Ehrenmorde in Deutschland

Studie für Strafrecht gibt detaillierten Überblick

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WIESBADEN, 15. November 2011 (ZENIT.org/IGFM). - Eine im Auftrag des Bundeskriminalamts (BKA) in diesem Jahr erschienene Studie des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht gibt erstmalig einen detaillierten Überblick über sogenannte „Ehrenmorde" in Deutschland. Auf der Basis einer Vollerhebung aller bekannt gewordenen Fälle von Ehrenmorden in Deutschland beabsichtigt die Studie eine systematische und empirische Bestandaufnahme dieses Phänomens.

Zwischen 1996 und 2005 wurden 78 Fälle mit 109 Opfern und 122 Tätern von ehrbezogenen Tötungsdelikten erfasst, ein Viertel hiervon betrifft die Tötung junger Frauen durch Blutsverwandte.

Doppelt so viel Ehrenmorde als angenommen

Die wahrscheinlich wichtigste Erkenntnis der Studie besteht darin, dass fast doppelt so viele Delikte im Namen der Ehre begangen wurden als bisher angenommen. Die Kriminologen Julia Kasselt und Dietrich Oberwittler kommen allein in Deutschland auf durchschnittlich 7 bis 10 Fälle pro Jahr. Grund hierfür kann ein nicht vorhandenes Bewusstsein der westlichen Gesellschaft für dieses Phänomens sein. So wurde erst im Jahr 2009 der Begriff „Ehrenmord" im Duden aufgenommen. Gleichzeitig betonen die beiden Forscher aber auch, dass die durchschnittliche Zahl der Ehrenmorde in Deutschland nicht gestiegen sei. Allein durch das enorm zunehmende Medieninteresse habe ein gegenteiliger Eindruck entstehen können.

Zentrales Thema der von Kasselt und Oberwittler untersuchten „Ehrenmorde" ist die Unterwerfung der Frau. „Das zugrunde liegende Motiv eines Ehrenmords ist, dass der Frau das Recht auf freie Lebensgestaltung abgesprochen wird", so Rechtsanwältin Gülşen Çelebi im Interview mit der IGFM. Die Partnerwahl zum Beispiel gilt als eine Familienangelegenheit. Weitere Gründe für ein solches Tötungsdelikt seien unter anderem angebliche Untreue oder Trennungsgedanken der Frau in einer „legitimen" Partnerschaft,  ein zu „westlicher" Lebensstil oder sogar die Vergewaltigung einer Frau, die in der Familie als Schande angesehen werden kann.

Verhält sich eine Frau nicht nach den Regeln der patriarchalischen Strukturen ihres Elternhauses, beschmutzt sie nach Auffassung der Täter dessen „Ehre". Nach den Geburtsländern der Täter dominiert die Türkei mit 63,3 Prozent, danach folgen arabische Länder mit 14,2 Prozent, Länder des ehemaligen Jugoslawien (inklusive Kosovo) und Albanien zusammen mit 7,5 Prozent, Deutschland mit 9,2 Prozent und Pakistan und Afghanistan zusammen mit 5,8 Prozent.

In den jeweiligen Kulturen, aus denen die „Ehrenmörder" stammen, werde die Herrschaft des Mannes über die Frau kaum oder auch gar nicht hinterfragt. Lebe eine Frau nach ihren eigenen Vorstellungen, würden ihre männlichen Verwandten unter Druck gesetzt. Sie sähen sich in ihrer „Männlichkeit" und Dominanz gefährdet und hätten Angst, die Kontrolle zu verlieren, berichtet Rechtsanwältin Gülşen Çelebi.

Überraschend hohe Zahl getöteter Männer

Ein überraschendes Ergebnis der Studie ist die hohe Anzahl getöteter Männer. Rund 43 Prozent aller getöteten Personen waren Männer. Diese Zahl widerspricht dem stereotypen Bild, dass allein Frauen Opfer seien. Auch durch die Tötung eines Mannes könne nach Ansicht der Mörder in bestimmten Fällen „die Ehre wieder hergestellt" werden.

