Eheleute nicht im Regen stehen lassen

Katechese über die Ehe (Teil 3)

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Von Pfarrer Ulrich Engel*

RODGAU, 21. September 2011 (ZENIT.org).- Als Beitrag zu der seit dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in Deutschland wieder aufgeflammten öffentlichen Debatte über die kirchliche Lehre vom Ehesakrament veröffentlichen wir die folgende (mündlich gehaltene) Ehekatechese, deren jeweils vorausgehenden Teile auf unserer Website abrufbar sind.

Übrigens, wer von seinem Ehegatten die Erfüllung seines Lebens erwartet, überfordert ihn hoffnungslos und muss gerade zwangsläufig früher oder später ganz bitter enttäuscht werden. Nur Gott, der jeden Menschen auf sich selbst hin geschaffen hat, ist allein die Erfüllung jeden menschlichen Lebens.

Die sexuelle Erfüllung ist also noch keineswegs die Erfüllung der Ehe oder sogar des ganzen Lebens überhaupt. Vor diesem Irrtum warnt indirekt schon das Wort des Herrn, dass sich „Menschen selbst zur Ehe unfähig machen um des Himmelreiches willen“. Offenbar ist das Himmelreich das höchste aller Güter, und nicht die Ehe und schon gar nicht der Sex. Das sexuelle Hochgefühl ist deshalb auch nicht etwa schon die Erfüllung des Lebens, sondern bloß Verheißung.

Aus dem Vorstehenden wird unmittelbar einsichtig, weshalb echte Liebe auch nicht ausprobiert werden kann. Ein Ausprobieren der Liebe darf es aber auch deshalb nicht geben, weil eine Person niemals als Mittel zum Zweck der Erfüllung der eigenen Begierden und selbstsüchtigen Interessen benutzt werden darf. Wer ausprobieren will, sucht nur seine eigenen Befriedigung auf Kosten des anderen. Das Personsein eines jeden Menschen erhebt an jeden anderen den Anspruch, nur um seiner selbst willen geliebt zu werden und niemals als Mittel zum Zweck benutzt zu werden. Der wirklich Liebende fragt niemals, was darf ich, sondern nur, was kann ich. Echte Liebe verleugnet sich selbst um des Geliebten willen und lässt den Geliebten auf eigene Kosten leben, weil seine Liebe nichts anderes ist als das reine, lautere und vollkommene Ja zu der geliebten Person. Die Liebe sagt, es ist gut, dass es dich gibt. Und zu deinem recht verstandenen Wohl will ich deshalb auch alles tun, was ich überhaupt nur vermag, ohne dabei auf meine eigene Person zu achten. Echte Liebe freut sich lediglich, dass sich die geliebte Person mit dem Selbstgeschenk der eigenen Person mit allem, was zu ihr gehört, -das ist aber ihr ganzes Leben in dieser Welt-, auch in aller Freiheit beschenken lässt. Das allein ist Liebe. Alles andere ist ein Etikettenschwindel, Irreführung und Lüge.

Genau diese wesenhafte Selbstlosigkeit der Liebe und ihre vollkommene Bejahung des Geliebten lassen die Liebenden gleichsam wie von selbst zueinander und zur Einheit streben. Die Schrift sagt: „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch.“

Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Von daher wird völlig klar, dass die sexuelle Einigung von Mann und Frau ein schattenhaftes Abbild der liebenden Einheit der drei Personen in Gott ist und deshalb ihre Liebe im vorstehend genannten  Sinn auch unbedingt voraussetzt. Die sexuelle Einigung von Mann und Frau ist deshalb auch eine heilige Handlung. Und das Ehebett ist heilig.

Im ersten Brief an die Thessalonicher lesen wir: „Das ist es, was Gott will: eure Heiligung. Das bedeutet, dass ihr die Unzucht meidet; dass jeder von euch lernt, mit seiner Frau in heiliger und achtungsvoller Weise zu verkehren, nicht in leidenschaftlicher Begierde wie die Heiden, die Gott nicht kennen.“

Begehren hat nichts mit der Liebe zu tun, denn die Begierde will die andere Person immer nur für sich haben, sich selbst aber dieser Person verweigern und sie nur für sich selbst besitzen, zum eigenen Nutzen. Liebe ist immer rücksichtsvoll, vornehm und fein, nobel und voller Hochachtung für das Persongeheimnis des jeweils anderen. Zu echter Liebe ist man nur im Maße der Selbstverleugnung fähig.

