„Ein fremdes Gift, das aus Europa kam“: Zum Schicksal des armenischen Volkes

Von Rudolf Grulich

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KÖNIGSTEIN, 17. Oktober 2006 (ZENIT.org).- Die Verleihung des Literaturnobelpreises an Orhan Pamuk und ein französischer Gesetzesentwurf, der die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern unter Strafe stellt, haben das furchtbare Schicksal der christlichen Armenier in der Türkei wieder neu zum Bewusstsein gebracht. Der Schriftsteller Franz Werfel hat in seinem Roman „Die 40 Tage des Musa Dagh“ den Armeniern ein literarisches Denkmal gesetzt. Der von den Nazis sofort verbotene Roman gilt heute als Schicksalsbuch aller rassisch Verfolgten. Auf einer Journalistenreise des weltweiten katholischen Hilfswerks Kirche in Not hat der Kirchenhistoriker Professor Rudolf Grulich den Musa Dagh, den Moses-Berg besucht und stieß dabei auf Spuren der Vergangenheit.



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1933 erschien in Wien und Berlin der Roman Franz Werfels „Die vierzig Tage des Musa Dagh“. Wie kaum ein Historiker hat der Prager Autor dazu beigetragen, dass die Tragödie der Armenierverfolgung von 1915 nicht vergessen wurde. In einer „Nachbemerkung des Autors“ schreibt Werfel in der Erstausgabe zu seinem Roman: „Dieses Werk wurde im März des Jahres 1929 bei einem Aufenthalt in Damaskus entworfen. Das Jammerbild verstümmelter und verhungerter Flüchtlingskinder, die in einer Teppichfabrik arbeiteten, gab den entscheidenden Anstoß, das unfassbare Schicksal des armenischen Volkes dem Totenreich alles Geschehenen zu entreißen.“

Werfels Roman fußt auf der historischen Grundlage, dass sich im Sommer 1915 die Bewohner einiger armenischer Dörfer bei Antiochien auf den Musadagh (so die heutige türkische Schreibweise), auf den Moses-Berg, zurückgezogen hatten und alle Angriffe türkischer Einheiten abwehren konnten, bis sie nach vierzig Tagen von einem französischen Kriegsschiff gerettet und nach Alexandrien gebracht wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrten sie in ihre Dörfer zurück, als Syrien französisches Mandatsgebiet war. Doch 1938 überließen die Franzosen das Gebiet um Antiochien (heute Antakya) und Alexandrette (heute Iskenderun) der Türkei. Die meisten Armenier verließen damals ihre Dörfer auf dem Musadagh. Ihre Nachkommen siedeln heute meist in Anjar, einem Dorf an der Strecke zwischen Beirut und Damaskus, andere leben in Eriwan und in anderen Teilen der Welt. Nur wenige blieben am Musadagh, und zwar in Vakifliköyü, das heute das einzige armenische Dorf der Türkei ist. Nur mit geländegängigen Fahrzeugen gelangt man dort hin, entweder von Samandagh aus oder über Tekepinar. Während in Tekepinar nur die Ruine der einstmals großen armenischen Kirche steht, gibt es in Vakifliköyü noch eine 1997 renovierte Kirche und einen Friedhof. In den Sommermonaten betreut ein Priester aus Istanbul die kleine Gemeinde. Sonst sind die nächsten armenischen Kirchen in Iskenderun und Kirikhan.

Ein Schauplatz der Weltliteratur

Tekepinar ist heute ein beliebter Ausflugsort für die Großstädter von Antakya, dem alten Antiochien, wo nach der Apostelgeschichte die Jünger Jesu erstmals „Christen“ genannt wurden. Es liegt wie die von Werfel beschriebenen Dörfer malerisch am Hang des Musadagh. Auf dem Dorfplatz kommen Schüler der naheliegenden Schule und fragen, ob man zur Kirche wolle. Es geht einen Fußweg steil bergauf, dann liegt auf einem kleinen Plateau die zerstörte Kirche vor uns. Bei unserem Besuch im Jahre 2002 war sie noch von Gestrüpp umwuchert, 2004 war der Platz gesäubert, der Schutt weggeschafft und sogar eine kleine Holzbude errichtet, in der wohl bald die Eintrittskarten verkauft werden, wenn die Ruine von mehr Touristen besucht wird. Die Kuppel der Kirche ist eingestürzt und man sieht vom Inneren der Kirche in den blauen Himmel. An den mächtigen Säulen der dreischiffigen Basilika kann man die ehemalige Schönheit des Raumes ahnen. Wann wurde die Kirche zerstört? Die Dorfbewohner zucken die Schultern. Es muss 1938 beim Abzug der Armenier gewesen sein. Täter waren wohl die Neuansiedler, die Väter der im Café sitzenden Männer.

