Eheleute nicht im Regen stehen lassen

Katechese über die Ehe (Teil 7)

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Von Pfarrer Ulrich Engel*

RODGAU, 4. Oktober 2011 (ZENIT.org). - Als Beitrag zu der seit dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in Deutschland wieder aufgeflammten öffentlichen Debatte über die kirchliche Lehre vom Ehesakrament veröffentlichen wir die folgende (mündlich gehaltene) Ehekatechese, deren jeweils vorausgehenden Teile auf unserer Website abrufbar sind.

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Wir hatten unsere Betrachtungen abgeschlossen mit der Betrachtung des Ehekonsenses, den die Brautleute vor dem kirchlichen Amtsträger miteinander austauschen. Ich möchte jetzt mit dem sogenannten Vollzug der Ehe fortfahren, der ja nichts anders bedeutet, als dass die Eheleute vollziehen, was sie vor dem Priester und Gottes Angesicht einander versprochen haben.

Mit der Übereignungserklärung im Ehekonsens ist die Übereignung noch nicht tatsächlich erfolgt. Der Mensch ist ja nicht nur ein Geistwesen, sondern er hat auch einen Leib, der wesentlich zu ihm als Mensch gehört. Wer auch nur ein Brötchen kauft, wird erst Eigentümer, wenn ihm das Brötchen übergeben wird. So müssen auch die Eheleute erst leibhaftig vollziehen, was sie in der Ehe einander versprochen habe. Und dieses leibhaftige Verschenken des einen an den jeweils andern mit Leib und Seele, Kopf und Kragen, Vergangenheit und Zukunft, geschieht in der sexuellen Vereinigung beider. Der Konsens ist die Einigung, der Vollzug, die reale und gleichzeitige Übergabe dessen, was man sich im Ehekonsens gegenseitig versprochen hat. Die sexuelle Vereinigung beinhaltet also die gleichzeitige reale, totale und absolute Selbstverfügung des Ehegatten an den jeweils anderen. Dieser Ehevollzug beinhaltet eine jeweilige Schenkung der eigenen Person an die jeweils andere. Denn die kostenlose Übergabe einer Sache zu bleibendem Eigentum nennt man in unserer deutschen Sprache Geschenk.

Die Aufgabe des Selbstbesitzes zwischen zwei Personen geschieht zwar leibhaftig, durch die Vermittlung des Leibes, sie erstreckt sich aber nicht nur auf den Leib, sondern auf alles, was  dem jeweiligen Menschen gehört. Durch den Leib vermittelt sich eine Person als Leibwesen selbst an die geliebte Person. Sie geschieht in aller Regel aus Liebe, sie müsste es jedenfalls. Die leibliche Leib-Seele-Ganzhingabe  des einen an den anderen Ehegatten hat also Geschenkcharakter. Im Ehebett geschieht also ein gegenseitiges, liebendes Einander-Schenken der Ehegatten.

Wie himmelweit ist das von der Vorstellung entfernt, der Trauschein sei ein bloßer Erlaubnisschein für Geschlechtsverkehr, gegen den dann die Kirche auch nichts mehr hätte. Dieser Vollzug der Ehe, nämlich die ganzheitliche leib-seelische Übergabe der Gatten aneinander ist für die Ehe konstitutiv. Deswegen ist auch die Ehefähigkeit nicht gegeben, wo eine Seite zu diesem Vollzug der Ehe auf Dauer nicht fähig ist, egal aus welchen Gründen. Die dauerhafte Unfähigkeit zum Vollzug ist also ein trennendes Ehehindernis, von dem auch nicht dispensiert werden kann.

