Ein genialer Film über das Filmgenie

Filmrezension: Hitchcock

Berlin, (ZENIT.orgtextezumfilm) Dr. José García | 804 klicks

Alfred Hitchcock (1899–1980) gehört zu den bekanntesten Regisseuren der Filmgeschichte. Dies hängt nicht nur damit zusammen, dass eine Reihe seiner Filme – „Bei Anruf Mord“ (1954), „Das Fenster zum Hof“ (1954), „Über den Dächern von Nizza“ (1955), „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (1958), „Der unsichtbare Dritte“ (1959), „Psycho“ (1960), „Die Vögel“ (1963) – einen beträchtlichen Bekanntheitsgrad besitzen. Besonders beliebt wurde der britische Regisseur mit dem rundlichen Körperumfang nicht nur durch seine Silhouette, die er selbst meisterhaft in Szene zu setzen wusste, sondern auch durch die meistens winzigen Gastauftritte in seinen eigenen Filmen. 

Der nun anlaufende Film von Sacha Gervasi „Hitchcock“ nähert sich dem Regiemeister über die Dreharbeiten zu dessen Spielfilm „Psycho“, basiert doch das Drehbuch von John J. McLaughlin auf dem Buch „Alfred Hitchcock and the making of Psycho“ von Stephen Rebello. Gervasis Film beginnt, was für die an Anspielungen reiche Inszenierung von „Hitchcock“ bezeichnend ist, mit einem Verbrechen, das ein Psychopath namens Ed Gein 1944 in Wisconsin verübte. Die „Anwesenheit“ Alfred Hitchcocks (Anthony Hopkins) beim Mord verweist darauf, dass der Regisseur in Ed Gein die reale Person erblickte, die in seinem Film „Psycho“ Norman Bates heißen sollte. 

Nach diesem Prolog beginnt die eigentliche Handlung von „Hitchcock“ im Jahre 1959 mit der erfolgreichen Premiere von „Der unsichtbare Dritte“. Hitchcock befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere und seines Ruhms. Die Frage eines Journalisten macht ihn jedoch stutzig: Ob er als 60-Jähriger nicht schon zu alt sei, um einen weiteren brillanten Film zu drehen. Als Alfred Hitchcock den auf den Verbrechen des Serienmörders Ed Gein beruhenden Roman „Psycho“ liest, weiß der Regiemeister, was sein nächstes Projekt sein wird. Er lässt jedes aufzutreibende Exemplar des Romans kaufen, damit keiner dessen Schluss kennt. Was nun folgt, ist ein veritabler Hindernislauf: Bei der Vorstellung des neuen Projektes zeigen sich die Journalisten über den Schundroman angewidert, die Produzenten bei Paramount drehen den Geldhahn zu, so dass der Regisseur den Film selbst finanzieren und dafür sein Haus verpfänden muss. Das weitaus größte Problem steht ihm allerdings noch bevor: Die für die Einhaltung des „Motion Picture Production Code“ zuständigen Zensoren zu überzeugen. Denn ohne ihre Zustimmung kann in den Vereinigten Staaten kein Film herausgebracht werden.

Ob sich dies alles so oder so ähnlich zutrug, sei nun dahin gestellt. Jedenfalls folgt die Handlung von „Hitchcock“ einer klassischen Dramaturgie: Die auftretenden Probleme führen dazu, dass das Vorhaben fast aufgegeben wird. Aber am Ende setzt sich „der Held“ allen Schwierigkeiten zum Trotz durch. Dazu führt Sacha Gervasi aus: Die Widerstände gegen „Psycho“ machten Hitchcock „noch entschlossener, triumphieren zu wollen, womit unser Film irgendwie auch eine Underdog-Geschichte erzählt. Über diesen Aspekt unterhielt ich mich mit Anthony Hopkins ausführlich vor Beginn der Dreharbeiten. Anthony hatte seinen Spaß mit diesem Widerspruch, dass hier ein Branchenkönig auf dem Höhepunkt seiner Karriere plötzlich ein Underdog ist.“

Zwar zeigt „Hitchcock“ die Vorbereitungen auf den Dreh und insbesondere die Auswahl der Schauspieler Anthony Perkins (James D’Arcy), der Norman Bates spielen soll, Vera Miles (Jessica Biel) und vor allem Janet Leigh (Scarlett Johansson). Dass die berühmte Duschszene aus „Psycho“ auch in Gervasis Film einen besonderen Platz einnimmt, versteht sich von selbst. „Hitchcock“ legt allerdings Wert darauf, bei den Dreharbeiten einen Wiedererkennungseffekt in den Hitchcock-Kennern unter den Zuschauern zu erzielen. Beispielsweise wird das Drehen einer Szene mit einer Rückprojektion gezeigt. Für den Fortgang der Handlung von Gervasis Film ist dies zwar unerheblich. Es eröffnet aber die Möglichkeit, ein von Alfred Hitchcock immer wieder eingesetztes Verfahren zu verdeutlichen, bei dem die Schauspieler vor einer großen teiltransparenten Bildwand etwa in einem unbewegten Auto sitzen, auf die von hinten das bewegte Bild der vorbeiziehenden Landschaft projiziert und dadurch Bewegung vorgespiegelt wird. Auch ein Satz, der in „Hitchcock“ Alma Reville (Helen Mirren) spricht („Regen Sie sich nicht auf. Es ist nur ein alberner Film“) verweist auf den berühmten Ausspruch, den Alfred Hitchcock bei den Dreharbeiten zu „Sklavin des Herzens“ (1949) zu Ingrid Bergman gesagt haben soll: „Ingrid, es ist nur ein Film“.

Handelt „Hitchcock“ vordergründig von den Dreharbeiten zu „Psycho“, so ist das eigentliche Thema von Gervasis Film die Beziehung zwischen Alfred Hitchcock und seiner Ehefrau Alma Reville. Weil die besten Einfälle zum Film von ihr stammen und „Psycho“ außerdem den letzten Schliff im Schneideraum von Alma erhält („Vier Hände waren beim sogenannten Hitchcock-Touch im Spiel, und zwei davon gehörten Alma“, so Filmkritiker Charles Champlin) nimmt sich Sacha Gervasis Film als eine regelrechte Hommage an Alma Reville aus. Dass Helen Mirrens Leinwandpräsenz selbst das herausragende Spiel Anthony Hopkins’ übertrifft, passt denn auch ins Bild.