Männer, die Opfer von „Ehrenmorden" werden, sind oftmals selbst die Geliebten einer Frau. Als neuer, „nicht legitimer" Partner oder Vater eines unehelichen Kindes werden sie umgebracht. Verstöße gegen Sexualnormen, wie zum Beispiel Homosexualität, entsprechen ebenfalls nicht den tradierten Wertvorstellungen der Familien. Oder aber sie waren selbst von Angehörigen dazu bestimmt, einen Ehrenmord zu vollstrecken und verweigerten dies. Der potentielle Täter wird somit selbst zum Opfer.

Gleich ob das Opfer Frau oder Mann ist aus Gründen der „Ehre" werden meist junge Menschen ermordet. Die meisten der Getöteten waren zwischen 18 und 29 Jahren alt, sieben Prozent der Opfer waren noch minderjährig.

Die Täter

Anders bei den Tätern: Hier sprechen die Forscher von einem Großteil von Männern in der Altersgruppe 40 bis 49 Jahren. Frauen als alleinige Täterinnen sind praktisch ausgeschlossen, sie spielen aber als Mittäterinnen eine Rolle. Von den 122 in der Studie berücksichtigten Tätern waren neun weiblich. Die Wiederherstellung der Familienehre sei im Normensystem, das das Phänomen Ehrenmorde hervorbringe, eindeutig Männersache, schreiben die Kriminologen Kasselt und Oberwittler.

Anhand der aus der Studie entnommenen Informationen lässt sich zum Täterkreis außerdem sagen, dass er größtenteils im Ausland geboren ist und als schlecht integriert gilt. Nur knapp 10 Prozent der ermittelten Täter wurden in Deutschland geboren. Dagegen werden fast gar keine Taten von Migranten der zweiten und dritten Generation begangen. Laut Dietrich Oberwittler ein mögliches Indiz dafür, dass „die Integration in Deutschland funktioniert".

Blickt man auf den sozialen Status der Täter, ergibt auch hier sich ein klares Bild: Während ein Drittel der verurteilten Personen vor der Tat überhaupt keiner Arbeit nachging, überwiegt unter den berufstätigen Tätern „eine Gruppe von bildungsfernen Migranten".

Bei der Antwort auf die Frage nach Verbesserungsvorschlägen hat Rechtsanwältin Gülşen Çelebi im Interview mit der IGFM klare Forderungen sowohl an Deutsche als auch an Zuwanderer. Von Zuwanderern müsse erwartet werden, Kenntnis der deutschen Sprache vorzuweisen. Besonders wichtig sei außerdem ein Wille zur Integration in die deutsche Gesellschaft, was Schulbildung, Bereitschaft zur Berufstätigkeit und Gesetzestreue beinhalte.

Wichtig sei auch, ausländische Frauen über ihre Rechte zu informieren. Viele der potentiellen Opfer wüssten nicht, dass ihnen hier geholfen werden könne. Einige von ihnen wüssten nicht einmal, dass es Frauenhäuser gebe. Hinzu komme auch, dass das verinnerlichte Konzept von Ehre und Schande aus der Kultur des Nahen Ostens viele Frauen zögern lasse, Hilfe zu suchen. Außerhalb ihrer eigenen Familien kennten sie oft niemanden. Viele von ihnen hätten außerdem Angst, um Hilfe zu bitten.

Um das Bewusstsein für „Ehrenmorde" bei Deutschen zu stärken, brauche man eine Sensibilisierung gerade der Personen, die beruflich mit Gewalt in Migrantenfamilien zu tun bekämen. Zusätzlich sei die gesamte Gesellschaft gefragt, deutlich zu machen, dass sie die Gewalt gegen Frauen und Verstöße gegen das Gesetz nicht toleriere. „Jeder, der behauptet, häusliche Gewalt im Migrationsmilieu sei eine Ausnahme, die man nicht aufbauschen dürfe, macht sich mitschuldig an der Banalisierung des Leids", stellt Rechtsanwältin Çelebi fest.