Die schmale Straße führt am Hang weiter. Es geht über kühne kleine Brücken und subtropische Landschaften vorbei an Ruinen armenischer Kirchen. Nur in Vakifliköyü ist noch armenische Gegenwart erhalten. Eine Bewohnerin im Nachbarhaus der Kirche spricht deutsch. Sie ist auf Urlaub hier, denn seit mehr als dreißig Jahren arbeitet sie in Deutschland. Sie ist Armenierin, in Augsburg aber wegen ihres Passes eine türkische Gastarbeiterin. So geht es Tausenden Armeniern aus der Türkei. Immerhin werden sie heute in Deutschland von einem armenischen Bischof in Köln und einigen Priestern betreut.

Kein antitürkisches Buch

1997 ist Werfels Roman auch in der Türkei in türkischer Übersetzung erschienen. „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ ist kein antitürkisches Buch, denn Werfel lässt in diesem Werk auch Nezimi Bey sprechen: „An den armenischen Leichenfeldern wird die Türkei zugrunde gehen“, und er lässt ihn den deutschen Pastor Dr. Johannes Lepsius fragen: „Wissen Sie, dass die wahren Türken die armenischen Verschickungen noch heftiger verwerfen als Sie?“ Durch Nezimis Vermittlung und auf Rat des armenischen Patriarchen kann Lepsius auch den muslimischen Scheich Ahmed und dessen Derwisch-Orden besuchen. In dem Gespräch der beiden wird der „Nationalismus, der heute bei uns herrscht“, als Ursache genannt, „ein fremdes Gift, das aus Europa kam. Vor wenigen Jahrzehnten lebten unsere Völker treu unter der Fahne des Propheten: Türken, Araber, Kurden, Lasen und andere mehr. Der Geist des Korans glich die irdischen Unterschiede des Blutes aus.“

Der alte Scheich erklärt Lepsius: „Der Nationalismus füllt die brennend leere Stelle, die Allah im menschlichen Herzen zurücklässt, wenn er daraus vertrieben wird.“

Werfel lässt ferner einen türkischen Hauptmann, der Mitglied des Ordens ist, berichten, dass er mehr als tausend armenische Waisenkinder in türkischen und arabischen Familien unterbrachte. Schließlich bringen Derwische sogar etwas Hilfe für die belagerten Christen auf den Musadagh.

Ein Vorläufer der Nürnberger Prozesse

Heute leugnet die türkische Regierung immer noch die Verantwortung, ja die Tatsache dieses Völkermordes. Dass muss eigentlich verwundern, denn wenig bekannt ist bis heute, dass es 1919 bis 1921 auf Druck der alliierten Mächte in Istanbul Kriegsverbrecherprozesse gegen türkische Politiker gab, um den Völkermord an den Armeniern zu untersuchen und die Verantwortlichen zu bestrafen. Der türkische Wissenschaftler Taner Akcam hat diesen kaum beachteten Vorläufer der Nürnberger Prozesse auch dem deutschen Leser zugänglich gemacht und in den Zusammenhang des Untergangs der alten Sultanherrschaft und des Aufstiegs der jungtürkischen Bewegung gestellt. Die Hauptangeklagten Enver Pascha, Cemal Pascha und Talaat Pascha konnten fliehen und sich in Berlin frei bewegen wie heute die Kriegsverbrecher Karadzic und Mladic in Jugoslawien. Zwar wurden in Istanbul Urteile gefällt und gegen Einzelne sogar Todesurteile vollstreckt, aber die alliierten Pläne zur Aufteilung Anatoliens und die griechische Besetzung Izmirs 1919 mit den schrecklichen Übergriffen gegen türkische Zivilisten riefen den türkischen Widerstand gegen die „Siegerjustiz“ hervor. Die „nationale Souveränität“ der Türkei siegte danach über die Zustimmung zu diesem Prozess, als die griechische Landung in Izmir mit dem Massaker an der türkischen Zivilbevölkerung nicht geahndet wurde. Hatten zunächst sowohl die osmanische Regierung in Istanbul als auch die Nationalbewegung in Anatolien Bereitschaft gezeigt, die Verantwortlichen des Völkermordes zu bestrafen, so verschwand nach den Morden in Izmir diese Bereitschaft sehr bald. „Das Recht hat jetzt die Seite gewechselt“, sagte sogar Winston Churchill schon nach der Landung der Griechen in Izmir, „Die Gerechtigkeit, dieses ewige Flüchtige aus den Räten der Eroberer, ist in das gegnerische Lager übergelaufen.“

