Ein Fenster auf das Geheimnis der Liebe Gottes

Die Kunstwerke der Ikonografin Christina Munns dienen als Instrumente der Neuevangelisierung

Rom, (ZENIT.org) Junno De Jesús Arocho Esteves | 1113 klicks

Jahrhundertelang öffnete die Kunst der Ikonografie gleichsam ein Fenster auf das Göttliche, ein Tor zur Geschichte. Sie fungierte nicht nur als künstlerische Darstellung eines biblischen Ereignisses bzw. der Gestalt eines Heiligen, sondern war ebenso eine Form der Evangelisierung, die die Liebe Gottes zur Menschheit offenbarte.

Im römischen Institut Nazareth, einer der prestigereichsten Schulen Italiens, fand anlässlich des 125-jährigen Bestehens der Einrichtung eine Ausstellung der berühmten Ikonografin Christina Munns statt. Die in Hamburg, Deutschland, geborene Künstlerin hatte mehr als 20 Jahre ihres Lebens der Vervollkommnung ihrer Kunst gewidmet und dabei den griechisch- und russisch-orthodoxen ikonografischen Stil als Vorbild verwendet.

Die 23 ausgestellten Ikonen boten den Besuchern nicht nur die Gelegenheit, Munns‘ künstlerisches Talent zu bewundern, sondern gaben auch einen Einblick in ihre Spiritualität und ihren Glauben.

Jede Ikone von der Erscheinung des auferstandenen Christus über das „Noli me tangere“ (Rühr mich nicht an) der Maria Magdalena bis hin zur „Flucht nach Ägypten“ der hl. Familie erlaubt den christlichen und nicht-christlichen Besuchern ein Überschreiten der Grenze zum Unendlichen und macht die Liebe Gottes zu all seinen Geschöpfen erfahrbar.

ZENIT sprach mit Christina Munns über ihren Glauben, ihre Werke und die Frage, wie diese im Jahr des Glaubens zu einem Mittel der Neuevangelisierung geworden sind.

Erzählen Sie uns ein wenig von sich selbst …

Christina Munns: Mein Name ist Christina Munns und ich bin Ikonografin. Als ich begonnen habe, war es gleichsam eine Mission. Eines Tages verkündete der Pfarrer während der Messe, dass sich niemand für die Gestaltung der Osterkerze bereit erklärt hatte. Ich weiß nicht, wie das geschah, aber ich stand damals auf und sagte: „Ich möchte es machen“. Das war vor 20 Jahren hier in Rom in der „Chiesa Nuova“ der Pfarre Santa Maria in Vallicella. Ich war sehr aufgeregt, denn obwohl ich seit meiner Kindheit gemalt hatte, war es doch etwas völlig Neues. Das war der Anfang.

Ich begann mit einer Lehre beim namhaften griechischen Ikonografen Stefano Arnakolas. Nun arbeite ich mit Alexander Stalnov, einem der berühmtesten russischen Ikonografen der orthodoxen theologischen Akademie von St. Petersburg, zusammen. Stalnov ist auch der Präsident aller Ikonografen Russlands. Ich hatte das Glück, von den besten russischen Meistern ausgebildet worden zu sein. Er ist einer der besten und an die besten muss sich wenden.

Für jede Ikonenmalerei ziehe ich mich in ein Klausurkloster zurück. Ich habe die Gewohnheiten der traditionellen Ikonenmaler angenommen, nach der Lehre der Kirche. Ich bete und gehe zur Messe.

Kann man also sagen, dass Sie einer Anhängerin der Tradition des „Ora et labora“ sind?

Christina Munns: Ja, die Anfertigung einer Ikone muss sich in einen liturgischen Kontextes des Gebetes einfügen, um alle Formen des Segens empfangen zu können. Spiritualität ist wesentlich, denn eine Ikone ist kein gewöhnliches Bild. Vielmehr muss sie einen Reichtum an Spiritualität beinhalten. Eine Ikone öffnet den Weg zum Himmel, sie erlaubt den Eintritt in das Unsichtbare und verhilft ihm zur Sichtbarkeit. Es ist äußerst wichtig, dass eine Ikone sowohl Spiritualität als auch den Segen besitzt.

