Eheleute nicht im Regen stehen lassen

Katechese über die Ehe (Teil 9)

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Von Pfarrer Ulrich Engel*

RODGAU, 6. Oktober 2011 (ZENIT.org). - Als Beitrag zu der seit dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in Deutschland wieder aufgeflammten öffentlichen Debatte über die kirchliche Lehre vom Ehesakrament veröffentlichen wir die folgende (mündlich gehaltene) Ehekatechese, deren jeweils vorausgehenden Teile auf unserer Website abrufbar sind.

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Wenn Mann und Frau verheiratet sind, dann müssen sie zusammen leben, als Eheleute. Da ist die Frage, wie sich denn diese christliche Ehe, diese Einheit,  auf das Alltagsleben der Partner und ihrer Familien auswirkt, die Einheit der Ehe, die Zwei-Einheit von Mann und Frau. Es wurde bereits gesagt, dass der Vollzug des ehelichen Ja-Wortes durch die schenkweise  Übergabe seiner eigenen Person an seinen jeweiligen Ehegatten in der sexuellen Einigung von Mann und Frau eine Einheit beider auf Lebenszeit begründet. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins.  Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.

Diese Einigung vereint das „Ich“ und „Du“ der Gatten in der Einheit des „Wir“. Dieses „Wir“ ist nicht etwas eine neue imaginäre Person, in der sich das „Ich“ und „Du“ der Ehegatten aufgelöst hätte und damit ausgelöscht wäre. In dieser liebenden Einheit werden die einander liebenden Personen nicht etwa ausgelöscht, sondern sie verwirklichen sich gerade so auf authentische Weise als Abbilder Gottes, als die sie ja unverfügbar geschaffen sind. Würden die Liebenden in dieser Einheit, in ihrem Person-Sein ausgelöscht, dann könnten sie ja überhaupt nicht mehr lieben  und die durch ihre Liebe begründete Einheit müsste sich sofort auflösen. Vielmehr ist die sakramentale Ehe das eine „eheliche“ Wesen in Analogie zu dem einen göttlichen Wesen dieser Einheit der drei göttlichen Personen. Das eine eheliche Wesen der beiden liebenden Personen von Mann und Frau.

Wie Gott ein einziges göttliches Wesen der in der Liebe geeinten drei göttlichen Personen ist, so ist die Ehe die zweipersonale liebende Einheit von Mann und Frau. Und wie die ganze Kirche und sogleich der ganze Christus die liebende Einheit von Haupt und dessen Leib ist, so die liebende Einheit in der Ehe von Mann und Frau. Dabei repräsentiert der Mann Christus und seine Frau dessen mystischen Leib, die Kirche.  Die Frage ist nun allerdings, in welcher Weise diese Zuordnung von Mann und Frau zu dieser Einheit zu erfolgen hat. In unserer Gesellschaft heißt es ja, Männer und Frauen seien gleich. Das stimmt aber nicht. Wenn das nämlich richtig wäre, dann gäbe es ja gar keine Männer und keine Frauen. Mit der Unterscheidung von Mann und Frau  wird ja gerade schon eine Verschiedenheit beider Geschlechter ausgesagt und damit auch ihre Ungleichheit. Gleich sind Mann und Frau nur insofern sie Menschen sind und deshalb auch die gleiche Würde haben. Das Wort Mensch aber ist eine Abstraktion, die es nicht gibt, weil sie von dem natürlichen Geschlecht des Menschen absieht. Den Menschen gibt es nämlich immer schon nur als Mann oder Frau, nie aber als Abstraktion. Unsere moderne  gesellschaftliche Ideologie, mit der ganz natürlich unübersehbar eine politische Absicht verfolgt wird, strotzt ja nur so vor Ignoranz, ist aber trotzdem  sogar für sie selbst hoch gefährlich.

Die Zuordnung von Mann und Frau in der Einheit der Ehe. Eine bloße Partnerschaft, so haben wir schon gesagt, begründet jedenfalls keine Einheit, sondern will gerade die Selbständigkeit  und die Distanz des einen gegenüber dem anderen gewahrt wissen. Wir brauchen aber die den beiden Geschlechtern gemäße Zuordnung in der Ehe auch nicht erst zu erfinden. Die Grundgestalt der Ehe und ihrer Einheit  ist schon grundsätzlich und bleibend für alle Zeiten festgelegt. Sie erteilt als erstes einmal beiden Seiten eine Absage an jede Form von Selbstbehauptung. Stattdessen ist Ein- und Unterordnung in der Ehe angesagt. Aber einer ordnet sich dem anderen unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus.

