„Ein falsches Drehbuch“: Klärende Worte zur Antisemitismus-Debatte

Vatikanzeitung reagiert auf den Vorwurf der „Restauration“

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ROM, 27. Januar 2009 (ZENIT.org).- „Ein falsches Drehbuch: Wenn eine Geste der Versöhnung zu einem Medienereignis wird". Unter diesem Titel veröffentlichte die Vatikanzeitung „Osservatore Romano" in der heutigen Dienstagsausgabe einen Leitartikel, der auf die seit Tagen andauernde Debatte rund um die Aufhebung der Exkommunikation der vier Bischöfe der Priesterbruderschaft St. Pius X. eingeht.

Anlass für die vielen kritischen Stimmen ist ein Interview, das ein Bischöfe der Bruderschaft, Richard Williamson, einem schwedischen Fernsehsender gegeben hatte. In dem Interview leugnete er die Shoah, das heißt den Holocaust der jüdischen Volkes durch das nationalsozialistische Regime, und meinte, es wäre unmöglich, dass der Völkermord das Leben von sechs Millionen Juden gefordert hätte. Seinen Äußerungen nach hätte es sich „nur“ um 200.000 bis 300.000 Todesopfer handeln können. Ebenso leugnete Williamson die Existenz von Gaskammern und Kremationsöfen..

Diese antisemitischen Aussagen und die Entscheidung des Papstes, die Strafe der Exkommunikation wegen der unerlaubten Bischofsweihen von 1988 aufzuheben, führte zu einer breiten Diskussion hinsichtlich des Verhältnisses der Kirche zum Judentum. Die Vatikanzeitung weist nun die mediale Kritik an der jüngsten Maßnahme des Papstes gegenüber den Traditionalisten entschieden zurück. Es sei „ein falsches Drehbuch zur Aufführung gekommen". Die Rücknahme der Exkommunikation der vier traditionalistischen Bischöfe sei zu einem neuen emotionsgeladenen Fall der Medien geworden.

„Hastig" sei Papst Benedikt XVI. nicht nur die Schuld angelastet worden, sich vorkonziliaren Positionen ergeben zu haben, sondern auch jene, wenigstens aus Unvorsichtigkeit „negationistischen" Thesen über die Shoah Unterstützung zu verleihen. Als Gegenbeweis werden im Zeitungsartikel Worte des Papstes während der Vesper zitiert, mit der die Gebetswoche für die Einheit der Christen am vergangenen Sonntag ihren Abschluss fand, sowie die Ansprache vor dem Angelusgebet desselben Tages.

Benedikt XVI. habe die Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils betont, das Johannes XXIII. vor genau 50 Jahren angekündigt hatte, und die Geste seines Vorgängers als eine „weit blickende, vom Heiligen Geist geweckte Entscheidung" definiert. Dieses Zusammentreffen der Würdigung des Konzils und der Rücknahme der Exkommunikation hatte der „Osservatore Romano" bereits in ihrer Sonntagsausgabe herausgestellt.



Die Geste der Rücknahme der Exkommunikation sei in Zusammenhang mit dieser Würdigung des Konzils zu lesen, das von Gott inspiriert worden sei. „Die Reform des Konzils ist nicht vollständig verwirklicht, aber sie ist in der katholischen Kirche mittlerweile derartig konsolidiert worden, dass sie von einer großherzigen Geste des Erbarmens nicht ins Wanken gebracht werden kann", so die Zeitung weiter. Dies gelte um so mehr, als der neue, vom Konzil bevorzugte Stil der Kirche gegenüber der Verurteilung das „Heilmittel der Barmherzigkeit" sei.

In der Zeitung wird darauf hingewiesen, dass mit der Rücknahme der Exkommunikation „eine schmerzhafte Angelegenheit wie das Schisma Lefebvres" nicht abgeschlossen sei. Der Papst habe mit seiner Entscheidung mögliche Vorwände für unendliche Polemiken ausgeräumt und das wahre Problem in den Mittelpunkt gerückt: „die volle Annahme des Lehramtes, einschließlich natürlich des Zweiten Vatikanischen Konzils".

Die katholische Kirche sei nicht mit dem Konzil entstanden; gleichzeitig aber entspreche es der Wahrheit, dass „die durch das Konzil erneuerte Kirche keine andere Kirche ist, sondern dieselbe Kirche Christi, die auf den Aposteln gründet, vom Nachfolger des Petrus gewährleistet wird und somit lebendiger Teil der Tradition ist". Insofern sei der Vorwurf, Benedikt XVI. würde einen teilweisen Ausverkauf des Konzils betreiben, eine „rhetorische und beleidigende Übung". Gleiches gelte für die Frage, ob der Papst wirklich vom Weg der Ökumene und des Dialogs mit den Juden überzeugt sei. Vielmehr sei es so, dass „die strategischen Bemühungen seines Pontifikats vor aller Augen stehen". Der Papst verfolge sein Programm, indem er die anspruchsvollsten Handlungen kollegial gemeinsam mit dem Episkopat teile.

Der „Osservatore Romano" bekräftigt, dass der Dialog „konstitutiver Teil der konziliaren Kirche" sei. Benedikt XVI. habe mehrmals wiederholt, dass „der Ökumenismus die Umkehr aller - auch die der katholischen Kirche - zu Christus erfordert". Durch die Aufhebung der Exkommunikation sei es noch nicht zur vollen Gemeinschaft mit der Priesterbruderschaft Pius X. gekommen. Die Entscheidung, diesen ersten Schritt zu tun, sei keine unvermittelte und plötzliche Geste Benedikts XVI. gewesen, sondern sie sei kollegial getroffen worden und in der Kirche Roms bereits bekannt gewesen.

In diesem Zusammenhang wird auch darauf hingewiesen, dass sich aus der Annahme des Konzils notwendigerweise auch eine eindeutige Position gegenüber der Verneinung der Shoah ergebe. Die diesbezügliche Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils, die in der Erklärung „Nostra aetate" zusammengefasst ist, sei „für einen Katholiken nicht diskutierbar". Die Päpste seit dem Konzil einschließlich Benedikt XVI. hätten diese Lehre in Dutzenden von Dokumenten und Ansprachen zur Sprach gebracht.

„Die jüngsten negationistischen Erklärungen widersprechen dieser Lehre und sind somit als sehr schwerwiegend und bedauerlich zu betrachten. Die vor dem Dokument zur Aufhebung der Exkommunikation gemachten Erklärungen sind - wie bereits gesagt - nicht zu akzeptieren."