Ebenso wichtig ist, dass nicht wir die Ikone anblicken, sondern dass es umgekehrt erfolgt. Es geht also darum, den Blick Jesu auf uns zuzulassen, denn er möchte uns anblicken. Es ist eine Form des Gebetes. Wer sich anblicken lässt, wird zum Empfänger der Spiritualität. Es ist eine Verbindung, die einen Kontakt mit der Spiritualität ermöglicht.

Ikonen kennen keine religiösen Grenzen. Sie sind allen Religionen offen, sie sind eine Einheit. Es ist von großer Bedeutung, mit den anderen Religionen eins zu sein. Die Ikonografie ist frei von Barrieren. Jeder von uns empfängt von diesen Ikonen eine Form der Spiritualität.

In diesem Jahr des Glaubens haben sowohl der emeritierte Papst Benedikt XVI. als auch Papst Franziskus mehrfach auf die Bedeutung der Evangelisierung hingewiesen. Viele Menschen evangelisieren in anderer Weise. Inwiefern betrachten Sie die Kunst als Instrument der Evangelisierung?

Christina Munns: Sie ist deshalb ein Instrument der Evangelisierung, da sich in den Ikonen der Weg der Geschichte spiegelt, denn die Bibel ist ein historisches Dokument. Man kann über die Ikonografie jedoch auch Botschaften mit dem Erkennen Jesu im persönlichen Leben in Verbindung bringen. Wo befinde ich mich? Wo finde ich Jesus? Der Glaube gelangt über eine Verkündigung zu uns. Wenn man von jemandem eine Ankündigung erhält, wenn man lernt, wofür Ikonen stehen, dann überbringen sie dir eine Botschaft.

Diese Ankündigung erweckt vielleicht das Interesse und man versucht, mehr darüber in Erfahrung zu bringen. Während dieser Suche kann es geschehen, dass man Jesus in seinem Leben erkennt, so wie Simon sagte: „Nun lass deinen Diener in Frieden gehen […], denn meine Augen sehen das Heil“.

Ein Ikonograf ist ein Diener, ein Botschafter des Friedens. Daher haben wir auch die Verpflichtung, den Frieden zu überbringen. Die Ikonen erlauben die Erkenntnis Jesu im persönlichen Leben. Er ist uns jeden Tag nahe. Wir sind es, die uns von ihm entfernen. Beginnt man zu singen, ihn zu preisen, ihm seine Dankbarkeit zu erweisen, breitet sich der Frieden in uns aus.

Welche der hier ausgestellten Ikonen berührt sie am meisten?

Christina Munns: Für mich persönlich ist die „Noli me tangere“ am wichtigsten, denn ich fühle mich Maria Magdalena. Ich bin eine Sünderin und spüre eine große Nähe zu dieser Heiligen. Sie ist der Inbegriff meines Lebens, der Armut meines Lebens ohne Jesus, meines Daseins als Sünderin. Aus der Tatsache, dass Magdalena von Jesus gerettet wurde, schöpfe ich Hoffnung, denn sie war tatsächlich eine große Sünderin.

Nach der Auferstehung war Jesus ihr zuerst erschienen. Auch das gibt mir Hoffnung, denn wenn sie die Rettung erlangen konnte, wird gewiss auch mir dieses Glück zuteil. Die Botschaft des Tages ist die Folgende: Jeder von uns kann gerettet werden; ganz unabhängig davon, was man in seinem Leben vollbracht hat, denn jeder von uns begeht Fehler und kommt vom rechten Pfad ab. Wir können jedoch stets die Nähe Jesu erfahren. Gott ist die Liebe, die wahre Liebe, und er schenkt Vergebung. Er kann daher der Ausgangspunkt für den Beginn in ein neues Leben sein.

Ikonen öffnen uns das Tor zu den Geheimnissen. Sie erlauben ein Vordringen bis in die Tiefe und verhelfen uns zu einem besseren Verständnis der Geheimnisse, indem sie uns die Herrlichkeit Gottes schauen lassen. Wir haben eine Begegnung, eine Verabredung mit dem Herrn Jesus Christus, unserem Retter. Er gibt aus wahrer Liebe sein Leben für uns hin. Gott ist die wahre Liebe und er liebt uns so, wie wir sind. Ikonen öffnen daher das Tor zum Geheimnis, das nicht allein mit unserer Intelligenz begreifen können, sondern nur, indem wir die Türe zu einer geheimnisvollen Welt öffnen.