Die Türkei leugnet den Völkermord

Seitdem leugnet die Regierung der Türkei bis heute die Armeniermassaker und stellt sie als Folge des Weltkrieges dar, als Kollateralschäden, wie es heute heißt. Diese Deportationen und Ausrottungsmaßnahmen sind zwar durch Werke von Johannes Lepsius und anderer Autoren im deutschen Sprachraum bekannt, aber auch durch Adolf Hitler, der sich bei seinen Mordplänen auf die Armenierendlösung berief. Bereits am 22. August 1939, also noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, ordnete er die Ausrottung der Polen an und fragte zynisch: „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“

Im Jahre 1921, zwei Jahre bevor Hitler in München durch den Marsch zur Feldherrnhalle erstmals zur Macht kommen wollte, sprach ganz Berlin von den Armeniern. Denn einer der Hauptverantwortlichen für die Armeniervernichtung, Talaat Pascha, wurde am 15. März 1921 in Berlin von einem jungen Armenier erschossen, der alle seine Familienangehörige im Jahre 1915 verloren hatte und selber wie durch ein Wunder unter Leichen liegend das damalige Massaker überlebte. Talaat Pascha war wie seine Mittäter Enver Pascha und Cemal Pascha nach dem verlorenen Krieg nach Berlin geflohen, weil ihm in Istanbul die Todesstrafe drohte, in Abwesenheit gegen ihn wie seine Kollegen verhängt wurde. Als der Armenier, der ihn tötete, am 2. und 3. Juni 1921 in Berlin vor Gericht stand, kam die Schuld Talaat Paschas an der Vernichtung der Armenier zur Sprache. Als Sachverständiger was auch Dr. Johannes Lepsius vorgeladen, als Zeugen verschiedene Überlebende der Massaker. Die Anklage verzichtete angesichts der erdrückenden Beweise für die Urheberschaft Talaat Paschas auf eine Reihe weiterer Zeugen, darunter auch auf A. T. Wegener, der dann nach dem Freispruch des Armeniers das stenographische Protokoll des Prozesses veröffentlichte.
Wegener, der im Ersten Weltkrieg Zeuge der Massaker in Kleinasien war, schreibt im Vorwort, dass das Unglück des armenischen Volkes ohne Beispiel sei und bringt im Anhang auch Dokumente, die zeigen, dass Talaat Pascha auch gegen die Türken und andere Muslime vorging, die armenische Waisenkinder adoptiert hatten. Talaat Paschas Sarg wurde vor dem Zweiten Weltkrieg nach Ankara überführt, wo er ein Ehrengrab hat, vor dem türkische Politiker sich verneigen und Kränze niederlegen.

Von den Nazis verboten

Als 1933 Werfels Roman erschien, lenkte er sofort den ganzen Hass der Nazi-Machthaber auf sich. Er wurde von den Nazis aus der Preußischen Dichterakademie ausgeschlossen, sein Roman verfemt. Dabei entspricht Werfels Darstellung den Ereignissen des Jahres 1915, lediglich die Gestalt des Helden Gabriel Bagradian entspringt der Idee des Autors. Werfel wollte mit Bagradian „einen Helden schildern, wie er ihn sich vorstelle ... den türkischen Nationalismus beleuchten und die Geschichte der armenischen Gräuel berichten.“

So wurde dieses Werk nach 1933 ein Schicksalsbuch aller rassischer Verfolgten. Die englische Übersetzung machte es weltbekannt. In New York und Paris wurde Werfel in den armenischen Kolonien gefeiert. Bis heute würdigen Armenier den Roman „als ein einzigartiges und für uns Armenier wertvolles Werk“.

1966 konnte ich in Anjar und Jerusalem noch mit Überlebenden sprechen, die als Kinder und Jugendliche 1915 auf dem Musadagh waren oder als junge Erwachsene Werfel 1929 in Damaskus trafen. Heute ist dies alles Geschichte. Aber Werfels Roman lebt als ein Buch der Weltliteratur.