Ein blinder Fleck?

Auf der Suche nach Lösungen für Probleme der neuen geistlichen Bewegungen

Rom, (ZENIT.org) | 536 klicks

Bei der internationalen Konferenz über die Pfingstkirchen und Neuen Religiösen Bewegungen [ZENIT berichtete] mit dem Titel: „Evangelikale – Pfingstkirchen – Charismatiker. Neue Religiöse Bewegungen als Herausforderung für die katholische Kirche“ in der letzten Woche hat Kurt Kardinal Koch auf die Problematik der notwendigen Unterscheidung der Geister bei den neuen geistlichen Bewegungen hingewiesen.

In seiner Rubrik „Der Leserbrief“ wird das „Vatican Magazin“ die Gedanken von P. Franz Nüsslein OFMCap zu dieser Problematik widergeben, die wir hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion des Vatican-Magazins veröffentlichen.

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„Eine neue Gestalt des Christentums“ - Es sind Formen von christlichem Leben, die wir in Zentraleuropa fast noch gar nicht kennen: Charismatische Heilungsgottesdienste, Megachurches, direkte und aggressive Werbung und ein großer Zulauf. Neue geistliche Bewegungen, wie diese Entwicklungen zusammengefasst werden, sind seit Jahren ein wachsender Trend in der Welt. Mit einer Konferenz in Rom ging ein jahrelanges Forschungsprojekt zu Ende, das sich diesem Phänomen widmete. Bei der Konferenz ging es aber nicht nur über die empirischen Ergebnisse der Studie an sich, sondern ganz bewusst darum, diese mit der Theologie und der Pastoral zu verbinden. (RV)

Diese Meldung hat unseren Leserbriefschreiber wieder ins Grübeln gebracht, zumal sich ab etwa 1970 vor allem in Ländern der Dritten Welt die „Neocharismatische Bewegung“ ausgebreitet hat. Sie stellt mit mehreren hundert Millionen Anhängern heute den größten Teil der weltweiten Pfingstbewegung und ist die zweitgrößte christliche Gruppierung!

Zwanzig Jahre schon wird über dieses Phänomen offiziell nachgedacht. Leider habe ich nicht den Eindruck, dass auch nur Ansätze zu einer Lösung gefunden sind. Andernfalls würde man das ja freudig kundtun. Meine sehr provokante These ist: genau jene Helfer unserer Bischöfe, die gerufen werden, Lösungen zu finden, sind letztlich Ursache des Knotens. Ich will ihnen damit nicht mangelnden Eifer oder gar Bosheit unterstellen. Ich fürchte aber, dass sie auf Ebenen und mit Methoden arbeiten, die haarscharf am Eigentlichen vorbeischrammen. Alle wissenschaft-theologischen Analysen und demoskopischen Erhebungen zeigen nur das, was ist. Änderungen gelingen nur im Tun angesichts dieses Ists.

Nicht irgendwelche Strategien sind zu entwickeln, nein, unser Gebet und unser Gottesdienst muss sich ändern, ändern in Richtung auf eine Form, die dem tiefen Urdrang der Menschen, dem göttliche Geheimnis zu begegnen, Raum gibt. Ich wage zu behaupten, dass die tridentinische Messe dieses Bedürfnis gestillt hat. Das Latein in seiner Ungewöhnlichkeit und das teilweise verdeckte Geschehen bei der Feier (vgl. den Ost-Ritus) kommt der Grundstruktur des Menschen am nächsten angesichts der Unbegreiflichkeit Gottes. Man rührt nicht rational im Geschehen herum, sondern lässt sich ins Geheimnis fallen. Bleibt man nämlich auf der rationalen Schiene gefangen, dann verstrickt man sich in endlose Erklärungsversuche. Zwar nimmt man die Uhr gekonnt auseinander, findet aber einfach die Zeit nicht.

Dieser, wohl mit der Liturgiereform eingebrochenen Rationalisierung der Vollzüge, die teilweise dazu führen, dass die „Feier“ eher Informationsveranstaltung ist als tätige Anbetung, folgt verständlicherweise das blind-tastende Suchen nach der rechten Verehrung. Leider geschieht das oft im konträren Extrem: dem Verstand wird die Emotion entgegengesetzt. Sie soll bringen, was als verloren empfunden wird. Die gemeinsame Ekstase scheint dann die wahre Verehrung.

Nicht als ob mit den Vorgaben der Liturgiereform kein guter Gottesdienst möglich ist. Aber irgendwie sind die Leitplanken abmontiert, die verhinderten, dass man vom rechten Weg ungebremst in den Acker der Banalitäten gerät. Wenn dann noch hinzukommt, dass das Gros der Menschen ungeschützt der Massage der Medien ausgeliefert ist, dann geht unbemerkt der letzte Rest von Ehr-„Furcht“ flöten. Jesus, der Richter am Ende der Zeiten, gerät aus dem Blick und wird zum Bruder und Kumpel, der schon alles richten wird. Er ist ja so barmherzig.

In der Politik gibt es ein ähnliches Phänomen der Bildung von Extremen. Beim Slogan „links gegen rechts“ wird zurecht angedeutet, dass „rechts“ falsch und gefährlich ist. Aber das bedeutet doch nicht, dass „links“ gut und harmlos ist. Aber beide Extreme brauchen einander als ideologische   Lebensspender. Ähnliches gilt für die religiösen Formen. Die Beliebigkeiten der rationalistischen Konstrukte adeln doch nicht die emotionale Explosion in zahllose Grüppchen. Und ebenso umgekehrt. Martin Mosebach hat wohl Recht, wenn er von einer „Häresie der Formlosigkeit“ spricht.

Pater Franz Nüsslein OFMCap

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