Eheleute nicht im Regen stehen lassen

Katechese über die Ehe (Teil 15)

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Von Pfarrer Ulrich Engel*

RODGAU, 25.Oktober 2011 (ZENIT.org). – Als Beitrag zu der seit dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in Deutschland wieder aufgeflammten öffentlichen Debatte über die kirchliche Lehre vom Ehesakrament veröffentlichen wir die folgende (mündlich gehaltene) Ehekatechese, deren jeweils vorausgehenden Teile auf unserer Website abrufbar sind.

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[…] Das, was dringend unseren Ehen Not tut, ist eine Kultur der sexuellen Begegnung. Die Integration der Sexualität, nämlich die harmonische Ausbalancierung der sexuellen Kräfte im Spiel mit allen übrigen natürlichen Kräften des Leibes durch geübte Selbstbeherrschung, ist keineswegs nur eine Notwendigkeit für zölibatäre Priester und Ordensleute, sondern nicht weniger auch für Eheleute. Die Ehe macht die Integration der Sexualität keineswegs entbehrlich, nach dem Motto: „Dafür sind wir ja schließlich verheiratet“; und den Trauschein sollte man nicht einfach als Erlaubnisschein verstehen und meinen, man könnte die Sexualität auch noch absolut setzen. Ein wichtiges Element dieser Kultur ist gerade auch die geistliche Komponente. Im Buch Tobit finden wir ein wunderbares Zeugnis christlich kultivierter, ehelicher Begegnung, auch wenn dieses Buch Tobit zum Alten Testament gehört. 8 „Als Tobias und Sarah in der Kammer allein waren, erhob sich Tobias vom Lager und sagte: steh auf Schwester, wir wollen beten, damit der Herr Erbarmen mit uns hat. Und er begann zu beten: Sei gepriesen Gott unserer Väter… Darum“

Die Verantwortung der Eheleute für Kirche und Gesellschaft

Die Fruchtbarkeit der Ehe besteht allerdings nicht ausschließlich in ihrer biologischen Fruchtbarkeit, sondern auch in einer geistigen Fruchtbarkeit. Die Ehegatten tragen, sobald sie Eltern geworden sind, eine überaus nicht zu überschätzende Verantwortung für die christliche Erziehung ihrer Kinder. Das, wie bereits gesagt, die Ehe und Familie, die eigenen vier Wände, eine Hauskirche sein müssen, bedeutet auch, dass hier die erste und wichtigste religiöse Sozialisation zu erfolgen hat, gerade auch durch das Zeugnis der Liebe und des Glaubens der Eltern gegenüber ihren Kindern. Was daheim nicht passiert, kann auch durch keine kirchliche Institution wie Kindergarten, Schule, Kommunion- und Firmunterricht und so weiter ersetzt werden. Die katholische Erziehung in den eigenen vier Wänden ist deswegen auch nicht delegierbar. Zugleich ist eine vorbildliche Hauskirche auch die beste Vorbereitung auf die Ehe. Das religiöse, um nicht zu sagen geistliche Klima zuhause hat so zu beschaffen zu sein, dass darin auch aber eine geistliche Berufung wachsen kann. Umgekehrt sei aber auch zugleich gesagt: wehe den Eltern, die das religiöse Wachstum ihrer Kinder anstatt zu fördern auch noch behindern und sogar torpedieren. Ich weiß, wovon ich da rede. Darüber hat der Herr selbst geradezu beängstigende Aussagen gemacht.

Auch das Gemeinwohl von Gesellschaft und Kirche ist von der elterlichen Erziehung und von der Intaktheit und Integrität von Ehe und Familie überhaupt nicht zu trennen. Die sakramental verbundenen Eheleute stehen auf ihre Weise auch im Dienst am Gemeinwohl der ganzen Kirche. Dazu sind sie durch das Ehesakrament befähigt und beauftragt und damit auch verpflichtet. Von den im sakramentalen Ehebund vereinigten Eheleuten sagt das Konzil sogar: „So werden die christlichen Gatten in den Pflichten und der Würde ihres Standes durch ein eigenes Sakrament gestärkt und gleichsam geweiht. Die Gatten müssen in ihrer Würde und Aufgabe als Vater und Mutter die Pflicht der Erziehung, vornehmlich der religiösen, die ihnen in ganz besonderer Weise zukommt, sorgfältig erfüllen.“

Die Notwendigkeit, aus der sakramentalen Gnade zu leben

Jedes Sakrament ist auf seine Weise Heilsmittel und Heilsweg. Jeder Mensch erhält von Gott alle Heilsmittel, nämlich die Gnaden, die er braucht, um den Verpflichtungen seines jeweiligen christlichen Standes auch gerecht werden zu können. Die Priester übrigens nicht anders als Eheleute. Gott erwählt keinen Menschen in einen Stand, ohne ihn mit allem auszustatten, was er dazu nötig hat. Wie jedes andere Sakrament, vermittelt auch das Ehesakrament nicht nur Gnaden, die die Eheleute brauchen, um ihre Standesaufgaben in Kirche und Welt im Sinne Gottes zu erfüllen, sondern auch die entsprechenden aktuellen Gnaden, d.h. die göttlichen Hilfsmittel, die die Eheleute brauchen, um sich ein Leben lang auch treu bleiben und wirklich die liebende Einheit vom Herrn und seiner Kirche bezeugen zu können. Ohne die Gnade Gottes als göttliche Hilfe können Mann und Frau diese lebenslange und heilige Einheit, zu der sie Gott schon am Anfang geschaffen hat, nicht ein ganzes Leben lang leben. Für die geschädigte menschliche Natur ist die lebenslange eheliche Treue schwer oder kaum zu verwirklichen. Mit Hilfe der Gnade dagegen schon. Ohne die göttliche Gnade vermögen die Eheleute aber auch nicht ihrer großen Verantwortungen für die Erziehung ihrer Kinder und die Wahrnehmung ihrer Aufgabe in Kirche und Welt gerecht zu werden. Dazu müssen beide aber auch am Tropf des Herrn  bleiben. Das Problem liegt nach meiner Überzeugung bei den Eheleuten, wie übrigens auch bei den Priestern, vor allem darin, dass sie irrtümlich meinen, mit dem Sakramentenempfang sei schon alles erledigt, nach dem Motto: „Geweiht bzw. verheiratet und damit ist es vorbei. […]

[Teil 16 folgt am 4. November 2011]

*Ulrich Engel, geb. 1950 in Erbach im Odenwald. Abitur 1968 am altsprachlichen Gymnasium in Darmstadt, Studium der Rechtswissenschaften in Mainz und Referendariat in Kassel. Danach Studium der Theologie in Mainz und Münster in Westfalen, 1984 Priesterweihe in Mainz. Nach Kaplansjahren in verschiedenen Pfarreien und am Krankenhaus seit 1990 Pfarrer von Rodgau-Weiskirchen und Rodgau-Hainhausen bei Offenbach am Main. Er ist langjähriger Referent bei „Radio Horeb“  und Autor des Buches „ Die Liturgie der Karwoche und der Osternacht. Ihre Symbole, Zeichen, liturgischen Besonderheiten und deren Bedeutung – Eine liturgisch geistliche Betrachtung.  ISBN: 978-3-9813003-1-4, € 9,90.