"Ein Christ ist keine Insel!"

Ansprache des Papstes bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 573 klicks

Die Generalaudienz begann heute Vormittag um 10.30 Uhr auf dem Petersplatz, wo der Heilige Vater mit Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Welt zusammentraf.

In seiner auf Italienisch gehaltenen Rede setzte der Papst seine Katechesen-Reihe über das Mysterium der Kirche fort. Im Mittelpunkt seiner Betrachtungen stand das Thema: „Die Kirche, Mutter der Christen“. Nach einer Zusammenfassung in verschiedenen Sprachen richtete Papst Franziskus einen besonderen Gruß an die anwesenden Gruppen von Gläubigen.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des Vaterunser und dem apostolischen Segen.

Wir dokumentieren die Ansprache des Heiligen Vaters in eigener Übersetzung:

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute wollen wir die der Kirche gewidmete Katechese in diesem „Jahr des Glaubens“ wieder aufnehmen. Zu den Bildern, die uns das 2. Vatikanische Konzil zum besseren Verständnis des Wesens der Kirche vor Augen führt, zählt jenes der „Mutter“: Die Kirche ist unsere Mutter im Glauben, im übernatürlichen Leben (vgl. Konst. Dogm. „Lumen Gentium“, 6.14.15.41.42). Dabei handelt es sich um eines der von den Kirchenvätern in den ersten Jahrhunderten am häufigsten verwendeten Bilder, und ich denke, dass es auch uns dienlich sein kann. Für mich ist es eines der schönsten Bilder der Kirche: die Mutter Kirche! Inwiefern ist die Kirche eine Mutter? Beginnen wir bei der menschlichen Gegebenheit der Mutterschaft: Wodurch zeichnet sich eine Mutter aus?

1. Eine Mutter lässt zunächst Leben entstehen; sie trägt ihr Kind neun Monate lang in ihrem Schoß und bringt es dann zur Welt. Ebenso verhält es sich mit der Kirche: Sie zeugt uns im Glauben durch das Wirken des Heiligen Geistes, der sie fruchtbar macht wie die Jungfrau Maria. Sowohl die Kirche als auch die Jungfrau Maria sind Mütter; was über die Kirche gesagt wird, kann ebenso über die Gottesmutter gesagt werden und umgekehrt! Der Glaube ist selbstverständlich ein persönlicher Akt: „Ich glaube“ ist meine persönliche Antwort auf Gott, der sich erkennbar macht und mit mir Freundschaft schließen möchte (vgl. Enz. „Lumen fidei“, Nr. 39). Ich empfange meinen Glauben jedoch von anderen: über die Familie, über die Gemeinschaft, die mich lehrt, die Worte „ich glaube“, „wir glauben“ zu sagen. Ein Christ ist keine Insel! Wir werden nicht im Labor zu Christen, alleine, aus eigener Kraft. Der Glaube ist vielmehr ein Geschenk, ein Geschenk Gottes, das wir in der Kirche und durch die Kirche empfangen. Die Kirche schenkt uns das Leben des Glaubens in der Taufe: Bei diesem Ereignis zeugt sie uns als Kinder Gottes, sie schenkt uns das Leben Gottes, sie bringt uns als Mutter hervor. Im Inneren des Baptisteriums von San Giovanni in Laterano nahe der päpstlichen Kathedrale befindet sich eine lateinische Inschrift, die in etwa folgendermaßen lautet: „Hier entsteht ein Volk göttlichen Stammes. Dieses wurde vom Heiligen Geist geschaffen, der dieses Wasser fruchtbar machte; auf diesen Wellen entbindet die Mutter Kirche ihre Kinder.“ Dies führt uns zu einer sehr wichtigen Erkenntnis: Unsere Teilhabe an der Kirche ist keine äußerlicher oder formelle Gegebenheit. Sie besteht nicht im Ausfüllen eines Dokumentes, sondern ist ein innerer und lebendiger Akt. Die Zugehörigkeit zur Kirche entspricht nicht der Zugehörigkeit zur Gesellschaft, zu einer Partei oder einer anderen Organisation. Es besteht ein lebendiges Band wie jenes zwischen uns und unserer Mutter. Der hl. Augustinus begründet dies mit den folgenden Worten: „Die Kirche ist wahrlich die Mutter der Christen“ („De moribus Ecclesiae“, I,30,62-63: PL 32,1336; eigene Übersetzung). Betrachten wir die folgende Frage: Wie sehe ich die Kirche? Wenn ich meinen Eltern gegenüber von Dankbarkeit dafür erfüllt bin, dass sie mir das Leben geschenkt haben, empfinde ich dasselbe Gefühl der Kirche gegenüber, die mich durch die Taufe im Glauben geschaffen hat? Wie viele Christen erinnern sich an den Tag ihrer Taufe? Ich stelle euch diese Frage, doch jeder von euch soll im eigenen Herzen darauf antworten: Wie viele von euch erinnern sich an den Tag ihrer Taufe? Einige Hände sind erhoben, aber so viele erinnern sich nicht daran! Der Tag der Taufe ist jedoch unser Geburtstag in der Kirche; jener Tag, an dem unsere Mutter Kirche uns zur Welt gebracht hat! Ich erteile euch nun eine Hausaufgabe. Sucht nach dem Tag eurer Taufe, sobald ihrer heute wieder in euren Wohnungen angekommen seid. So könnt ihr ihn feiern und dem Herrn für dieses Geschenk danken. Werdet ihr dies tun? Lieben wir die Kirche wie unsere eigene Mutter mit all ihren Fehlern? Alle Mütter haben Fehler, wir alle haben Fehler. Wenn jedoch von den Fehlern unserer Mutter die Rede ist, versuchen wir, diese zu verbergen, wir lieben sie so. Auch die Kirche ist nicht frei von Fehlern, aber lieben wir sie wie unsere Mutter; helfen wir dabei, sie schöner, authentischer und mehr nach dem Herrn zu gestalten? Ich überlasse euch diese Fragen, aber vergesst nicht auf eure Aufgaben: Findet euren Tauftag heraus, um ihn im Herzen zu bewahren und ihn zu feiern.

