Eheleute nicht im Regen stehen lassen

Katechese über die Ehe (6. Teil)

| 1069 klicks

RODGAU, 30. September 2011 (ZENIT.org). - Als Beitrag zu der seit dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in Deutschland wieder aufgeflammten öffentlichen Debatte über die kirchliche Lehre vom Ehesakrament veröffentlichen wir die folgende (mündlich gehaltene) Ehekatechese, deren vorausgehenden Teile auf unserer Website abrufbar sind.

***

Auch muss die Kirche, wie übrigens auch der Staat, um eine Ehe auch gültig mit allen Rechten und Pflichten anzuerkennen, prüfen, ob die beiden Heiratswilligen überhaupt heiraten können, d.h. ob sie überhaupt die Voraussetzungen erfüllen, die an eine gültige Ehe gestellt werden müssen. Dabei sind die Gültigkeitsvoraussetzungen nach staatlichem Eherecht keineswegs dieselben wie nach kirchlichem Recht. Beide Rechtskreise bestehen nebeneinander und völlig unabhängig voneinander. Wobei die beiden Rechtskreise in unserem Land schon seit Jahren immer weiter auseinanderdriften. Staatliches und kirchliches Eherecht haben immer weniger Überschneidungsfläche und Berührungspunkte. Die Kirche muss deshalb eigenverantwortlich prüfen, ob die beiden Brautleute auch eine Ehe nach dem Verständnis der katholischen Kirche schließen können, indem sie dafür auch alle Voraussetzungen erfüllen. Nur wenn alle Voraussetzungen für eine gültige Eheschließung gegeben sind, d.h., wenn dieser keine Ehehindernisse wie etwa ein schon bestehendes Eheband, weil eine oder sogar beide Seiten vor der Kirche bereits verheiratet sind, oder auch Weihen oder Gelübde und andere Hindernisse entgegenstehen. Nur unter diesen Voraussetzungen darf ein katholischer Amtsträger, der in der Regel ein Diakon oder ein Priester ist, aber unter Umständen auch ein Laie sein kann, einer Eheschließung überhaupt assistieren.

Sinn und Zweck des öffentlichen Eheaufgebotes ist es gerade, eventuelle bisher unbekannte Ehehindernisse aufzudecken. Andere Riten als die in den kirchlich approbierten Ritenbüchern vorgesehenen sind verboten. Die Ehe, und später erst recht die Familie, ist aber auch eine Hauskirche und sie ist als kleinste Gemeinschaft innerhalb der Kirche wie auch der Gesellschaft für beide von allergrößter Bedeutung. Das Gemeinwohl des Staates wie auch das geistliche Gemeinwohl der Kirche hängen im höchsten Maße von der Integrität, ja von der Heiligkeit der Ehen und Familien ab. Auch unter dieser Rücksicht haben Ehe und Familie keinesfalls nur privaten, sondern auch in hohem Maße öffentlichen Charakter.

Die Ordnung von Ehe und Familie ist ein integraler Bestandteil der inneren Ordnung von Kirche und Gesellschaft. Die Ehe ist ein kirchlicher Stand und eine kirchliche Lebensform. Über den Abschluss und die Gültigkeit einer Ehe muss deshalb für die Kirche einfach auch Klarheit bestehen. Mit dem Dekret „Tametsi“ hat das Konzil von Trient im Jahre 1563 verfügt, dass jeder Katholik verpflichtet ist, die Ehe vor einem katholischen Priester und zwei Zeugen zu schließen. Wir sprechen von der sogenannten kanonischen Formpflicht, der jeder Katholik unterworfen ist. Und nur, wenn dieser Form genüge getan ist, ist die Ehe auch gültig vor der katholischen Kirche. Jedenfalls nicht schon aus diesem Grunde ungültig. Es sei denn, der Bischof hätte ausnahmsweise von dieser kanonischen Formpflicht dispensiert. Eine ordentliche katholische Trauung, von der Möglichkeit entsprechender Dispensen sei hier einmal abgesehen, braucht also mindestens fünf Beteiligte: die beiden Brautleute, den Priester bzw. den Diakon und zwei Trauzeugen. Grundsätzlich kann jeder Mensch, gegebenenfalls mit den erforderlichen Dispensen, vor der katholischen Kirche heiraten, sofern wenigstens eine Seite Glied der katholischen Kirche ist und der nichtkatholische Teil das Verständnis der katholischen Kirche von der Ehe anerkennt und respektiert, und die Eheschließung nicht durch besondere Umstände, die man als Ehehindernisse bezeichnet, gehindert ist.

Betrachten wir nun die Eheschließung im Besonderen. Wenn die Trauung nicht innerhalb der Feier der heiligen Messe stattfindet, dann wird sie als Wortgottesdienst gefeiert. Innerhalb dessen fragt der katholische Amtsträger die Brautleute nach der Lesung eines Schrifttextes und einer Ansprache zunächst nach deren Bereitschaft, überhaupt eine Ehe nach dem katholischen Eheverständnis eingehen zu wollen. Diese Befragung bezieht sich auf die innere Freiheit beider, dass sie nämlich ohne Druck von außen, frei und ungezwungen miteinander die Ehe schließen wollen, dass sie die Unauflöslichkeit der Ehe anerkennen, bis das der Tod sie scheidet, dass sie die Kinder, die ein Geschenk Gottes sind, aus seiner Hand auch annehmen und sie im katholischen Glauben erziehen wollen. Die Erziehung  im Glauben und das Glaubenszeugnis der Eltern gegenüber ihren Kindern sind ja schließlich eine heilige Pflicht der Eheleute, bzw. der Eltern und eine schwere Verantwortung vor Gott, für deren Wahrnehmung sie ihm einmal unerbittlich Rechenschaft ablegen müssen.

