"Ein arabischer Orient ohne Christen ist kein Orient"

Die Anfang September vom Patriarchen Fouad Twal in Amman gehaltene Rede

Jerusalem, (Lateinisches Patriarchat) | 469 klicks

Anfang September hat der Lateinische Patriarch von Jerusalem in Amman am Internationalen Kongress zum Thema „Die Herausforderungen der arabischen Christen“ teilgenommen. Wir veröffentlichen hier die Rede Seiner Seligkeit Patriarch Fouad Twal.

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Sehr geehrter Herr Präsident der Konferenz,

Hochwürdigste Seligkeiten,

Hochwürdigste Eminenzen,

Hochwürdigste Exzellenzen,

sehr geehrte geladene Gäste,

Wir danken Jordanien, dessen Oberhaupt Seiner Majestät König Abdallah II. und Seiner Königlichen Hoheit Emir Ghazi ben Mohammad für diese einzigartige Initiative. Die Anwesenheit einer großen Anzahl christlicher und muslimischer religiöser Würdenträger ist von besonderer Bedeutung und die eigentliche Antwort auf das, was sich in unserem Orient derzeit ereignet, auf die Herausforderungen und Schwierigkeiten, ja auf die Frage über Leben oder Sterben unseres Volkes.

Der erschwerte Friedensprozess im Heiligen Land ist ein grundlegendes Hindernis für die allgemeine Entwicklung unserer Gesellschaft und für die Situation der Christen im Besonderen. Es ist an der Zeit, dass wir eine gerechte und würdige Lösung des palästinensischen Problems anstreben. Dies ist nur mit Hilfe ehrlicher Bemühungen von Seiten der Internationalen Gemeinschaft und der Großmächte möglich, unter der Voraussetzung, dass die Haltung dieser Kräfte gerecht und neutral bleibt. Wenn eine Lösung ausbleibt, werden wir weiterhin den Stürmen im Heiligen Land, im Nahen Osten und in der gesamten Welt ausgesetzt bleiben.

Die Instabilität berührt jeden, die Christen aber in besonderer Weise: Sie nehmen als Mitbewohner am Leid, das die gesamte Region umspannt, teil, weil sie aufgrund ihres Christseins selbst Opfer sind. Die zahlreichen Ereignisse, die den Nahen Osten so erschüttert haben, ziehen auch negative Folgen besonders für die Christen im Irak, in Syrien, in Ägypten, im Libanon und in Palästina nach sich. Sie fühlen sich persönlich angegriffen, ihre Angst wächst, und somit entscheiden sich viele trotz etlicher wiederkehrender Vertröstungen letztlich für die Emigration.

Im Heiligen Land und besonders in Jerusalem, wo sich der Prozess der Judaisierung und der Bau jüdischer Wohnsiedlungen immer weiter fortsetzt, müssen wir mit Schmerz feststellen, dass unsere katastrophale Lage nunmehr weder die internationale Gemeinschaft noch die islamischen arabischen Staaten kümmert, da derzeit die ganze Aufmerksamkeit auf den schwierigen syrischen Konflikt und auf die problematische Situation in Ägypten gelenkt wurde. Reden und Versprechungen reichen nicht mehr aus, sei es von arabischer, islamischer oder westlicher Seite. Die Menschen haben das Vertrauen in diese Versprechungen verloren, sie wollen ins Ausland emigrieren, um dieser Ungewissheit, die sie nicht mehr ertragen können, zu entkommen. Keine Schuldgefühle mehr nach Haus- und Grundstücksverkäufen, die von unseren Vorfahren geerbt wurden – ein Mittel, um emigrieren zu können und in andere Länder auszuwandern. Ein arabischer Orient ohne Christen ist nicht mehr der Orient, den wir kennen und den wir lieben.

Die früheren Gespräche sind für die Gegenwart mit ihren unzeitgemäßen Aussagen nicht mehr von Bedeutung. Man kann sich nicht auf Verhandlungen der Vergangenheit stützen, ohne die heutigen Probleme mit einzubeziehen. In verschlossenen Sälen Vorträge zum Thema Toleranz und gegenseitiger Akzeptanz zu hören, ohne sich in der Öffentlichkeit dazu zu bekennen, ist auch nicht akzeptabel. Ein Christ ist Bruder des Muslims, und ein Muslim ist Bruder des Christen. Das ist die Botschaft von Amman, die in die Realität pädagogischer Lehrpläne, in religiöse Gespräche und die Medien einfließen müsste.

