Eheleute nicht im Regen stehen lassen

Katechese über die Ehe (Teil 12)

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Von Pfarrer Ulrich Engel*

17.Oktober 2011 (ZENIT.org). – Als Beitrag zu der seit dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in Deutschland wieder aufgeflammten öffentlichen Debatte über die kirchliche Lehre vom Ehesakrament veröffentlichen wir die folgende (mündlich gehaltene) Ehekatechese, deren jeweils vorausgehenden Teile auf unserer Website abrufbar sind.

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Die Ehe ist unauflöslich wegen der Unbedingtheit der Liebe. Die Ehe ist auch unauflöslich, weil du, Mann, und du, Frau, die du jetzt nicht mehr an deinen Ehegatten gebunden sein willst, dich ihm bedingungslos versprochen und dich dann auch noch im Vollzug dieses Versprechens leibhaftig verschenkt hast. Du hast doch selbst in aller Freiheit erklärt, frei und ungezwungen die Ehe mit deinem Gatten schließen zu wollen. Nicht die Kirche hat dich doch bei deiner Eheschließung zu lebenslanger, unbedingter Treue vergattert, sie hat dich unmittelbar vorher sogar noch gewarnt. Du hast dich doch selbst gegenüber dem, den du jetzt aus welchen Gründen auch immer verlassen willst, verpflichtet. Du kannst doch jetzt nicht das Notariat dafür verantwortlich machen, dass du, wie du jetzt jedenfalls meinst, bei deiner Eheschließung einen großen Fehler gemacht hast. Der Notar nimmt dich und deine Willenserklärung mit der Unauflöslichkeit deiner Ehe sehr ernst. Er nimmt bei der Eheschließung die gegenseitigen Willenserklärungen nur zur Kenntnis, und erklärt dann amtlich die Folge dieser Willenserklärung: Dass beide nämlich soeben einen unauflöslichen Bund geschlossen haben, den auch die Kirche respektieren muss. So wenig auch eine menschliche Gewalt eine Willenserklärung ersetzen oder modifizieren kann, so wenig kann eine menschliche Gewalt auch eine gültige Willenserklärung, egal welchen Inhalts , einfach für unwirksam und damit zu einem bloßen Versprecher erklären.

Das gilt übrigens und völlig unabhängig von jeglicher Sakramentalität auch für das Zölibats-Versprechen oder ein Gelübde. Das gültig gegebene Eheversprechen ist unwiderruflich. Was fällt denn der Kirche ein, eine frei gewollte und auch ohne Willensmängel öffentlich erklärte, unbedingte Selbstverfügung eines vernünftigen Menschen auf einmal für ungültig zu erklären. Dazu hat sie schon rein formaljuristisch überhaupt kein Recht. Da sollte die Kirche in anderen Fällen einmal tun.... Man würde sie in ihrer Einmischung in fremde Angelegenheiten ganz unbarmherzig kreuzigen.

Eheliche Treue ist keineswegs nur Treue zum Ehegatten. Auch keineswegs nur Treue zu Gott. Sondern insbesondere auch Treue zu sich selbst. Und ein bedingungsloses Ernstnehmen der eigenen Person, der eigenen Erklärung. Schließlich wollen wir doch alle erstgenommen werden. Nehmen wir uns doch alle zunächst erst einmal selbst erst. Selbstverständlich gibt es unter Umständen die Annullierung einer Ehe durch ein kirchliches Gericht. Ein Annullierungsurteil kann entweder ergehen aufgrund von Mängeln im Ehewillen, sei es, dass der Betroffene überhaupt nicht fähig ist, eine wirksame Willenserklärung abzugeben, etwa bei versteckter Geisteskrankheit, sei es, dass er gar nicht wollte, was er erklärt hat, beispielsweise Ausschluss von Nachkommenschaft. Man nennt so etwas Mentalreservationen. Das heißt, man erklärt zwar, etwas zu wollen, will es aber tatsächlich gar nicht. Oder sei es auch bei arglistiger Täuschung oder aber auch, dass Ehehindernisse oder andere Voraussetzungen der Ehe bei der Eheschließung nicht beachtet wurden. Der Zeitpunkt ist der Moment der Eheschließung, der da entscheidend ist. Im Ergebnis stellt sich die Annullierung einer Ehe so dar wie eine Scheidung durch ein staatliches Gericht. Sie ist aber ihrem Charakter nach etwas ganz anderes. Im Unterschied zu einem staatlichen Scheidungsurteil wirkt das Annullierungsurteil eines kirchlichen Gerichts ex tunc, d.h. von allem Anfang an, sodass die Ehe überhaupt nur zum Schein bestanden hatte, aber niemals in Wirklichkeit. Ein staatliches Scheidungsurteil dagegen wirkt ex nunc, d.h. erst mit dem Zeitpunkt der Rechtskraft. Eine Scheidung und eine Annullierung unterscheiden sich also schon in der Qualität des Urteils, ein staatliches Scheidungsurteil ist ein Gestaltungsurteil, das Annullierungsurteil der Kirche dagegen ist seinem Charakter nach ein Feststellungsurteil, denn eine gültige sakramentale Ehe ist absolut unauflöslich.