„Ihr Frauen ordnet euch euren Männern unter, wie dem Herrn Christus, denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. Er hat sie gerettet, denn sie ist sein Leib. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, so sollen sich die Frauen in allem den Männern unterordnen. 

Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst“ (Eph 4, 22). So können wir es unmittelbar im Epheserbrief nachlesen, Kapitel 5, 19 und folgende.

Dieser Text aus dem Epheserbrief ist für unsere Zeit eine ungeheure Provokation, eine Zumutung sondergleichen. Und auch viele moderne und der Welt gegenüber aufgeschlossene Verkünder hierzulande schämen sich dafür und erklären ihn dienstbeflissen und schon entschuldigend für zeitgebunden und deshalb anachronistisch, weshalb er für unsere Zeit völlig bedeutungslos sei.

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn, dieser Text war, ist und bleibt aber für alle Zeiten aktuell und von allergrößter Bedeutung für das Gelingen der Ehe. Das hat etwas damit zu tun, dass wir das Wesen von Mann und Frau und auch die ihnen gemäße Zuordnung in der Ehe nicht gestalten und sie damit auch nicht verändern oder gar überhaupt durch andere Formen der Zuordnung ersetzten können. Jedenfalls nicht, ohne damit die göttliche Schöpfungs- und Erlösungsordnung empfindlich und auch nachhaltig stören und zwar immer auch zum großen Schaden der Eheleute und der Menschen überhaupt, schon in der Schöpfungsordnung, aber erst recht in Erlösungs-und Gnadenordnung.

Der Text aus dem Epheserbrief enthält eine frohe Botschaft, gerade auch für die Frau. Was uns mit diesen Worten aus dem Epheserbrief gesagt wird, ist ein zeitloses authentisches Modell der Ehe.

Einer ordnete sich dem anderen unter, in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus. Gleich zu Beginn heißt es schon, in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus. Das bedeutet, beide Ehegatten stehen nicht etwa unter einem offenen Horizont, sondern unter ihrem gemeinsamen Herrn, dem ewigen Bräutigam und seiner Braut, der Kirche. Jesus Christus, seiner Herrschaft sind sie immer schon unterstellt und müssen sich ihr unterwerfen, gerade auch als Eheleute  Diese gegenseitige Unterordnung beider unter den Herrn bildet gewissermaßen den unüberschreitbaren Rahmen und auch den Notenschlüssel, nach dem die gegenseitige Zu- und Unterordnung zusammen klingen und harmonieren muss.

Das ist wie eine gefährliche Erinnerung, gerade auch für den Mann, der ja der Frau in dieser Einheit übergeordnet ist. Die Selbstaufgabe an den Geliebten geschieht immer schon innerhalb der Selbstaufgabe gegenüber Gott und ist eine konkret sichtbare Ausdrucksform seiner bereits bestehenden Unterordnung unter den Herrn. Hier wird nicht nur deutlich ausgesprochen, dass die Unterordnung gegenseitig ist, sondern auch, dass sie Ausdruck der Gottesfurcht beider ist. So bleibt der sich dem anderen Ehegatten unterordnende geschützt, durch die Gottesfurcht des jeweils anderen, sodass jeder sich schon aus Gottesfurcht sich davor hüten wird, die Unterordnung des jeweils anderen auf dessen Kosten für sich auszunutzen  und dem anderen zu schaden.

Der Herr schwebt gleichsam  wie ein Damoklesschwert über beiden. Die Frau muss sich zwar ihrem Mann unterordnen, denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. Aber dieses Hauptsein des Mannes über seine Frau kann er nicht nach eigenem Belieben ausüben, sondern nur nach dem Vorbild Christi, des Bräutigams seiner Braut, der Kirche. Christus ist als der Bräutigam das unveränderbare, zeitlose Maß des Ehemannsseins, und er lehrt: Wer der erste ist, der ist der Diener aller. Die Überordnung des Mannes für die Frau ist also kein Anspruchstitel für den Mann gegenüber der Frau, sondern genau umgekehrt, ein Verpflichtungstitel.