Viele leben ihre Gegenwart in der Vergangenheit, die zum Traum ihrer Zukunft wird. Die Charta von Muawiya, die würdevolle Stellung von Omar, die Koranverse, das alles bringt uns nun nichts mehr. Die Ungewissheit bei den christlichen und muslimischen Oberhäuptern wächst. Aufgrund dieser Unsicherheit hat Seine Majestät König Abdallah II., in seiner Rolle als Wächter über das Heilige Land, diese Initiative gestartet, die wir dankbar anerkennen. Wir unterstützen die Bemühungen Seiner Majestät, um unsere Gläubigen zu ermutigen — ein bescheidener Versuch, die Furcht der Menschen und damit die Emigration der Einwohner und der gebildeten Schicht zu verringern und das Bewusstsein bei denen zu wecken, die für die Zukunft des Volkes Verantwortung tragen. Von daher ist uns diese Begegnung heute so wichtig.

Natürlich darf der Religionsfaktor – unsere gemeinsame christliche Religion zwischen den Nahost-Christen und den Christen des Westens – nicht als Vorwand verwendet werden, die Christen des Orients an die Politik und Interessen des Westens zu binden.

Das, was uns mit dem Islam verbindet – seine Koranverse und Evangeliums-Zitate, die zu Nächstenliebe aufrufen – bietet keinen Schutz mehr vor einem blinden Fanatismus gewisser extremer Gruppierungen, der keine Barmherzigkeit kennt und das Leid der Christen nicht beendet. Die Stille des moderaten und auf Vernunft basierenden Islam, dem jeglicher Einfluss auf die Entwicklung der Ereignisse fehlt, versetzt uns Christen in einen Zustand größter Besorgnis.

Es ist daher unsere Aufgabe, diesen extremistischen Strömungen mit Mut und Weitsicht entgegenzutreten, indem wir anhand einer vernünftigen pädagogischen Strategie die positiven Aspekte des Islam, des Christentums und des Judentums hervorheben, um Aufgeschlossenheit des Geistes und höhere Toleranz in einer neuen Generation zu fördern. Es ist zudem sehr wichtig, dass sich eine starke öffentliche Meinung bildet, die diese negativen Bewegungen ganz entschieden ablehnt, sie isoliert und ihren Einfluss und ihre Vereinnahmung der Gesellschaft eindämmt. Hier müssen auch die Medien eine entscheidende Vorreiterrolle übernehmen. Es muss nun darum gehen, einen seriösen Plan auszuarbeiten, um den extremistischen Bewegungen vereint entgegenzutreten, damit das Wohl der Gesellschaft und besonders die Sicherheit und Stabilität der Christen geschützt wird, damit diese sich aktiv und mit Mut innerhalb der Gesellschaft integrieren und nicht ausgegrenzt fühlen.

Wir religiöse christliche und muslimische Würdenträger müssen uns gegenseitig spirituell und sozial unterstützen, um uns dem Reichtum der westlichen Zivilisation zu öffnen, und darin auch die möglichen Gefahren von Gewalt und religiösem Extremismus zu erkennen.

Angesichts des enormen Kapitals, das aus rein weltlichen Interessen in diesen Bürgerkriegen geopfert wird, müssen wir uns die Frage stellen, auf die es keine Antwort gibt: Warum diese ungeheure Verschwendung? Warum nicht einen Teil dieser Fonds für „Al Quds“ (die Heilige Stadt) investieren, für die Institutionen und Einwohner, um dort zum Beispiel Wohnungen zu bauen? Warum? Warum?…

Trotz dieser Schwierigkeiten werden wir die Hoffnung nicht verlieren. Unsere Gemeinden sind in der Lage, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, eine solidarische Gesellschaft aufzubauen, in der das Gemeindeleben Priorität ist. So etwas kann nicht spontan gelingen, sondern verlangt methodisches Vorgehen auf allen Ebenen.

Meine lieben Zuhörer,

die Zeit vergeht und die Ereignisse überstürzen sich. Lassen Sie uns an einer besseren Zukunft für unsere Kinder arbeiten – eine Zukunft, in der sich jeder sicher fühlt, als Person, als Familie, mit seinem Eigentum, seiner Religion und seinen Heiligtümern…

+ Fouad Twal, Lateinischer Patriarch von Jerusalem

(Quelle: Lateinisches Patriarchat von Jerusalem, 19/9/2013)