Eifer für Gott?

Impuls zum 3. Fastensonntag

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 9. März 2012 (ZENIT.org). - Kann das denn sein? Dass Jesus, der vollkommene Mensch, die Nerven verliert und um sich schlägt? Das Evangelium vom 3. Fastensonntag berichtet uns Folgendes. Jesus sieht das unwürdige Treiben der Händler und Geldwechsler im Tempel, die nicht nur sanfte Tauben verkaufen, sondern auch blökende Schafe und Rinder, die gelegentlich etwas unter sich lassen. Die Szene ist wirklich grotesk. Und Jesus „machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus“, ja noch schlimmer, er missachtet sogar das Geld, das damals wie heute vielen Menschen heilig ist: „das Geld der Wechsler schüttete er aus und ihre Tische stieß er um“ (Joh 2,13).

Oder hat er vielleicht doch richtig gehandelt?

Ich denke, wir können im Verhalten Jesu zwei Motive erkennen, ein natürliches und ein übernatürliches. Natürlicherweise ist es ganz klar, dass er die in jeder Weise angemessene „Tempelreinigung“ nicht erreicht hätte, wenn er, wie es seiner Gewohnheit und Mentalität entsprach, mit Ruhe und Sanftmut darum ‘gebeten’ hätte, das Treiben abzustellen. Es wäre sicher nichts erfolgt. Dass er nun sehr zornig wurde, lässt uns etwas sehr Wichtiges über die Natur des Menschen erkennen.

Wenn man sich den inneren Aufbau des Menschen vor Augen hält, so stellt man fest, dass er im Innern ähnlich gebaut ist wie im Äußeren. Will sagen, die verschiedenen Seelenkräfte haben untereinander eine Rangordnung wie die Elemente des sichtbaren Körpers. Vereinfacht gesagt: das Wichtige ist oben. Von oben nach unten, d.h. vom Wichtigen zum weniger Wichtigen: Verstand und Wille bilden sozusagen die Chefetage, darunter kommen die Gefühle, darunter die Leidenschaften, noch darunter die Instinkte. Für viele Menschen heute ist es nicht mehr klar, dass Verstand und Wille die übrigen Seelenkräfte dirigieren müssen, wenn der Mensch nicht aus den Fugen geraten soll. Der Fehler, der heutzutage am häufigsten vorkommt, ist der, dass man das Gefühl an die oberste Stelle setzt (hier hat Goethe mal nicht recht, wenn er sagt: „Gefühl ist alles, Name ist Schall und Rauch“, Faust I, Marthens Garten). Wenn das Gefühl bestimmt, und Verstand und Wille zurückstehen müssen, passieren die heute so häufigen Katastrophen, die meist in Scheidungen oder Schlimmerem enden („ich liebe doch diese Frau – die jüngere – über alles; ich bin zwar schon verheiratet, aber ich empfinde nichts mehr für meine jetzige Frau“). Und so folgt man seinem Gefühl, das sich hier, wie es erfahrungsgemäß manchmal vorkommt, irrt, und trifft eine falsche Entscheidung.

Noch bedenklicher aber, wenn die Leidenschaft sich vom Verstand und vom leitenden Willen losmacht. Jede Leidenschaft, z.B. der Hass, die Eifersucht, die sexuelle Leidenschaft und eben auch der Zorn können Verheerungen anrichten, wenn sie nicht gebändigt werden. Das weiß jedes Kind.  Heißt das also, dass Gefühle, Leidenschaften oder gar Instinkte schlecht sind? Keineswegs, Gott hat ja dem Menschen diese Seelenkräfte gegeben. Die Tragik besteht nur darin, dass der Mensch durch die Ursünde und die eigenen Sünden jene Harmonie verloren hat, die beim paradiesischen Menschen dafür sorgten, dass das Ganze im Einklang war. Verstand und Wille sollten der Wagenlenker sein, der die wilden Pferde der übrigen Kräfte im Zaum hält, das wussten schon die Heiden (vgl. Platon, Phaidros).

