Eheleute nicht im Regen stehen lassen

Katechese über die Ehe (Teil 17 - Letzter Teil)

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Von Pfarrer Ulrich Engel*

RODGAU, 8.November 2011 (ZENIT.org). – Als Beitrag zu der seit dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in Deutschland wieder aufgeflammten öffentlichen Debatte über die kirchliche Lehre vom Ehesakrament veröffentlichen wir die folgende (mündlich gehaltene) Ehekatechese, deren jeweils vorausgehenden Teile auf unserer Website abrufbar sind.

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Die Brautzeit als Vorbereitungszeit auf die Ehe

Die Prüfung in der Brautzeit ist sehr wichtig. Eine Prüfung, die sich nicht etwa darauf bezieht, ob die beiden, die sich anziehend finden, auch sexuell zusammenpassen, sondern ob sie auch wirklich vom Schöpfer füreinander gedacht sind. Von ganz großer Bedeutung ist eben auch, dass beide Gatten auch im Glauben, d.h. auf geistig-geistlicher Ebene ein gemeinsames Fundament haben. Die Einheit der Ehe kann und darf sich nicht nur auf den Körper beziehen, da muss auch eine Einheit in den Grundüberzeugungen gegeben sein. Zu früheren Zeiten spielten allerdings auch Erwägungen eine sogar entscheidende Rolle, die mit dem Wesen der Ehe überhaupt nichts zu tun hatten. Da wurden nicht selten die Ehegatten von ihren Eltern nach Haus und Hof, nach Hab und Gut miteinander vermakelt. Das darf man ruhig so sagen - vermakelt. Dem Materiellen wurden schamlos auch die höchsten Güter geopfert und untergeordnet und dienstbar gemacht. Ganz, ganz schlimm!

Ich möchte gar nicht wissen, wieviel Macht und Reichtum und Besitz geradezu erlitten wurde. Da wurden Person, Liebe und Heiligkeit der Ehe schamlos verkauft um des schnöden Mammons willen. Eine ganz schamlose Sünde. Heute spielen diese Dinge keine erstrangige Rolle mehr – Gott sei Dank! Aber sind die Dinge deswegen überhaupt schon gut? Welche Werte spielen heute eine Rolle? Seien wir doch ehrlich, seit Jahrzehnten meinen die jungen Leute und auch deren Eltern und Verwandte, man könne nicht einfach heiraten ohne vorher auch eine geraume Zeit miteinander wie Mann und Frau gelebt zu haben. Wie schnell könne man sich da in dem jeweils anderen täuschen. Sind aber unsere Ehen dadurch wirklich stabiler und belastbarer geworden? Die Antwort, denke ich, kann ich mir wohl sparen. Sogar das Gegenteil ist der Fall, denn vom Kreuz der Ehe will heute keiner mehr etwas hören und auch die kirchliche Verkündigung hält sich mit dem Kreuz sehr bedeckt. Stattdessen sind heute Lust und Spaß angesagt.

Mit unseren heute weit verbreiteten und schwer sündhaften Einstellungen täuscht man sich sehr. Das ist nur ein Vorwand, mit dem man nach außen hin sogar noch seine vermeintliche Vernünftigkeit und sein Verantwortungsbewusstsein zur Schau stellen will. Keine Firma könnte es sich leisten, Jahrzehnte lang unbelehrbar dieselben Fehler zu machen, sie wäre längst bankrott. Wie unsere Gesellschaft übrigens heute auch moralisch bankrott ist. Das, was eine Ehe stabil macht, nicht nur für sieben, sondern für siebenundsiebzig Jahre, sind nicht Lust und Spaß, auch nicht die bloße Partnerschaft, sondern nur die echte, die sich selbstlos zugunsten des jeweils anderen sich verschenkende, opferbereite Liebe, die man nur mit dem Blick auf den Gekreuzigten lernen kann und die man auch nur aus der Kraft, die aus dem Kreuz kommt, leben kann. Alles andere sind nur Flausen und Illusionen, und schon lange auch Ideologie, die vor allem Gott außen vor lassen will. Ohne Gott ist die Ehe von vorneherein in den Sand gesetzt. Die beste Vorbereitung ist das Beispiel und Glaubenszeugnis des Elternhauses, nämlich der Hauskirche. Die Eltern können ihre große Verantwortung nicht auf etwa kirchliche Institutionen delegieren, wie mir das allerdings fast durchweg der Fall zu sein scheint.

Die Notwendigkeit der Ehepastoral

Es soll hier überhaupt nicht in Abrede gestellt werden, dass zu allen Zeiten in den Ehen furchtbar gelitten wurde, gerade von den Frauen, auch heute. Das ist leider Fakt, aber nach meiner Überzeugung kein Naturgesetz. Ich meine jedenfalls, dass man viele Übel abwenden oder zumindest abfedern könnte, wenn man nicht einfach so verblendet und nicht selten auch ahnungslos in die Ehe hineinschlittern würde. Verliebtsein, Erotik, Romantik: Das ist ja alles ganz schön und gut, aber auch nicht ungefährlich. Denn eher durch die himmelblaue, rosarote oder lindgrüne Brille sehen zu wollen verstellt den großen Ernst und den hohen Anspruch der Ehe und auch ihre Anforderung zu einem hohen Maß an Opferbereitschaft. Die sakramentale Ehe hat ihren Ursprung nun einmal am Kreuz. Und dieser Ursprung haftet auch jeder sakramentalen Ehe unabdingbar an. Ehe ist immer auch ein Kreuzweg, eine heiligmäßige Ehe ist eine ganz große und höchst anspruchsvolle Aufgabe. Aber ganz gewiss kein Spaß.