Was man aber verschenkt hat, das gehört einem auch nicht mehr, sondern dem, an den man es verschenkt hat, dem jeweils anderen Ehegatten. Und über das, was man einst verfügt hat, darüber hat man keine Verfügungsberechtigung mehr. Man kann dann also später auch nicht zugunsten einer anderen Person über sich selbst verfügen, wie man bereits gegenüber seinem Ehegatten über sich verfügt hat. Denn es gibt ja einen nur einmal. Erst wenn der zur Ehe mir Geschenkte tot ist, kann ich wieder selber über mich verfügen. Denn dann erbt man sich gleichsam selbst wieder von seinem verstorbenen Ehegatten. Mit diesem Vollzug des ehelichen Ja-Wortes wird die Ehe dann auch unauflöslich. Die Ehe ist die absolute, exklusive, Leib und Seele umfassende Lebensgemeinschaft von Mann und Frau.

Was bei Geschiedenen und Wiederverheirateten geschieht, ist eigentlich ein Betrug. Man verfügt nämlich mit seiner Selbstverfügung über fremdes Eigentum, denn man gehört sich ja gar nicht mehr selbst, sodass der vermeintlich Beschenkte auch nicht mehr Eigentümer werden kann. Eine Wiederverheiratung nach Scheidung noch zu Lebzeiten des geschiedenen Ehegatten ist eine einzige Lüge. Merken Sie, dass man den Glauben  und die Sakralität der Ehe noch nicht einmal bemühen muss, um eine Scheidung und Wiederverheiratung als falsch, ja schlecht zu entlarven, weil eben verlogen. Selbstverständlich gilt das unter der Rücksicht der Sakramentalität der Ehe erst recht.

Die Vereinigung der Ehegatten in Liebe ist ein Erkenntnisprinzip. Die Einigung im eigentlichen Sinne geschieht zwar nur genital, sie darf sich aber nicht bloß auf den Leib und erst recht nicht bloß auf die Geschlechtsorgane beschränkt, sondern muss sich auf die einmalige Seele erstrecken. Wir sagen, Mann und Frau seien miteinander intim. Dabei dürfte diese Intimität allerdings nur in den allerwenigsten Fällen auch wirklich zutreffen. Denn „intim“ heißt ja „zuinnerst“. Doch bleiben die allermeisten mit ihrer Intimität gerade nur an der Oberfläche. Nämlich bei dem, was es auf der Welt so viel gibt, nämlich dass es Männer bzw. Frauen gibt.

Die ganze Intimität bezieht sich dann nur auf das Massenhafte, so als sei der Mensch nicht ein Original, sondern eine bloße Kopie, ein Abziehbild. Würden sie wirklich intim, die Eheleute, dann müssten sie bis zu der einmaligen Seele des jeweiligen Gatten durchstoßen wollen, den es nur einmal gibt, noch nie gegeben hat und nie wieder geben wird. Die Geschlechtsorgane eines Menschen sind Kopien. Bei allen Trägern des eigenen natürlichen Geschlechts die gleichen. Nur die Seele eines Menschen ist einmalig, original, ein Unikat. Eine leibhaftig gewordene ewige Idee des Schöpfers. Erst eine solche Betrachtungsweise wird zu einer wirklichen Wertschätzung und Hochachtung eines Menschen führen, um dann auch zu einer echten Liebe. Der personale Charakter der ehelichen Vereinigung zwischen Mann und Frau zeigt sich auch gerade darin, dass sich beide, jedenfalls solange sie diesen Akt der Schöpfungsordnung entsprechen vollziehen, einander ihr Gesicht zuwenden. Ganz im Unterschied zu den Tieren, die ja gar kein Gesicht haben, weil sie kein Personencharakter haben, aber durchaus den Geschlechtsverkehr vollziehen.

Es ist gewiss kein Zufall, dass die Heilige Schrift die sexuelle Vereinigung von Mann und Frau als „Erkennen“ bezeichnet. Von Adam sagt die Schrift, er erkannte seine Frau Eva und sie gebar den Kain, den Abel, den Seth. Das ist höchst erstaunlich, denn mit den Geschlechtsorganen erkennt man ja nicht. Sondern mit den Augen. Mit den Augen sieht man aber auch nur die Oberfläche, aber nicht das Innere, Verborgene, das unverwechselbare und einmalige Wesen der geliebten Person. Das eben nicht sofort ins Auge sticht. Nur was ich liebe, vermag ich auch in seinem innersten Wesen zu erkennen.

