Ein Bestseller wird 400 Jahre alt

Die „Philothea" des heiligen Franz von Sales

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Von P. Herbert Winklehner OSFS

ROM, 10. Februar 2009 (ZENIT.org).- Das berühmteste Buch des heiligen Bischofs und Kirchenlehrers Franz von Sales (1567-1622) ist seine „Anleitung zum frommen Leben" (Französischer Originaltitel: Introduction à la vie dévote), im deutschen Sprachraum kurz „Philothea" genannt. Es erschien Anfang des Jahres 1609 - also genau vor 400 Jahren - und zählt noch heute zu den zehn am meisten gelesenen Büchern der christlichen Weltliteratur.

Das religiöse Leben zur Zeit des heiligen Franz von Sales litt an einem merkwürdigen Zwiespalt. Es wurde eine Grenze gezogen zwischen Welt und Kloster. So war man allgemein der Meinung, dass derjenige, der ein wirklich guter Christ sein will, ins Kloster gehen müsse. Das Leben in der Welt sei derart schlecht, dass dort ein echtes Leben aus dem Glauben nicht möglich wäre.

Es gab allerdings auch eine große Anzahl von Frauen und Männern, die mit dieser Alternative nicht zufrieden waren. Eine davon war Louise du Châstel, Frau von Charmoisy (1587-1645). Sie war der unmittelbare Anlass dafür, dass es zur Veröffentlichung der „Philothea" kam.

Verwandt mit Franz von Sales, suchte sie bei ihm Rat, wie sie ihren Glauben in der Welt leben könne. Franz von Sales schrieb ihr deshalb eine Reihe von Briefen, in denen er ihre Fragen so ausführlich wie möglich beantwortete. Frau von Charmoisy zeigte diese Briefe dem Jesuitenpater Jean Fourier (1560-1636) und dieser war vom Inhalt so begeistert, dass er Franz von Sales bat, er möge doch diese Anregungen veröffentlichen, damit alle Menschen etwas davon haben.

Franz von Sales machte sich daran, diese und auch andere Briefe mit ähnlichem Inhalt so zu überarbeiten, dass sie allgemein gültigen Charakter bekamen. Er behielt jedoch den literarischen Stil des Briefes bei. Als Anrede verwendete er den allgemeinen Namen „Philothea", zu Deutsch: „Gott liebende Seele". So erreichte er, dass sich jede Leserin und jeder Leser persönlich angesprochen fühlten: Hier bin ich gemeint und hier möchte mir jemand ganz konkret helfen, meinen Glauben zu leben.

Im August 1608 schickte Franz von Sales sein Manuskript zum Verleger Pierre Rigaud nach Lyon. Zur Jahreswende 1608/1609 erschien die „Anleitung zum frommen Leben" oder eben die „Philothea" zum ersten Mal und fand sofort reißenden Absatz. Innerhalb kürzester Zeit musste das Buch mehrmals neu aufgelegt werden. Die Buchhändler beschwerten sich beim Verleger, dass dieser mit dem Nachdrucken nicht schnell genug sei.

Die erste deutsche Übersetzung von Caspar Eysengrein erschien unter dem Titel „Das Geistlich - Je länger je lieber" 1616 in München. Von der heute aktuellen deutschen Ausgabe in der Übersetzung von Franz Reisinger, erschienen im Franz Sales Verlag in Eichstätt, sind bisher etwa 100.000 Exemplare verkauft worden.

Wie jedes gute Buch, so blieb auch die „Philothea" vor Kritik nicht verschont Es gab Priester, die das Buch öffentlich als Teufelswerk schmähten. Was war das radikal Neue, das diese Kritik verursachte?

Neu war ganz einfach die Aussage, dass jeder Christ, egal welchen Beruf er ausübt oder in welchem Stand er lebt, zur Heiligkeit berufen ist und diese Heiligkeit auch erlangen kann, ohne sich dafür aus der Welt in ein Kloster zurückziehen zu müssen. Kurz: Die Frömmigkeit muss sich an die Situation des einzelnen Menschen anpassen, nicht umgekehrt. Franz von Sales wertete damit den Stand des Laienchristen in der Kirche auf und stellte ihn praktisch auf dieselbe Stufe den Weihestand.

Dass diese Gleichberechtigung des Laien so manchem Priester oder Ordensmann nicht gefiel, kann man sich vorstellen. Ebenso kritisiert wurde eine gewisse „Freizügigkeit" in der „Philothea", weil Franz von Sales den frommen Menschen in der Welt den Besuch von Bällen oder das Tanzen nicht verbot und gar ein Kapitel über „Liebeleien und Flirt" schrieb. Ebenso kritisch angemerkt wurde, dass Franz von Sales in seinem Buch „Zeiten der Erholung" als etwas sehr Positives für den Christen beschrieb.

Dem Erfolg der „Philotea" tat diese Kritik jedoch keinen Abbruch. Die überwiegende Mehrheit der Leserinnen und Leser empfanden das Buch als befreiend und als wunderbare Hilfe, ihren Glauben zu leben. Und genau für diese Menschen in der Welt ist das Buch verfasst worden, so wie Franz von Sales es selbst formuliert: „Ich will gerade jenen helfen, die in der Stadt, im Haushalt oder bei Hof leben. Bei ihnen findet man oft die irrige Ansicht, ihnen sei das Streben nach Frömmigkeit unmöglich. Die Frömmigkeit aber passt zu jedem Stand und Beruf.

Es ist ein Irrtum, ja sogar eine Irrlehre, die Frömmigkeit aus der Kaserne, aus den Werkstätten, von den Fürstenhöfen aus dem Haushalt verheirateter Frauen verbannen zu wollen. Die echte Frömmigkeit schadet keinem Beruf und keiner Arbeit. Jeder Mensch wird wertvoller in seinem Beruf, wenn er die Frömmigkeit damit verbindet."

Gewiss, manche Passagen der „Philothea" klingen nach 400 Jahren antiquiert und sind überholt, der weitaus größte Teil jedoch besitzt weiterhin zeitlose Gültigkeit. Die Philothea sagt ein kühnes Ja zur Frömmigkeit in und mit der Welt Es ist ein Ja zum gleichrangigen Glaubenszeugnis des „Laien“, wie es dann im Zweiten Vatikanischen Konzil in der Aussage zum gemeinsamen Priestertum weitergeführt wurde."

Es lohnt sich also auch für den Christen des 3. Jahrtausend, die „Philothea" zur Hand zu nehmen und sich von ihr inspirieren zu lassen.