Eheleute nicht im Regen stehen lassen

Katechese über die Ehe (Teil 2)

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Von Pfarrer Ulrich Engel*

RODGAU, 20. September 2011 (ZENIT.org).- Als Beitrag zu der seit dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in Deutschland wieder aufgeflammten öffentlichen Debatte über die kirchliche Lehre vom Ehesakrament veröffentlichen wir die folgende (mündlich gehaltene) Ehekatechese, deren jeweils vorausgehenden Teile auf unserer Website abrufbar sind.

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Gott lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit in der liebenden Einheit der drei göttlichen Personen, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Nur die Liebe begründet und gewährleistet diese Einheit einer Mehrheit von Personen, weil Gott nicht etwa nur liebt, sondern wesenhaft Liebe ist. Gott ist die Liebe, wie es im ersten Johannesbrief heißt. Die drei göttlichen Personen sind also selbst als Personen zwar Einzelwesen, und doch aufgrund ihrer Liebe zugleich immer auch und immer schon Gemeinschaftswesen, die in der Einheit unendlicher, göttlicher Liebe existieren. Das muss man wissen, um auch ein wenig das Geheimnis der Ehe verstehen zu können.

Wenn also Gott durch die gegenseitige, personale Liebe der drei göttlichen Personen als ein einziges göttliches Wesen existiert, und er den Menschen nach seinem Abbild und ihm ähnlich geschaffen hat, dann bedeutet das zwangsläufig und auch unveränderbar, dass der Mensch sich überhaupt nur in der Liebe selbst verwirklichen kann und dazu eine Entsprechung braucht, der er seinen Liebe auch schenken kann, weil sie sich von ihm lieben lässt und die umgekehrt auch ihn lieben kann, und die in der Liebe auch eins werden können, ganz in Entsprechung zu den göttlichen Personen.

Die Liebe strebt ihrem ganzen Wesen entsprechend nach Einheit. Von daher wird auch völlig einsichtig, warum Adam unter allen Tieren, die ihm Gott zugeführt hat, um ihnen einen Namen zu geben, keine Entsprechung für sich finden konnte. Nur die Frau ist als Person wirklich eine Entsprechung zu Adam, oder wie es im hebräischen Urtext sogar heißt, die Männin. Wir können dieses Wortspiel im Deutschen nicht genügend gut übersetzen.

Also nur die Frau ist als Person wirklich eine Entsprechung zu Adam, der ja zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Namen hat, sondern bezeichnenderweise nur Mensch heißt. Sie kann nicht nur lieben, diese Frau, sondern sie will auch lieben und verwirklicht sich als Abbild Gottes auch selbst nur wie Adam, nämlich durch die Liebe.

Es ist auch überhaupt nicht zufällig, dass Gott die Frau vom Herzen des Mannes, dem Sitz der Liebe, genommen und gebildet hat, aus seiner Seite. Und das wird auch noch seine große Bedeutung haben für die Urehe überhaupt, nämlich zwischen Christus, dem Bräutigam, und seiner Braut, der Kirche, die am Kreuz aus der geöffneten Seitenwunde des Herrn geboren wird.

Aus alledem wird auch völlig klar, dass es sich hier um unverfügbare und unverrückbare Grunddaten der menschlichen Natur handelt, die ihr von Gott und ihrem Schöpfer vorgegeben sind, ob er das glaubt oder nicht, ob ihn das interessiert oder nicht, ob ihm das gefällt oder nicht. Das allein macht sein Menschsein aus und begründet seine Menschenwürde. Und könnte der Mensch wirklich über diese Grunddaten seines Menschseins verfügen, würde er augenblicklich aufhören, Mensch zu sein.

Die moderne Genderideologie, die ja allein schon bestreiten will, dass Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat, und die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen bloß für anerzogen, aber nicht für wirklich in der menschlichen Natur vorgegeben erklärt, aber auch alle möglichen, der Schöpfungsordnung Gottes widersprechenden sexuellen Praktiken zeigen, wo es hinführt, wenn der Mensch Gott ersticken und selbst Gott und Schöpfer spielen will. Das ist schon apokalyptisch, was wir da heute erleben können.

Was ist eigentlich Liebe und worin besteht ihr Wesen? Bevor ich spezieller auf unser Thema Ehe eingehe, muss ich noch erklären, was Liebe überhaupt ist. Dieses Wort wird ja nicht nur in der Heiligen Schrift, sondern auch in der kirchlichen Verkündigung und noch mehr in den Druckerzeugnissen in unserer Gesellschaft mit allergrößter Selbstverständlichkeit gebraucht.