Erst mit den Augen des Herzens, nämlich mit den Augen der Liebe, vermag ich die bloße Oberfläche zu durchdringen und vielleicht bis zur Seele des Geliebten vorzudringen. Ohne Liebe sehe ich nur die Oberfläche, erkenne aber nichts Wesentliches. Erkennen ist also keineswegs dasselbe wie sehen. Das Erkennen erstreckt sich auf die Einmaligkeit der Person, und die Erkenntniskraft ist die Liebe, mit der ich mich auch überhaupt erst für die Person eines anderen, für seine Einmaligkeit und seine Unverwechselbarkeit interessiere. Echte Liebe beschränkt sich nicht nur auf das Aufdecken, sondern sie will die geliebte Person in ihrer Einmaligkeit entdecken. Die wirklich liebende Vereinigung von Mann und Frau ist also deswegen ein Erkenntnisprinzip, weil zu jeder echten Liebe die wahre Erkenntnis der geliebten Person gehört und überhaupt nicht an ihrem Nutzwert. Ohne Liebe kein Interesse, ohne Interesse keine Erkenntnis. Man sieht eben nur mit dem Herzen gut. Das gilt übrigens erst recht für die Erkenntnis Gottes im Allerheiligsten Sakrament.

Diese Erkenntnis in der Liebe ist eine ganzheitliche Erkenntnis und deswegen auch von einer ganz anderen  Art als eine Vernunfterkenntnis. So umfassend der eheliche Akt seinem Wesen nach ist, so umfassend soll auch die Erkenntnis der jeweils der anderen Person sein, die allerdings nur in der Liebe möglich ist. Nur die Liebeserkenntnis vermittelt das Unverwechselbare einer Person, das nicht-liebende „Draufgucken“ nur das Verwechselbare, Apersonale. Eine eheliche Begegnung, die erst gar nicht erkennen will, und sich gar nicht um die Erkenntnis der Einmaligkeit der geliebten Person bemüht, ist lieblos, ja in einem gewissen Sinn sogar unmenschlich, brutal, tierisch, denn sie behandelt doch eine Person, die doch die Liebe und damit auch die Zuwendung zu ihrer ganzen Person für sich beanspruchen darf, wie einen auswechselbaren Wegwerfartikel, wie eine Kopie, derer es Milliarden  gibt.

Die Ehegatten dürfen sich deshalb niemals nur darauf beschränken, den Leib aufzudecken. Vielmehr muss es ihnen darum gehen, die Seele und den Person-Kern, nämlich den anderen in seiner unverwechselbaren Einmaligkeit immer tiefer zu entdecken. Wer sich mit dem bloßen Aufdecken begnügt, bleibt bei sich selbst. Nur wer entdecken will, ist beim anderen, wie es der Liebe entspricht. Wenn der jeweils Andere wirklich der Schatz des einen ist, wie man sich das ja so schön sagt, dann muss er diesen Schatz aber auch erst suchen, und dann auch heben. Das haben Schätze doch so an sich, oder täusche ich mich da? (Teil 8 am 5.10.2011)

*Ulrich Engel, geb. 1950 in Erbach im Odenwald. Abitur 1968 am altsprachlichen Gymnasium in Darmstadt, Studium der Rechtswissenschaften in Mainz und Referendariat in Kassel. Danach Studium der Theologie in Mainz und Münster in Westfalen, 1984 Priesterweihe in Mainz. Nach Kaplansjahren in verschiedenen Pfarreien und am Krankenhaus seit 1990 Pfarrer von Rodgau-Weiskirchen und Rodgau-Hainhausen bei Offenbach am Main. Er ist langjähriger Referent bei „Radio Horeb“  und Autor des Buches „Die Liturgie der Karwoche und der Osternacht. Ihre Symbole, Zeichen, liturgischen Besonderheiten und deren Bedeutung – Eine liturgisch geistliche Betrachtung.  ISBN: 978-3-9813003-1-4 , € 9,90.