Die Trennung von Tisch, Bett und Lebensgemeinschaft.

Auch wenn die sakramentale Ehe unauflöslich ist, so bedeutet das doch für die katholische Kirche nicht, dass ein Ehegatte unter allen auch noch so widrigen Umständen die eheliche Lebensgemeinschaft aufrechterhalten muss. Es gibt durchaus gerechte Gründe, die es einem Ehegatten unzumutbar machen, die eheliche Lebensgemeinschaft fortzusetzen, beispielsweise gerade bei Ehebruch, oder aber auch bei Misshandlung, oder bei Gefahr für Leib und Leben. Freilich enthebt das den betreffenden Ehegatten nicht von der Pflicht zu verzeichnen. Ein ganz wichtiger Grund zur Trennung ist aber auch die Gefährdung für das sittliche Wohl und den Glauben. Den Ehegatten im Glauben zu behindern würde ja gerade den Sinn und Zweck des Sakramentes, nämlich Heilsmittel und Heilsweg in den Himmel zu sein, auf den Kopf stellen. Keinesfalls beinhaltet das Recht zu Trennung aber auch das Recht, sich einer anderen Person in einer Weise zuwenden zu dürfen, wie sie ausschließlich sakramental verbundenen Eheleuten vorbehalten ist. Eheliche Vergehen sind für den anderen Ehegatten niemals ein Freifahrschein. Vielmehr ist er sogar verpflichtet die eheliche Lebensgemeinschaft mit seinem Ehegatten, mit dem er verheiratet ist und verheiratet bleibt, sobald wieder aufzunehmen, sobald der gerechte Grund für die Trennung entfallen ist, der Notstand also nicht mehr weiterbesteht. Auf garkeinen Fall darf jemand seinen Ehegatten ohne Grund verlassen, nur weil es ihm nicht mehr gefällt, auch wenn er sich keiner anderen Person zuwendet. Wer keinen Trennungsgrund hat, muss bleiben, das hat ja auch versprochen. In diesem Zusammenhang darf ich es und will ich es auch gar nicht versäumen, einmal auf das langjährige Ehemartyrium einer heiligen Rita hinzuweisen, die ja immer noch von vielen Katholiken sehr verehrt wird. Ihr Gedenktag ist am 22. Mai, aber uns eigentlich viel zu wenig bewusst ist, welch ein Martyrium über Jahrzehnte diese Heilige wirklich in ihrer Ehe durchgestanden hat. […]

[Teil 13 folgt am 21.Oktober 2011]

*Ulrich Engel, geb. 1950 in Erbach im Odenwald. Abitur 1968 am altsprachlichen Gymnasium in Darmstadt, Studium der Rechtswissenschaften in Mainz und Referendariat in Kassel. Danach Studium der Theologie in Mainz und Münster in Westfalen, 1984 Priesterweihe in Mainz. Nach Kaplansjahren in verschiedenen Pfarreien und am Krankenhaus seit 1990 Pfarrer von Rodgau-Weiskirchen und Rodgau-Hainhausen bei Offenbach am Main. Er ist langjähriger Referent bei „Radio Horeb“  und Autor des Buches „Die Liturgie der Karwoche und der Osternacht. Ihre Symbole, Zeichen, liturgischen Besonderheiten und deren Bedeutung – Eine liturgisch geistliche Betrachtung.  ISBN: 978-3-9813003-1-4, € 9,90.