Gerade in diesen Druckerzeugnissen und im Gebrauch unserer Gesellschaft aber letztlich missbraucht. Ich jedenfalls halte dieses Wort für höchst erklärungsbedürftig. Gerade Eheleute müssen von der Kirche wissen, was Liebe wirklich ist und was bloß als Liebe etikettiert wird, aber damit gar nichts zu tun hat. Wir Menschen können von uns aus und aus unserem Erfahrungshorizont noch nicht einmal wissen, was Liebe ist und erst recht können wir von uns aus, nämlich ohne die Gnade dessen, der die Liebe ist, gar nicht mehr lieben. Das hat uns schon die Katastrophe im Paradies eingebrockt, nämlich die Erbsünde, deren Bläsuren der menschlichen Natur uns auch nach der Taufe erheblich zu schaffen machen.

Diese erheblichen Schädigungen zeigen sich auch darin, dass die wirkliche, echte Liebe den Menschen bisweilen überhaupt keinen Spaß und keine Freude macht. Denn Liebe hat allen „modernen“ Lehren zum Trotz überhaupt nicht zu tun mit „Schmetterlingen im Bauch“ und einem Testosteronschub und Angemacht- oder Angetansein. Vielmehr ist Liebe etwas, was uns überhaupt erst einmal gesagt oder auch gezeigt werden muss. Und das weiß und kann nur der, der die Liebe ist, Gott selbst. Allein in Jesus Christus ist uns die echte, wahre Liebe erschienen und nur er hat sie uns authentisch vorgelebt: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben!“

Die echte Liebe, die Liebe Gottes, zeigt sich uns in der Liebe Christi zu uns Menschen, indem er uns Menschen von dem ewigen Tod erlöst und uns für das ewige Leben, den Sinn und das Ziel jeden menschlichen Lebens, gerettet hat und zwar auf eigene Kosten, nämlich durch sein Sühneleiden, durch sein Blut und durch seinen Tod am Kreuz für unsere Sünden, mit denen wir ihn selbst unendlich gekränkt und beleidigt und uns sogar zu seinen Feinden gemacht haben. Paulus sagt es uns in unnachahmlicher Weise im Philipperbrief: „Jesus Christus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“

Wer also wirklich wissen will, was echte Liebe ist, der darf sich keinen Playboy kaufen, sondern muss aufs Kreuz mit dem Gekreuzigten schauen. Das Kreuz Christi ist allein der Lehrstuhl und der Gekreuzigte der Lehrmeister der vollkommenen, echten Liebe.

Echte Liebe ist Aufgabe des eigenen Selbstbesitzes zugunsten des Geliebten. Die Selbstbehauptung dagegen ist deswegen die Perversion der Liebe. Die Selbstsucht ist das Wesen der Lieblosigkeit und damit auch der Sünde. Lieblosigkeit ist immer Selbstbefriedigung, nämlich Befriedigung des Ego. Echte Liebe dagegen dreht sich nie um die eigenen Person, sondern ist immer bei dem Geliebten, das heißt, die Liebe hat überhaupt nichts zu tun mit Selbstbehauptung und in deren Folge mit Berechnung oder irgendeinem Anspruchsdenken.

Echte Liebe fordert nicht und bedrängt nicht, sie übt keinerlei Druck aus und schon gar nicht unter dem Vorwand der Liebe. Echte Liebe will alles nur für den anderen, den Geliebten. Und niemals etwas für sich selbst. Echte Liebe rechnet nicht und ist nie auf den eigenen Vorteil bedacht, sondern ist die Gesinnung der vollkommenen Selbstlosigkeit und Selbstverleugnung. Da echte Liebe den Geliebten niemals unter Druck setzt, insbesondere unter einen Leistungsdruck, braucht der Geliebte auch keine Angst zu haben, zu versagen. Denn wer wirklich geliebt wird „muss es nie bringen“. Echte Liebe setzt den Geliebten gerade frei. Zu früheren Zeiten nannte man den Liebenden einmal „Freier“. Eigentlich ein sehr tiefsinniges Wort, das bei uns schon längst ein Euphemismus für sexuelle Ausbeutung geworden ist. (Teil 3 am 21.9.2011)

*Ulrich Engel, geb. 1950 in Erbach im Odenwald. Abitur 1968 am altsprachlichen Gymnasium in Darmstadt, Studium der Rechtswissenschaften in Mainz und Referendariat in Kassel. Danach Studium der Theologie in Mainz und Münster in Westfalen, 1984 Priesterweihe in Mainz. Nach Kaplansjahren in verschiedenen Pfarreien und am Krankenhaus seit 1990 Pfarrer von Rodgau-Weiskirchen und Rodgau-Hainhausen bei Offenbach am Main. Er ist langjähriger Referent bei „Radio Horeb“  und Autor des Buches „Die Liturgie der Karwoche und der Osternacht. Ihre Symbole, Zeichen, liturgischen Besonderheiten und deren Bedeutung – Eine liturgisch geistliche Betrachtung.  ISBN: 978-3-9813003-1-4 , € 9,90.