Ehekrise in der Polarnacht

Filmrezension: Gnade

Berlin, (ZENIT.orgtextezumfilm) Dr. José García | 434 klicks

Hammerfest liegt im äußersten Norden Norwegens und damit auch Europas. Dorthin zieht der Hamburger Ingenieur Niels (Jürgen Vogel) mit Frau Maria (Birgit Minichmayr) und Sohn Markus (Henry Stange), um in einer Offshore-Gasgewinnungsanlage zu arbeiten. Allerdings steht beim Umzug nicht nur die berufliche Veränderung im Vordergrund, sondern ebenso ein privater Grund: Die Ehe von Niels und Maria befindet sich in einer Krise. Mit der Übersiedlung nach Norwegen hoffen sie, eine zweite Chance für ihre Ehe zu bekommen – so sagt es auch Maria. Anfang Januar in Hammerfest heißt aber auch Polarnacht: Am Rande des Eismeers übersteigt die Sonne zwei Monate lang nicht den Horizont. Die Dunkelheit schlägt aufs Gemüt. Dazu kommen die Anpassungsschwierigkeiten: Markus hat kaum Freunde und meint, sich durch Mobbing an einem Mitschüler besser integrieren zu können. Niels braucht eigentlich kaum Norwegisch zu lernen – in seiner Arbeitsstelle kommt er mit Englisch gut zurecht. Im Gegensatz zu ihm lernt Maria schnell die Sprache. Darüber hinaus hat sie Freunde an ihrer Arbeit in der Hospizabteilung eines Krankenhauses und singt im Kirchenchor. Mit ein paar Pinselstrichen verdeutlichen Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson und Regisseur Matthias Glasner, dass Niels seine Beziehung zu Frau und Kind in keinster Weise in den Griff bekommt. Er stürzt sich in seine Arbeit und in eine Affäre mit der hübschen Kollegin Linda (Ane Dahl Torp).

Scheint die Situation in der Familie festgefahren zu sein, so verändert sich alles, als Maria nach einer langen Doppelschicht auf dem Heimweg mit dem Auto etwas anfährt. Erschrocken hält sie den Wagen an und blickt in den Rückspiegel, aber es regt sich nichts. Unter Schock fährt Maria weiter und berichtet Niels davon. Als dieser noch in derselben Nacht den Unfallort absucht, kann er allerdings nichts entdecken. Warum das so ist, erfahren die beiden aus der Zeitung: Maria hatte eine 16-jährige Mitschülerin von Markus angefahren, die sich von der Straße wegschleppte, dann aber an Erfrierung starb. Sie hätte also das Mädchen retten können, hätte sie nach dem Zusammenprall angehalten. Muss Maria „lernen, damit umzugehen“? Oder gibt es für sie eine Möglichkeit, Vergebung zu erlangen? Verzweifelt schreit sie sich immer wieder die Seele aus dem Leib: „Ich bin nicht dieser Mensch, der andere tötet“. Auch Niels wird von Gewissensbissen gequält, weil er in der besagten Nacht das Mädchen nicht gefunden hat, und weil er zu Maries Mitwisser wird. Dieses Mitwissen wiederum hilft aber, die Wunden in ihrer Ehe zu heilen. Die Veränderung, die seit der Unfallnacht Niels durchmacht, wird äußerlich deutlich in einer Schlüsselszene, in der er auf einmal anfängt, Norwegisch zu sprechen.

Die Schwere der Schuld schlägt sich in den grandiosen Aufnahmen der vereisten Winterlandschaft von Kameramann Jakub Bejnarowicz nieder. Sie kontrastieren mit den warmen Farben der Innenszenen, so dass das Zusammenwirken der stark spielenden Jürgen Vogel und Birgit Minichmayr zusammen mit der metaphorischen Kameraführung eine bemerkenswerte Balance aus kammerspielartigem Melodram und gewaltigen Naturbildern hervorruft. Um die Seelenzustände von Niels und Maria zu verdeutlichen, setzt Regisseur Matthias Glasner eine Distanzierung, eine Brechung ein: Ihr Sohn Markus macht Handy-Aufnahmen von seinen Eltern, die er auf seinem Computer mit dramatischer Musik unterlegt. Im Laufe der Handlung gibt aber auch Markus seine Beobachterposition auf und beginnt, am Leben seiner Familie nicht nur medial, sondern unmittelbar teilzunehmen.

Glasners „Gnade“ macht seinem Titel alle Ehre: Der Film spricht tiefgreifende Fragen der menschlichen Existenz an, insbesondere im Zusammenhang mit einer schweren Schuld. Seine Protagonisten geben sich nicht mit Leugnen und Verdrängen zufrieden. Sie suchen tatsächlich die Gnade der Vergebung. Könnte der Kommentar einer Kollegin zu Maria – „Du bist der einzige Mensch, der an Gerechtigkeit glaubt“ – als ironisch aufgefasst werden, so behandelt Glasner völlig unironisch die Frage nach Schuld und Sühne, nach dem Gewissen. Weil Maria ohne Gegenleistung, lediglich durch die Anerkenntnis ihrer Schuld Vergebung erfährt, erhält Matthias Glasners Spielfilm eine religiöse, ja zutiefst theologische Dimension. „Gnade“ meint hier nachdrücklich das, was Theologen „gratia gratis data“ nennen, die von Gott ohne Gegenleistung erteilte Gnade. Dadurch wird etwa der Gegensatz zwischen menschlicher Gerechtigkeit, die ein „Anerkenntnisurteil“ fällt, und der Beichte, in der dem seine Schuld Bekennenden Vergebung zuteil wird. Dass die Familie ihren Neuanfang gerade nach schwerem Unglück in einer anderen Familie findet, mag einen schalen Nachgeschmack hinterlassen. Dies ermöglicht aber erst die bedingungslose Vergebung, ein sehr menschliches, aber ebenso christliches Sujet. Im Gegensatz zu unzähligen Filmen über Rache und Vergeltung stellen Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson und Regisseur Matthias Glasner Barmherzigkeit und Verzeihung in den Mittelpunkt ihres Films.