Wenden wir uns nun dem Ehekonsens zu, dem eigentlichen ehelichen Jawort. Erst nach der Bereitschaftserklärung und der daran anschließenden Segnung der Ringe wird es für die Brautleute wirklich ernst. Jetzt erfolgt nämlich die Erklärung des Ehekonsenses. Der Ehekonsens kommt durch zwei übereinstimmende Willenserklärungen der beiden Brauleute zustande, die diese sich gegenseitig vor dem katholischen Amtsträger erklären. Diese Erklärungen können entweder von dem Amtsträger erfragt werden oder die Brautleute können sie sich auch einfach gegenseitig vor dem kirchlichen Amtsträger abgeben. Die Erklärungen dürfen aber immer nur gemäß dem kirchlich approbierten Wortlaut abgegeben werden. Inhalt des Eheversprechens sind die Essenzialien der katholischen Ehe. Sakramentalität, Einheit, Unauflöslichkeit, Elternschaft und die Hinordnung auf das beiderseitige Wohl.

Dieser Wortlaut umfasst also immer und unbedingt als wesentliches Element ihre gegenseitige Annahme als Ehegatten und ihre Treue auf Lebenszeit. Der Ehekonsens beinhaltet also praktisch eine bedingungslose Totalübereignung der eigenen Person an die jeweils andere auf Lebenszeit und umgekehrt. Sobald sich beide Seiten ihre gleichlautenden Willenserklärungen vor dem kirchlichen Amtsträger ohne wenn und aber erklärt haben, ist der Ehekonsens hergestellt und beide sind auf Lebenszeit miteinander als Eheleute in dieser exklusiven Gemeinschaft und Einheit der Ehe verbunden. Unter gar keinen Umständen ist der Inhalt des Ehekonsenses verfügbar und von den Brautleuten gestaltbar. Solche modernen Formulierungen wie etwa „solange es gutgeht“ machen die Eheschließung von vorneherein ungültig. In einer solchen Formulierung drückt sich nämlich nicht etwa ein Ehewillen aus, sondern bestenfalls der Wille zu einer bloßen, x-beliebig gearteten Partnerschaft. Die Gültigkeit der beiderseitigen Erklärung setzt auch unbedingt voraus, dass beide Seiten in klarer Erkenntnis des Inhaltes ihrer Erklärung, nämlich ihres Versprechens und der darin enthaltenen Verpflichtungen und auch in aller gebotenen Freiheit wirklich wollen, was sie verlautbaren, ohne irgendwelche Vorbehalte oder Bedingungen oder andere Hintertürchen. Der Ehekonsens ist absolut bedingungsfeindlich. Vorbehalte und Hintertürchen begründen einen wesentlichen Mangel im Ehewillen und lassen deshalb eine gültige Ehe überhaupt erst nicht zustande kommen. Schon der Abschluss eines zivilrechtlichen Ehevertrages vor der Eheschließung, gewissermaßen „für alle Fälle“, insbesondere für den Fall der Scheidung, scheint mir unter dem Gesichtspunkt der Unbedingtheit der Eheschließung und damit Gültigkeit des Ehekonsenses äußerst bedenklich zu sein. Ich drücke mich sehr vorsichtig aus.

Ungültig wäre die Ehe allerdings auch, wenn ein Ehegatte den anderen arglistig täuscht, indem er ihm Umstände vorenthält, die das Eheleben in so schwerwiegender Weise beeinträchtigen können, dass es bei rechtzeitiger Kenntnis dieser Umstände zu gar keiner Eheschließung gekommen wäre. Wenn also etwa eine Seite beispielsweise HIV infiziert ist, hoch verschuldet oder auch nicht zeugungsfähig, oder auch wenn eine Seite einen unmoralischen Lebenswandel geführt hat usw. Als Faustformel kann man sagen: „Das hätte ich nur vorher wissen müssen“ oder „wenn ich das nur vorher gewusst hätte“. Es besteht also insofern eine Aufklärungspflicht vor der Eheschließung.

Der Ehekonsens wird zwar vor dem kirchlichen Amtsträger, aber eigentlich doch nicht diesem gegenüber erklärt, sondern dem jeweils anderen. Der Pfarrer hört sich das nur an, was sich die beiden liebevoll sagen. Nach dem Austausch der gegenseitigen Willenserklärung stellt er nur noch amtlich fest, dass  aufgrund dieser Erklärung die beiden von Stund an vor der Kirche rechtmäßig miteinander verheiratete Eheleute sind. Der kirchliche Amtsträger traut also nicht die Brautleute, wie man das ja so hören kann, sondern er fungiert bloß als Notar. Er hört sich die Erklärung beider mit den beiden Zeugen nur an und bestätigt dann vor aller Öffentlichkeit den Bund, den die beiden Brautleute gerade miteinander geschlossen haben. (Teil 7 am 3.10.2011)

*Ulrich Engel, geb. 1950 in Erbach im Odenwald. Abitur 1968 am altsprachlichen Gymnasium in Darmstadt, Studium der Rechtswissenschaften in Mainz und Referendariat in Kassel. Danach Studium der Theologie in Mainz und Münster in Westfalen, 1984 Priesterweihe in Mainz. Nach Kaplansjahren in verschiedenen Pfarreien und am Krankenhaus seit 1990 Pfarrer von Rodgau-Weiskirchen und Rodgau-Hainhausen bei Offenbach am Main. Er ist langjähriger Referent bei „Radio Horeb“  und Autor des Buches „Die Liturgie der Karwoche und der Osternacht. Ihre Symbole, Zeichen, liturgischen Besonderheiten und deren Bedeutung – Eine liturgisch geistliche BetrachtungISBN: 978-3-9813003-1-4, € 9,90.