstadien, ihre Krisen und ihre Empfindungen haben eine Menge gemeinsam.

Um nicht im Abstrakten zu bleiben, beginne ich jedes Thema mit wunderbaren Beispielen aus der zeitgenössischen Literatur – um die Vorstellungen zu analysieren, die den verschiedenen Annäherungen an das Thema Liebe zugrunde liegen, die wir in unserer Kultur vorfinden.

ZENIT: Ist die Ehe eine Last, eine Bürde, die das Glücklichsein erschwert, wie einige Leute behaupten, oder gibt sie uns doch eher die Flügel, die uns zur Erfüllung unseres Lebenstraums tragen?


P. Manglano: Für jemanden, der die Heirat als amtliche Anerkennung einer subjektiven Beziehung versteht, durch die ich mich mit einer anderen Person verbinde, bedeutet heiraten ohne Zweifel eine Last. In diesem Falle schränkt das Heiraten meine Möglichkeiten ein und hilft mir in keiner Weise.

Für jemanden jedoch, der die Ehe als Schaffung eines Bundes versteht, der mich verwandelt, setzt das Heiraten einen Akt der Freiheit voraus, der ein „Wir“ hervorbringt; eine Hilfe, die uns die freie Hingabe des durch diese Vereinigung verwandelten „Ich“ erreichen lässt.

ZENIT: Was ist also die wahre Bedeutung von Liebe?


P. Manglano: Liebe ist das Werk unserer freien Entscheidung: nicht determiniert durch unsere Biologie, sondern vielmehr Freiheit im Sinne von Freiwerden von den Begrenzungen des eignen Ich.

Das spontane, unwillkürliche Sich-hingezogen-Fühlen – „Es stimmt die Chemie“, sagen wir gerne – wird durch die Freiheit in eine willentliche Vereinigung verwandelt. Liebe bedeutet eine freiwillige Verbindung, die mit dem Erleben der Anziehungskraft begann. Ja, Liebe ist Freiheit, und sie bedeutet die Erfüllung der Person in all ihren Dimensionen, die Überwindung der Einsamkeit.

ZENIT: Im Christentum bedeutet lieben, das eigene Leben für seine Feinde hinzugeben. Ist das möglich?

P. Manglano: Das erfordert eine Reinigung des Herzens, was nicht leicht ist. Christus kann es von uns verlangen, weil er uns diese Reinigung schenkt. Sie ist nur bei jenem Menschen möglich, der durch das Wirken des Heiligen Geistes verwandelt wird. Dieses Verhalten wird uns geschenkt, und dann – und nur dann! – kann es von uns auch verlangt werden.

ZENIT: Im Spanischen gibt es das Sprichwort: „Wer dich wirklich liebt, wird dich zum Weinen bringen. Wer dich nicht wirklich liebt, wird dich dahintreiben lassen.“ Ist Liebe per definitionem fordernd?


P. Manglano: Vielleicht hat unsere Kultur eine oberflächliche Sicht von der Ehe. Sie schaut auf den Anfangs- und den Endpunkt, verliert jedoch allzu leicht die übrigen Schritte aus dem Auge, die gegangen werden müssen, um diese Bahn zu vollenden.

Manche dieser Schritte sind von Freude und Glück begleitet; bei anderen muss man schwitzen. Manchmal ersticken sie das Lachen, und bei manchen Schritten geht einem die Luft aus...

Lieben bedeutet, eine gewaltige, äußerst schwierig herzustellende Einheit zustande zu bringen, die ihren Preis hat. Es ist ein Exodus, ein Aufbruch aus sich selbst hinaus, der uns vom Eros zur Agape führt.

Aber die Liebe fordert auch den anderen! Es geht nicht darum, den anderen aus Launen heraus zum Weinen zu bringen, sondern vielmehr, weil man will, dass er oder sie innerlich wächst. Es geh nicht darum, die Dinge für den anderen schwieriger zu machen, sondern darum, nicht vor jenen Schwierigkeiten zu fliehen, die sich ergeben: Er oder sie werden mit der Wirklichkeit konfrontiert; ihm oder ihr wird geholfen.

Wenn jemand nicht gerne mit bestimmten Leuten zusammen sein will, oder wenn er oder sie lieber mit mir zusammen ist, um der Arbeit aus dem Weg zu gehen, oder wenn er oder sie zu Eifersucht und zum Dominieren neigt, dann sind das Situationen, in denen er oder sie mich braucht, damit sie diesen mutig begegnen können. Ihm oder ihr mein mildes, nachsichtiges Mitgefühl zu schenken, ist nicht das, was am besten ist.

Wer dem anderen dazu verhilft, über der Wirklichkeit zu schweben, ohne den Tatsachen die Stirn zu bieten, anstatt zur Stelle zu sein, wenn er Grund berührt, liebt schlecht.

ZENIT: Warum sind wir vom Glauben an eine „beständige Liebe“ abgekommen, um eine  „flüchtige Liebe“ zu praktizieren?


P. Manglano: Seit Spinoza hat die Philosophie eine subjektive Liebe propagiert: Liebe als Leidenschaft, die mich auf Grund meiner Beziehung zu einem Menschen, mit dem „die Chemie stimmt“, wie wir gerne sagen, glücklich macht.

Die Liebe kommt als Faszination daher, die ich in mir selbst wiederfinde. In diesem Fall ist das, was ich liebe, wenn ich sage, dass ich liebe, nichts von mir selbst Verschiedenes. Auf diese Weise währt die Liebe nur so lange, wie das Gefühl anhält. Wenn das Gefühl nicht mehr da ist oder ich als ein anderer Mensch aufwache, wird diese ursprüngliche  Liebe gestorben sein, und so geht es dann immer weiter. Eine so verstandene Liebe ist notgedrungen kurzlebig.

Aber es gibt auch Philosophien, die Liebe als etwas Objektives verstehen: Es geht dort darum, sich aus freier Entscheidung im Lieben einer anderen Person zu üben, mit ihm oder ihr überein zu kommen. Das Du ist dann nicht mehr Anlass, um sich verliebt zu fühlen, sondern es ist vielmehr der Beweggrund, um dessentwillen ich aus mir selbst herauskomme, um mich selbst auf eine andere Lebensmitte zu gründen: die Person des geliebten Menschen.

Liebe ist „ein In-Beziehung-Stehen zu“: Ich komme heraus aus mir selbst und gehe dem einen Menschen entgegen, der dasselbe tut. Ja, dann ist es möglich, eine dauerhafte Liebe zu erreichen.

Das ist es im Grunde, was wir alle uns wünschen. Immer wieder haben mir Menschen, die verschiedene Ehesituationen erlebt haben, versichert: „Das Ideal wäre, dass es ewig dauert, aber... es ist nicht leicht. Ich würde es mir aber wünschen.“

[Das Interview führte Miriam Díez i Bosch; Übertragung ins Deutsche
von Christine und Gerhard Gutberlet]