Diese Selbstverleugnung bedeutet nicht etwa Selbstaufgabe oder Selbstvernichtung, sondern gerade Selbstwerdung und Selbstverwirklichung. Das klingt zunächst paradox, um nicht zu sagen, geradezu verrückt. Diese scheinbare Paradoxie liegt aber in der erbsündlichen Verfasstheit des Menschen, auch des getauften begründet. Ein Mensch beginnt ja nicht bei Null, neutral oder indifferent. Jeder Mensch beginnt schon im Mutterschoß seit und aufgrund der Erbsünde im negativen Bereich, sozusagen „unter dem Strich“. Er ist heilungs-und erlösungsbedürftig. Die Erbsünde hat jeden Menschen, außer der Muttergottes, erheblich geschädigt. So sehr, dass er sogar sterben muss. Durch die Taufe wird e zwar gerettet und notdürftig wieder zusammengeflickt, aber seine durch die Erbsünde verursachten Blessuren machen sich immer noch als ehebliche geistliche Behinderungen empfindlich bemerkbar, nämlich in seiner Versuchlichkeit und Anfälligkeit für die Begierde. Seine Schädigung macht sich darin bemerkbar, dass der Mensch ichsüchtig und selbstbezogen ist. Und weil sein Fleisch gegen den Geist rebelliert, obwohl er sich doch nur durch Selbstlosigkeit, nämlich in der Liebe, selbst verwirklicht und er selbst ist.

Wo und in dem Maße ein Mensch seine Selbstsucht überwindet, wird er wieder heil und gut und damit auch sich selbst wieder ähnlich. Die Selbstverleugnung bewirkt also keineswegs etwa einen Verlust der Personalität, sondern gerade deren Profilierung und das gewinnen der Selbstidentität. Würde nämlich ein Mensch durch seine Selbstverleugnung aufhören, er selbst zu sein, dann könnte er ja gar nicht mehr lieben. Stattdessen ermöglicht ihm die Überwindung seines Ego gerade seine ureigenste Menschwerdung in der Liebe. Ein Mensch ist nur in dem Maße Mensch, authentischer Mensch, wie er auch liebt.

Erst der Tod des Ego, der Tod der Selbstbezogenheit, der Tod de Selbstbehauptung bedeutet authentisches Menschsein. In dem Maße ich liebesfähig und damit auch Gott ähnlich werde, umso mehr werde ich einigungsfähig, auch in der Ehe.

Ehe bedeutet immer auch den Kreuzweg und das Kreuz. Die Ehe ist also gerade auch eine Schule der Selbstverleugnung und damit eine Lehranstalt der Liebe und damit ein Weg zur eigentlichen ewigen Hochzeit.

Die Liebe hat keinen Grund, sondern ist selbst letzter Grund. Es gibt nämlich keinen Grund, der die Liebe erst noch begründen und deren Sinn und Zweck die Liebe sein könnte. Es gibt damit aber auch keinen Grund, der entfallen könnte, sodass mit diesem Ereignis, dass eben ein Grund entfiele für die Liebe, dann der Liebe selbst der Boden unter den Füßen entzogen wäre und sie selbst auch abstürzen müsste. Damit hat die Liebe aber auch keine Bedingung, sondern sie gilt unbedingt. Die Liebe gilt unbedingt, und sie duldet deshalb auch keine Hintergedanken. Echte, wirkliche Liebe ist immer lauter. Die Liebe kann man nur leben, in Liebe, und das heißt aber, reinen Herzens und lauteren Herzens nur lieben.

[Teil 4 am 22. 9. 2011]

*Ulrich Engel, geb. 1950 in Erbach im Odenwald. Abitur 1968 am altsprachlichen Gymnasium in Darmstadt, Studium der Rechtswissenschaften in Mainz und Referendariat in Kassel. Danach Studium der Theologie in Mainz und Münster in Westfalen, 1984 Priesterweihe in Mainz. Nach Kaplansjahren in verschiedenen Pfarreien und am Krankenhaus seit 1990 Pfarrer von Rodgau-Weiskirchen und Rodgau-Hainhausen bei Offenbach am Main. Er ist langjähriger Referent bei „Radio Horeb“  und Autor des Buches „Die Liturgie der Karwoche und der Osternacht. Ihre Symbole, Zeichen, liturgischen Besonderheiten und deren Bedeutung – Eine liturgisch geistliche Betrachtung.  ISBN: 978-3-9813003-1-4 , € 9,90.