Eheleute nicht im Regen stehen lassen

Katechese über die Ehe (Teil 11)

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Von Pfarrer Ulrich Engel*

RODGAU, 14. Oktober 2011 (ZENIT.org). – Als Beitrag zu der seit dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in Deutschland wieder aufgeflammten öffentlichen Debatte über die kirchliche Lehre vom Ehesakrament veröffentlichen wir die folgende (mündlich gehaltene) Ehekatechese, deren jeweils vorausgehenden Teile auf unserer Website abrufbar sind.

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Die Unauflöslichkeit der Ehe

Insbesondere folgt aus der Einheit der Ehe aber auch die bedingungslose gegenseitige Treue der Ehegatten, deshalb folgt aus der Einheit der Ehe auch die Unauflöslichkeit der Ehe. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Die sakramentale Ehe ist unauflöslich. Sie kann weder von der Kirche selbst noch vom Staat mit Wirkung auf den kirchlichen Status der Eheleute geschieden werden. Auf den Verschenk-Charakter des Vollzugs der Ehe, der eigentlich allein schon ein Wiederverschenken an eine andere dritte Person zu Lebzeiten der Person, an die sie sich schon in der Ehe verschenkt hatte, ausschließt, wurde bereits hingewiesen. Aber auch die Sakramentalität der Ehe schließt eine Scheidung unbedingt aus. Weil ja die beiden Eheleute gerade die unbedingte und unverbrüchliche Treue und Einheit von Christus und seiner Braut, der Kirche, sinnfällig in dieser Welt zu leben und zu repräsentieren haben. Die Ehe ist die absolut exklusive Leib und Seele umfassende Lebensgemeinschaft von Mann und Frau auf Lebenszeit.

So wenig es eine Scheidung von Haupt und Leib bei dem mystischen Leib der Kirche geben kann, so wenig auch bei den Eheleuten. Auch der Herr bleibt seiner Kirche treu, obwohl er immer und immer mehr als nur überfließenden Grund hätte, seine Braut zum Teufel zu jagen, wegen ihrer Treulosigkeit, nämlich wegen ihrer schlimmen Sünden, die ja die Heilige Schrift des Alten Testamentes sehr deutlich als Ehebruch bezeichnet Und warum bleibt der Herr seiner Braut treu, trotz aller dieser schlimmen Vergehen? Aus Liebe. Und die ist unbedingt, unbedingt. Wer als Ehegatte also eine Einheit mit einem anderen versucht, denn zu einer Einheit kann es ja gar nicht kommen, weshalb man eine solche „Beziehung“ tatsächlich nur als bloße Partnerschaft bezeichnen kann, der bricht die Ehe und begeht Ehebruch. Das Wort vom Ehebruch ist dabei sehr zutreffend, denn die Einheit aus beiden Personen lässt sich nicht mehr in ihren ursprünglichen Zustand vor der Eheschließung trennen. Die Folge ehelicher Untreue ist ein Bruch der Einheit mit zwei Trümmerbrocken, die aber zu keinem anderen mehr passen. Aus Trümmern lässt sich keine andere neue Einheit schaffen.

Ehebruch begeht übrigens zugleich immer auch der, der sich mit einem vor Gott Verheirateten vereinigt, unabhängig davon, ob er auch selbst verheiratet ist oder sogar wirklich noch heiraten könnte, d.h. dass er selbst nicht an einen Ehegatten gebunden, sondern noch ledig oder verwitwet ist. Ich sage das einmal deshalb so deutlich, weil ich schon manchmal gehört habe, man könnte ja selbst noch heiraten, weil man noch ledig oder bereits verwitwet sei. Ja, du kannst dann noch bzw. wieder heiraten, aber nicht jeden, sondern immer nur jemanden, der selbst auch frei, d.h. der nicht selbst durch ein bestehendes Eheband mit einem anderen Gatten vor Gott verbunden ist. Im Falle eines Ehebruchs brechen also immer beide Partner, wie ich hier ausdrücklich sagen möchte, die Ehe.

Leider gehören die Ehescheidungen mit allen ihren katastrophalen Folgen gerade auch und vor allem für die Kinder schon seit Jahrzehnten zum Bild der Gesellschaft und prägen sie auch. Und auch die Ehen zwischen Katholiken machen da überhaupt keine Ausnahme. Als Gründe kann man hören: „Es sei halt nicht mehr gegangen, man habe sich auseinander gelebt, man wolle sich neu orientieren und so weiter“. Sie alle kennen diese Vorwände. Gerade auch die formale Gleichbehandlung der Eltern bei einer Scheidung müssen die Kinder ausbaden. Ein Wochenende bei Mama und dem Onkel, das andere wieder bei Papa und der Tante oder wie diese neuen Partner auch immer genannt und angesprochen werden mögen.