Das den Brautleuten zu sagen heißt nicht, ihnen die Lebensfreude zu vergällen, sondern sie sie gerade zu schützen, indem man ihnen gleich reinen Wein einschüttet und sie nicht ahnungslos und unvorbereitet in die Ehe hineinstolpern lässt und sie dort ihrem Schicksal überlässt. Das zu tun ist die schwere Verantwortung der Kirche, gerade auch ihrer Hirten. Ehe hat gerade auch, wie es bereits deutlich wurde, alles mit der Wahrheit zu tun und nicht nur mit schönen Gefühlen, Schmetterlingen im Bauch oder irgendwelchen Techniken. Und für diese Wahrheit hat die Kirche zu stehen und sie darf das Feld nicht einfach kampflos der Welt überlassen. Es ist ja nicht so, dass die jungen Leute heute von Ehe nichts wüssten. Das ist aber nicht die Wahrheit und nicht tragfähig und trägt den Keim der Katastrophe schon in sich. In der Kirche wird schon seit langem die Geschiedenen-Wiederverheirateten-Pastoral ganz groß geschrieben. Das kommt an, das klingt gut. Das ist das von der Kirche erwartete Mitleid entspricht dem modernen Klischee der Kirche. Ich persönlich hielte es für besser, wenn die Kirche für die Brautleute vor ihrer Ehe alles in ihrer Macht stehende täte, um eine solche schwierige Situation erst überhaupt nicht entstehen zu lassen. Damit hätte die Kirche zumindest ihrer großen Verantwortung gegenüber den Eheleuten genüge getan.

Die Lehren der Kirche anzunehmen, d.h. ihr auch zu glauben und sie auch zu befolgen, ist immer in die Freiheit und damit auch Verantwortung jedes einzelnen Adressaten gestellt. Das hätten dann die Brautleute dann auch selbst zu verantworten. Dazu müsste ihnen aber auch erst einmal die Wahrheit über die Ehe und ihren Anspruch unmissverständlich vor Augen geführt werden. Es ist jedenfalls heuchlerisch, hinterher, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, in den Jammer einzustimmen, und dann auch noch Kompromisse auf Kosten der Wahrheit zu machen, die immer auch ein Verrat an der Wahrheit sind und das Ganze dann auch noch als Pastoral zu deklarieren. Für die Kirche müsste zunächst einmal die Prophylaxe, eine solide und seriöse Ehevorbereitung, angesagt sein, und nicht erst das Wundenlecken nach dem Crash.

Liebe Brüder und Schwestern, lassen sie mich noch einen ganz kurzen Abstecher machen zur Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen und noch noch einen Berührungspunkt zur Ehe aufzuzeigen. Die Jungfräulichkeit um des Himmelsreiches willens ist bereits ein Lebensstand, der nicht nur auf die Erfüllung, das Ziel jeder sakramentalen Ehe, nämlich den jungfräulichen Brautstand aller Männer wie Frauen mit Christus, zeichenhaft hinweist, sondern diesen Vollendungszustand aller Menschen, auch der Eheleute, schon in dieser Zeit und unter den Möglichkeiten dieses Leben repräsentiert, indem er schon in diesem Leben ein Geist mit Christus ist und darin schon die Erfüllung seines einmaligen, unwiederholbaren irdischen Lebens findet.

Die Jungfräulichkeit um des Himmelsreiches willen ist ein eindrucksvolles Zeichen dafür, dass die Einheit mit Christus immer den Vorrang hat vor der zwischenmenschlichen Einheit und auch allen Bindungen von Familie und Verwandtschaft innerhalb der Gesellschaft, und die Ehe als Sakrament auch nur vorläufig, nämlich nur für diese Weltzeit ist. Im Himmel wird nicht mehr geheiratet, da werden eben alle sein wie die Engel, wie der Herr selbst sagt, im Evangelium Matthäus Kapitel 22. Lassen sie mich meine Ausführungen zu dem höchst würdevollen heiligen Sakrament schließen mit einem Wort des altchristlichen Schriftstellers Tertullian.

Tertullian widmet seiner Frau einen wunderschönen Text über das großartige Geheimnis der Ehe. Zitat: „Wie vermag ich das Glück jener Ehe zu schildern, die von der Kirche geeint, vom Opfer gestärkt und vom Segen beseelt ist, von den Engeln verkündet und vom Vater anerkannt. Welches Zweigespann! Zwei Gläubige mit einer Hoffnung, mit einem Verlangen, mit einer Lebensform, in einem Dienste. Kinder eines Vaters, Diener eines Herrn. Keine Trennung im Geist, keine im Fleisch, sondern wahrhaft zwei in einem Fleisch. Wo das Fleisch eines ist, dort ist auch der Geist eins.“

Oh! Wenn doch ein so wunderbares Idealbild der Ehe schon Allgemeingut auch unserer Gesellschaft wäre!

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*Ulrich Engel, geb. 1950 in Erbach im Odenwald. Abitur 1968 am altsprachlichen Gymnasium in Darmstadt, Studium der Rechtswissenschaften in Mainz und Referendariat in Kassel. Danach Studium der Theologie in Mainz und Münster in Westfalen, 1984 Priesterweihe in Mainz. Nach Kaplansjahren in verschiedenen Pfarreien und am Krankenhaus seit 1990 Pfarrer von Rodgau-Weiskirchen und Rodgau-Hainhausen bei Offenbach am Main. Er ist langjähriger Referent bei „Radio Horeb“  und Autor des Buches „Die Liturgie der Karwoche und der Osternacht. Ihre Symbole, Zeichen, liturgischen Besonderheiten und deren Bedeutung – Eine liturgisch geistliche Betrachtung.  ISBN: 978-3-9813003-1-4, € 9,90.