Aber zurück zum Sonntagsevangelium. Wir sehen an diesem konkreten Beispiel, dass Jesus tatsächlich nicht nur vollkommener Gott, sondern auch vollkommener Mensch ist. Seine menschliche Vollkommenheit sorgt dafür und zeigt uns, dass die Seelenkraft des Zornes nicht zum Zerstören, sondern zum Aufbauen verwendet werden kann. Er musste in der Tat seinen Zorn in Anschlag bringen – ihn natürlich zügelnd – denn sonst wäre sein Wunsch, den Tempel von unwürdigem Treiben zu reinigen, nicht durchsetzbar gewesen. Hätte er freundlich darum gebeten, wäre nichts erfolgt. So aber verleiht ihm der Zorn den notwendigen „drive“, um das Richtige zu realisieren.

Übrigens ist es mit dem Gefühl nicht anders. Das Gefühl ist sehr oft eine wirkliche Hilfe, das Richtige zu sehen oder zu tun, solange der Verstand die Oberhand behält. Auch im religiösen Leben ist dies oft sehr wichtig, denn auch da kann das Gefühl, wenn es vom Verstand losgelöst ist, aus dem Ruder geraten (s. manche sog. Erscheinungen).

Was aber ist das übernatürliche Motiv Jesu? Der Evangelist, Johannes, sagt es uns: „Seine Jünger erinnerten sich an das Wort der Schrift: der Eifer für dein Haus verzehrt mich“ (Joh 2,17). Nicht weil sich so ein Treiben für ein öffentliches Gebäude nicht gehört, ist Jesus so radikal dagegen, sondern weil es das Haus Gottes ist.

Eifer für die Dinge Gottes? Klingt uns da nicht bereits das Dampfwalzenargument „Fundamentalismus“ im Ohr? Wie kann man sich denn für Gott ereifern? Und darf man die berechtigten Interessen der Händler im Tempel einfach so niedermachen? Das wäre sicher in unserem pluralistischen Staat nicht möglich!

Interessanterweise ist das Israel zur Zeit Jesu eine genauso plurale Gesellschaft wie die unsere: es gibt das offizielle Judentum, verschiedene Varianten davon (Essener u.a.), die heidnischen Römer und Griechen, die neuen Kulte wie Mithras, Kybele oder Sol invictus usw. Aber alle Gläubigen dieser Religionen hätten für das Verhalten Jesu Verständnis gehabt, denn sie hatten sicher für ihr eigenes Gotteshaus auch einen mehr oder weniger großen Eifer. Unsere Zeit ist nicht besser und nicht schlechter als andere Zeiten, aber was ihr, wenigstens in unseren Breiten, weitgehend fehlt, ist der Glaube. Die Vorsteher der Juden, die Jesus zur Rede stellen „Mit welchem Recht tust du das?“, bezweifeln nicht die Notwendigkeit der Reinigung des Tempels. Sie haben nur etwas dagegen, dass Jesus das tut.

Und wir heute? Ein Ereignis wie das im Evangelium vom heutigen Sonntag berichtete nehmen wir im Gottesdienst zur Kenntnis. Vielleicht denken wir: Na ja, Jesus muss ja so handeln. Ich hätte das sicher anders gemacht. Kleine Gewissenserforschung zur Fastenzeit: wie wichtig ist mir Gott? Das alte Israel hatte da eine Maxime, die auch heute noch ihre Gültigkeit hat:

Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig (Dtn 6,4). Gepriesen sei Gottes ruhmreiche Herrschaft immer und ewig! Darum sollst du den Ewigen, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.
 Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie deinen Kindern erzählen. Du sollst von ihnen reden, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst. Du sollst sie als Zeichen um dein Handgelenk binden. Sie sollen als Merkzeichen auf deiner Stirn sein. Du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses und in deine Tore schreiben. (Dtn 6,5-9)

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.