Die Unauflöslichkeit der Ehe ist für viele, auch für Katholiken, so muss man leider sagen, ein Anachronismus. Schließlich gibt es diese ja auch nur in der katholischen Kirche. Sie gilt als ein Akt der Willkür der Kirche und ihrer Unbarmherzigkeit. Wenn man der Kirche den Vorwurf der Unbarmherzigkeit macht, dann gerade auch mit der Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe. Was verstehe die zölibatäre Männerkirche von der Ehe und ihren Nöten? Sie alle kennen diese Töne so oder jedenfalls so ähnlich. Auch ist im Neuen Bund die Berufung auf Mose und die Gestattung eines Scheidebriefes wegen Herzenshärte absolut ausgeschlossen. Denn gegen die Herzenshärte gibt es im neuen Bund, nämlich in der Erlösungsordnung, ein wirksames Mittel, nämlich die göttliche Gnade. Die müsste man allerdings aber überhaupt erst einmal wollen und  abberufen. Wer diese Gnade zurückweist oder sich ihr verweigert, der sucht nur einen Vorwand, ein Alibi, um aus der Ehe auszubrechen. Eine solche Gesinnung kann und wird der liebe Gott und auch seine Kirche niemals honorieren.

Natürlich gibt es auch heute bei den Christen Herzenshärte und wie! Und bei sehr vielen! Reinste Versteinerung der Herzen. Das ist eine ganz schlimme geistliche Krankheit, die aber grundsätzlich heilbar ist und daher auch geheilt werden muss, und der man sich nicht als Vorwand und Alibi bedienen darf, um so dieser Herzenshärte auch noch zu frönen und aus diesem großen Übel auch noch eine christliche Tugend zu machen. Der moderne Scheidebrief ist der Vorwand der Barmherzigkeit. In der modernen katholischen Kirche, jedenfalls in Deutschland, ist gegenüber der Unauflöslichkeit der Ehe an die Stelle des Scheidebriefes des Alten Bundes die Berufung auf die Barmherzigkeit getreten. Diese Berufung ist aber ganz und gar unbegründet. Die Barmherzigkeit hat nämlich nicht die Funktion, an die Stelle der Wahrheit zu treten und diese zu ersetzen, wenn man diese nicht anerkennen will. Sondern die Barmherzigkeit Gottes setzt immer die Anerkennung der Wahrheit gerade und unerbittlich voraus. Die Art und Weise, wie manche Katholiken heute mit der Barmherzigkeit Gottes hantieren, ist nichts anderes als die ganz billige Gnade, derer man sich selbst bedient, die man sich einfach nimmt, die man aber nicht mehr von Gott empfangen will.

Die Unauflöslichkeit der Ehe hat also absolut gar nichts mit Unbarmherzigkeit zu tun. Die Unauflöslichkeit der Ehe ist nicht eine Frage des Maßes an Einsicht zölibatärer Herren, sondern hat ihren Grund in den bereits dargelegten Wahrheiten der sakramentalen Ehe. Die Ehe von Getauften ist von Gott als Sakrament gewollt, d.h. als Abbild der bedingungslosen und damit auch  unverbrüchlichen Liebe und Treue des Herrn zu seiner Braut, der Kirche. Die Ehe ist unauflöslich wegen der Unbedingtheit der Liebe.[…]

[Teil 12 folgt am 17. Oktober]

*Ulrich Engel, geb. 1950 in Erbach im Odenwald. Abitur 1968 am altsprachlichen Gymnasium in Darmstadt, Studium der Rechtswissenschaften in Mainz und Referendariat in Kassel. Danach Studium der Theologie in Mainz und Münster in Westfalen, 1984 Priesterweihe in Mainz. Nach Kaplansjahren in verschiedenen Pfarreien und am Krankenhaus seit 1990 Pfarrer von Rodgau-Weiskirchen und Rodgau-Hainhausen bei Offenbach am Main. Er ist langjähriger Referent bei „Radio Horeb“  und Autor des Buches „Die Liturgie der Karwoche und der Osternacht. Ihre Symbole, Zeichen, liturgischen Besonderheiten und deren Bedeutung – Eine liturgisch geistliche Betrachtung.  ISBN: 978-3-9813003-1-4, € 9,90.