2. Eine Mutter schenkt nicht nur Leben, sondern hilft ihren Kindern mit großer Hingabe beim Wachsen. Sie gibt ihnen Milch, nährt sie, unterrichtet sie auf dem Weg des Lebens, begleitet sie stets mit ihrer Aufmerksamkeit, ihrer Zuneigung, ihrer Liebe; auch dann, wenn sie groß sind. Dabei ist sie auch fähig zum Verbessern, zur Vergebung, zum Verständnis. Sie versteht es, in der Krankheit und im Leiden ihre Nähe zu erweisen. Zusammengefasst gesagt, hilft eine gute Mutter ihren Kindern dabei, aus sich selbst hinauszugehen, nicht bequem unter dem mütterlichen Flügel bleiben wie Küken unter den Flügeln einer Glucke. Als gute Mutter verhält sich die Kirche ebenso: Sie begleitet unser Wachstum durch die Verbreitung des Wortes Gottes, das unseren christlichen Lebensweg erleuchtet; durch die Spende der Sakramente. Sie nährt uns durch die Eucharistie, lässt uns durch das Sakrament der Buße die Vergebung Gottes zuteilwerden und stützt uns in der Zeit der Krankheit mit der Krankensalbung. Die Kirche begleitet unser gesamtes Glaubensleben, unser gesamtes christliches Leben. Daraus ergeben sich weitere Fragen: Welche Beziehung besteht zwischen mir und der Kirche? Erlebe ich sie wie eine Mutter, die mich in meinem christlichen Wachstum unterstützt? Nehme ich Teil am Leben der Kirche, begreife ich mich als ein Teil von ihr? Ist meine Beziehung formell oder lebendig?

3. Ich möchte noch kurz einen dritten Gedanken anführen. In den ersten Jahrhunderten der Kirche bestand Klarheit über folgenden Sachverhalt: Die Kirche bringt die Christen als deren Mutter und hervor ist zugleich aus ihnen hervorgebracht. Die Kirche unterscheidet sich nicht von uns selbst, sondern soll als die Gesamtheit der Gläubigen betrachtet werden, als das Wir der Christen: Ich, du, wir alle sind Teil der Kirche. Der hl. Hieronymus schrieb in diesem Zusammenhang Folgendes: „Die Kirche Christi ist nichts anderes als die Seelen jener, die an Christus glauben“ („Tract.“ Ps PL 26,1084; eigene Übersetzung). Wir alle, Hirten und Gläubige, leben daher die Mutterschaft der Kirche. Manchmal höre ich folgende Aussagen: „Ich glaube an Gott, aber nicht an die Kirche … Ich habe gehört, dass die Kirche sagt … dass die Priester sagen …“ Die Priester sind ein Teil, doch die Kirche besteht nicht ausschließlich aus den Priestern. Die Kirche sind wir alle! Wenn jemand sagst, er glaube an Gott, aber nicht an die Kirche, dann ist dies so, als sage er, dass er nicht an sich selbst glaube; und darin liegt ein Widerspruch. Die Kirche sind wir alle: von einem kürzlich getauften Kind über den Bischof bis hin zum Papst; wir alle sind Kirche und vor den Augen Gottes gleich! Wir alle sind dazu berufen, an der Geburt des Glaubens neuer Christen mitzuwirken; wir alle sind dazu berufen, Erzieher im Glauben und Verkündiger des Evangeliums zu sein. Jeder von uns soll sich fragen: Was kann ich tun, um andere den christlichen Glauben teilen zu lassen? Bin ich in meinem Glauben fruchtbar oder verschlossen? Wenn ich wiederhole, dass ich eine Kirche liebe, die nicht durch eine Umzäunung abgetrennt ist sondern fähig ist, aus sich herauszugehen, sich zu bewegen und selbst unter Gefahren Christus zu allen Menschen zu bringen, dann denke ich an alle: an mich, an dich, an jeden Christen. Lasst uns alle an der Mutterschaft der Kirche teilhaben, auf dass das Licht Christi bis an die äußersten Randgebiete der Erde vordringe. Es lebe die heilige Mutter Kirche!