Ein Caravaggio ersteht von den Toten

Restaurierung der Auferstehung des Lazarus fördert ein Meisterwerk zutage

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Von Elizabeth Lev*

ROM, 13. Juli 2012 (ZENIT.org). - Obwohl man sich im Monat Juni in Rom so etwa wie in einem Pizzaofen fühlt, zieht das neu restaurierte Gemälde des Caravaggio, „Die Auferstehung des Lazarus“, dennoch Besucher hinab in die Kälte eines Grabes.

Das Werk, das sich normalerweise in der Nationalgallerie von Messina befindet, kann bis Mitte Juli im Römischen Museum des Palazzo Braschi (neben Piazza Navona) begutachtet werden.

Die Auferstehung des Lazarus“ wurde von Caravaggio im Jahre 1609 gemalt, als er sich aufgrund des Mordes, den er 1606 an Rannuccio Tommasoni begangen hatte, auf der Flucht vor der Justiz in Sizilien befand. Der Auftrag war ihm von einem betuchten Geschäftsmann aus Genua, Giovanni Battisti de’Lazzari, erteilt worden und das Bild sollte seinen Platz auf dem Hochaltar der Kirche der Kreuzträgerpatres (Padri Croceferi) finden, die ein Krankenhaus in Messina leiteten.

Schlechte klimatische Bedingungen und eine dicke Lackschicht, die im 19. Jahrhundert  bei einer Restaurierung aufgetragen worden war, hatten die Hell-Dunkelkontraste abgeschwächt, die Farben undeutlich und es fast unmöglich gemacht, gewisse Teile des Gemäldes überhaupt wahrzunehmen. Wer sich auf den Weg nach Messina begab, um das Werk zu betrachten, kehrte oft enttäuscht über den schlechten Zustand des Gemäldes zurück.

Dieses Jahr wurde das 2,67 Meter auf 2,75 Meter große Gemälde nach Rom transportiert, um dort in einer der besten italienischen Restaurierungsschulen, dem „Istituto Superiore di Conservazione e Restauro“, in seiner alten Pracht wiederherstellt zu werden. Nach fünf Monaten Arbeit kann man nun das erstaunliche Resultat begutachten und die interessanten Entdeckungen nachvollziehen, die bei der Arbeit gemacht worden sind.

Für das große Altargemälde benutzte Caravaggio sechs zusammengenähte Leinwandstücke aus Hanf. Nach den am Werk vorgenommenen Studien sind auf der Leinwand Zeichnungen vorhanden – also einer der seltenen, wenn nicht der einzige Fall, in dem Caravaggio sich bei seiner Arbeit einer Vorzeichnung bediente. Der Studie nach zu urteilen verwendete Caravaggio eine sehr unterschiedliche Pinselführung. Einige Pinselstriche wurden mit viel Sorgfalt ausgeführt, andere erweisen sich als eine für ein Auge oder eine Augenbraue rasch aufgetragene Linie, was eine gewisse Unmittelbarkeit des Werks bewirkt. Die Entfernung des Lacks förderte Farbnuancen zutage, die bisher verloren gegangen waren.

In „Das Leben Mario Minettis“ – der von Francesco Susinno im 19. Jahrhundert verfassten Biographie eines guten Freundes und Künstlerkollegen Caravaggios – heißt es, unser Künstler hätte eine erste Version des Werkes unter Verwendung eines Leichnams im Krankenhaus selbst entworfen. Die Kritik des aus Messina stammenden Kollegen erregte den Maler jedoch so sehr, dass er seinen Dolch zog, die Leinwand in Stücke schnitt und die heutige Version entwarf.

Von der Komposition her ruft das Gemälde viele Werke in Erinnerung, die Caravaggio selbst geschaffen oder die er während seiner Reisen gesehen hatte. Die Christusdarstellung auf der linken Seite ähnelt, besonders in Bezug auf die Geste der Hand, jener der Berufung von Matthäus, dem ersten Werk, das ihm in Rom Ruhm eingebracht hat. Die ausgestreckten Arme des Lazarus hatte Caravaggio hingegen oft schon benutzt, so zum Beispiel beim Tod des Matthäus und bei der Bekehrung des Saulus. Das Nebeneinander von Marthas Kopf, der dem Haupt ihres Bruders gegenüberliegt, scheint sein Modell in einem Werk Botticellis zu haben. So stellt dieses Werk Caravaggios außerordentliches Bildergedächtnis unter Beweis und zeigt, dass er fähig war, seine Gemälde aus Motiven zusammenzusetzen, die er während seiner Glanzzeit gesehen hatte.

Das Thema war oftmals schon behandelt worden – von Giotto bis Sebastiano del Piombo, (der berühmt dafür ist, die Zeichnungen Michelangelos für diese Komposition benutzt zu haben), doch Caravaggio packte es von einer ganz anderen Seite her an. Den oberen Teil des Gemäldes ließ er fast vollständig leer und dunkel – gleichsam wie die wuchtige Last eines Grabsteins, der nach unten drückt. Seitlich bildet sich ein Rahmen aus hellen Farben; auf der Linken strahlt Christus in roter und blauer Farbe; die Kleider von Maria und Martha werfen diese Töne in etwas abgedunkelten Farben zurück. Der ganze mittlere Raum wurde in irdener Farbe und mit Schatten durchsetzt gemalt.

Zwei Gestalten räumen den Grabstein weg, während Lazarus aufersteht und dabei von einem Totengräber gestützt wird. Licht geht von Christus aus und fällt auf die offene Hand seines Freundes, so als ob dieses Licht ihn aus der Dunkelheit herausziehen würde. Die ausgestreckten Arme sind ein Symbol für die herannahende Passion, die Christus bei seiner Kreuzigung auf sich nehmen wird.

Als Kunsthistorikerin halte ich die von Helen Langdon verfasste Biographie „Caravaggio: Ein Leben“ für die bei weitem beste Beschreibung des Lebens und Werks dieses Künstlers. Darin gelangt die Autorin zu mehreren faszinierenden Schlüssen über das Gemälde. Indem sie den hl. Ambrosius zitiert, der einst Bischof der Heimatstadt Caravaggios (Mailand) gewesen war, legt Helen Langdon dieses Werk als einen Aufruf zur Buße aus. Der Kirchenlehrer schrieb: „Wie schwer ist es für jemanden, der unter der erdrückenden Last einer Sünde liegt, aufzustehen!“

Die neu freigelegte Oberfläche, die auf dem Leib des Lazarus scharfe Kontraste von Hell und Dunkel sowie eine Ausführung von großer Unmittelbarkeit offenbart, verleihen dem Werk einen dramatischen Charakter und machen es zur Darstellung der großen Schlacht, die in der Menschenseele zwischen Sünde und Erlösung geführt wird.

*Elizabeth Lev unterrichtet christliche Kunst und Architektur auf dem italienischen Campus der Duquesne University und am katholischen Studien Programm von St. Thomas. Ihr Buch „The Tigress of Forlì: Renaissance Italy's Most Courageous and Notorious Countess, Caterina Riario Sforza de' Medici“ wurde vergangenen Herbst von Harcourt, Mifflin Houghton Press veröffentlicht [Rezension auf ZENIT]. Sie kann unter lizlev@zenit.org erreicht werden.

[Übersetzung des englischen Originals von P. Thomas Fox LC]