Das Haupt-Sein des Mannes in der Ehe  steht also immer schon unter einem bedeutenden Vorbehalt und hat selbst wohlgemerkt immer  schon die Form seiner Unterordnung unter den Herrn. Ehemann ist man ja nicht einfach mit der Hochzeit, vielmehr muss das der Mann auch erst lernen, vom Herrn. Und der ist ja gerade der Bräutigam, indem er sich für seine Braut, die Kirche, aus lauter Liebe hingibt und sich für sie kreuzigen und töten lässt. Das muss ein Pfarrer jedem Bräutigam im Brautunterricht unbedingt mit einem dicken Besenstiel ins Stammbuch schreiben. Wenn der Mann diese Lektion wirklich intus hat und auch befolgt, dann kann sich die Frau sogar glücklich schätzen und sich ihm ganz getrost unterordnen.

Dieser Text ist also allem Anschein zum Trotz alles andere als frauenfeindlich, sondern schützt sogar die Frauen vor allem Pascha- und Machogebärden ihrer Männer. Ich sage das deswegen so deutlich, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie furchtbar Frauen in allen Zeiten unter der Selbstherrlichkeit ihrer Männer gelitten haben und noch leiden. Das sind nicht nur menschliche Tragödien, das sind auch auch gesellschaftliche Tragödien und auch gerade eine furchtbare Tragödie für die kirchliche Verkündung, die dieses Thema wohl mehr oder weniger zu allen Zeiten verschämt verschwiegen hat, statt gerade mit den Männern Tacheles und ihnen ins Gewissen zu reden.

Wer hier schweigt, gibt nicht nur die Frau ungeschützt unter Umständen der sogar noch religiös verbrämten und scheinbegründeten Willkür ihrer Männer preis, sondern verleugnet auch die Verkündigung göttlicher Weisheit und Liebe zu seiner Kirche, die ja auch gerade die Frau in der Ehe zu repräsentieren hat.  

Für die moderne Emanzipation vom christlichen Ehe-Bild ist meines Erachtens die Verweigerung der  Verkündigung der Wahrheit über die Ehe durch die Kirche in erheblichem Maße mit ursächlich. Wer also den so viel geschmähten Text aus dem Epheserbrief als Ermächtigung des Mannes zum Macho  und als Degradierung der Frau zu dessen Fußmatte durch die katholische Kirche versteht, hat entweder nicht richtig gelesen oder völlig falsch verstanden. Gerade genau das Gegenteil ist nämlich der Fall. Der Bräutigam Christus liebt seine Braut, die Kirche, über alle Maßen, bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.

Umgekehrt muss aber auch die Frau lernen, Ehefrau zu sein. Ihr Vorbild und ihre Lehrmeisterin ist die Frau – Maria. Der erste Petrusbrief ergänzt noch ein wenig die Aussage des Epheserbriefes und sieht die vorbildliche Unterordnung der Frau unter ihren Mann gerade unter der Rücksicht des ewigen Heils ihres Mannes, für das sie ja eine besondere Verantwortung trägt. Dort heißt es nämlich: „Ihr Frauen sollt euch euren Männern unterordnen, damit auch sie, falls sie dem Wort (des Evangeliums) nicht gehorchen, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt. Ebenso sollt ihr Männer im Umgang mit euren Frauen rücksichtsvoll sein“ (1 Petr, 3).

Was für alle Christen ganz allgemein gilt, das gilt für Eheleute in ganz besonderer Weise. In Demut schätze einer den anderen höher ein als sich selbst, wie Paulus im Philipperbrief sagt. Hinter dieser Zuordnung von Mann und Frau in der Ehe steht also eine unverfügbare göttliche, ja sogar ewige Wirklichkeit, die die beiden in der Ehe sinnfällig zum Ausdruck zu bringen und in dieser Welt zu bezeugen haben. Das macht ja gerade die unschätzbare Würde und Heiligkeit der Ehe aus.

[Teil 10 folgt am 13.10.2011]

*Ulrich Engel, geb. 1950 in Erbach im Odenwald. Abitur 1968 am altsprachlichen Gymnasium in Darmstadt, Studium der Rechtswissenschaften in Mainz und Referendariat in Kassel. Danach Studium der Theologie in Mainz und Münster in Westfalen, 1984 Priesterweihe in Mainz. Nach Kaplansjahren in verschiedenen Pfarreien und am Krankenhaus seit 1990 Pfarrer von Rodgau-Weiskirchen und Rodgau-Hainhausen bei Offenbach am Main. Er ist langjähriger Referent bei „Radio Horeb“  und Autor des Buches „Die Liturgie der Karwoche und der Osternacht. Ihre Symbole, Zeichen, liturgischen Besonderheiten und deren Bedeutung – Eine liturgisch geistliche Betrachtung.  ISBN: 978-3-9813003-1-4 , € 9,90.