Ein Gott, der in die Hölle hinabsteigt

Theologie des Ostertriduums nach Hans Urs von Balthasar

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Von Robert Cheaib

ROM, 6. April 2012 (ZENIT.org). – Kann man sich vorstellen, dass der Tod das Leben in seinen Klauen gefangen hält? Kann man dort von Gott reden, wo Gott abwesend ist? – Man kann berechtigterweise davon reden, sofern man die Auffassung aufgibt, nach der Gott sich von allem, was seine Leidensunfähigkeit stört, fernhält und sich andererseits dem Gott der christlichen Offenbarung zuwendet, dem Gott des „eros manichon“, der wahnsinnigen Liebe, von der Nikolaus Cabasilas sprach, sich also einem Gott gegenüber öffnet, der sich in Christus ganz selbst hingibt und seine Solidarität mit denjenigen zum Ausdruck bringt,  die fern von Gott leben.

In einem Essay von 1969, der zum ersten Mal in der renommierten Zeitschrift für katholische Dogmatik „Mysterium Salutis“ erschienen ist, beschäftigt sich Hans Urs von Balthasar – „der gebildetste Mensch des 20ten Jahrhunderts“ wie ihn Henri de Lubac bezeichnet hat – mit den schwierigsten Fragen, die mit dem Ostertriduum in Verbindung stehen und die sich nicht einfach strikt auf den Tod und die Auferstehung Christi, sondern auch auf die unbequeme „Stille“ des Karsamstag beziehen. Auch wenn seitdem schon einige Jahrzehnte vergangen sind, ist das Buch immer noch ein Klassiker von hoher Aktualität und stellt für die Karwoche einen optimalen Begleiter zum Meditieren und Nachdenken dar. Deshalb ist es anerkennenswert, dass der Verlag Queriniana die Initiative ergriffen und hiervon eine neue Ausgabe aufgelegt hat, die uns beim Zugehen auf die Osterfreude begleitet.

Wenn schon – wie von Balthasar selbst zugibt – ein bedeutender Anteil seiner Theologie „eine Übersetzung dessen ist, was auf unmittelbare und weniger „technische“ Weise im ergreifenden Werk Adrienne von Speyrs anzutreffen ist“, dann ist die „Theologie von den drei Tagen“ im Wesentlichen eine theologische Abschrift dessen, was er direkt durch die mystischen Erfahrungen Adriennes von Speyr gelernt hat. Giuseppe Ruggieri meint, dass die Theologie der drei Tage„den Mittelpunkt der Produktion von Balthasars darstellt, das Werk, in dem die originalsten und zugleich vielsagendsten Motive des Theologen aus der Schweiz gesammelt sind“.

Von Balthasars Essay stellt ein kostbares Knüpfwerk von Exegese, Patristik, mittelalterlicher und moderner Theologie dar, ein geglückter Versuch, der darauf abzielt, die zentralen Ereignisse der Christologie im Herzen der Dreieinigkeit zu verankern. Zentraler Punkt im Gedankengang des Buches ist, im Tod Christi nicht nur die Erfahrung des Sterbens (Karfreitag) zu sehen, sondern auch die wirkliche Todeserfahrung, und zwar in einem Zustand, der mit den Toten des „sheol“solidarisch geteilt wird (Karsamstag).

Von Balthasar beginnt seinen Gedankengang, indem er darauf hinweist, dass das Geheimnis der Menschwerdung ständig von einer präzisen Absicht geleitet und begleitet wird: Die Menschwerdung Christi zielt auf sein Leiden ab. Die die Menschwerdung ermöglichende „Kenosis” ist an und für sich schon ein „Erleiden“. In der Kenosis erweist sich Gott auf so göttliche Weise frei, dass er sich an einen sklavischen Gehorsam zu binden vermag. Die Menschwerdung bringt die Demut der göttlichen Liebe zum Ausdruck. Gott rettet den Menschen, indem er dessen Natur annimmt, dessen Leben lebt und dessen Tod stirbt. Es gibt viele neutestamentarische Zeugnisse, die diese Absicht unter Beweis stellen. In den Gedanken des Paulus, der nichts anderes als das Kreuz Christi kennen (vgl. 1 Kor 1,12) und sich allein des Kreuzes rühmen will (vgl. Gal 6,14), finden wir immer wieder Spuren davon. Der Apostelfürst fasst seine Mission als Verkündigung der Versöhnung Gottes mit der Welt, die im Kreuze Christi stattfindet, zusammen (2 Kor 5,18). Die Evangelien ihrerseits geben Zeugnis davon, dass Jesus entschlossen ist „den Kelch zu trinken“ und „die [zweite] Taufe zu empfangen“ (vgl. Mk 10,38).

Von Balthasar argumentiert bei seinen Überlegungen über die Kenosis der Menschwerdung, dass die Veräußerung Gottes in der Menschwerdung ihre „ontologische Grundlage in der ewigen Veräußerung Gottes, in seiner dreipersönlichen Hingabe“, hat. Die Kenosis ist ein Geschehen im Herzen der Dreieinigkeit und besitzt ihre Voraussetzung im „Altruismus“ der Hypostasen der Dreieinigkeit. Diese „grundlegende Kenosis“ ist schon in der Schöpfung gegenwärtig, denn „Gott nimmt seit Ewigkeit die Verantwortung für ihr Gelingen auf sich (indem er auch die Freiheit des Menschen mit einbezieht)“. In diesem Sinne teilt von Balthasar mit dem orthodoxen Theologen Sergej Bulgakov die Aussage, wonach: „Das Kreuz Christi von Anbeginn in die Schöpfung der Welt eingeschrieben ist“.

Das Kreuz ist daher „die Darstellung eines Geheimnisses, das zum göttlichen Leben selbst gehört“. Dieser Gedanke von Balthasars zerschlägt die althergebrachte Auffassung, wonach Gott unveränderlich ist und in ihm eine reine und kalte „apátheia“ herrscht. Er lädt dazu ein, auf ernste Weise die theologischen Konsequenzen der Tatsache zu erwägen, dass Gott im Sohn wirklich in das Leiden eintritt und gerade dann wirklich Gott ist und bleibt.

Der Theologe aus Basel begleitet uns mit einer kontemplativen Gebärde, der es übrigens nicht an theologischer Relevanz fehlt, indem er das Haupt am Herzen Jesu liegend, die Ereignisse und Gesten des Ostergeheimnisses Revue passieren lässt. Der Karfreitag ist vom grundlegenden Begriff der „Auslieferung“ (tradere – paradidonai) gekennzeichnet: An ihm wird der Sohn aus Liebe und zum Heil der Welt – in der göttlichen Leidensform – ausgeliefert, er liefert sich aus freien Stücken selbst aus und bleibt dabei wahrhaft der Handelnde und derjenige, der die „parádosis“ ausführt – und das bis zum letzten Hingabeakt des Menschen Jesus: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“. Auf diese Weise wird ersichtlich, dass „die Auslieferungsakte“ des Verräters Judas, der Juden, der Römer, des Pilatus, des Herodes… im Vergleich zum Auslieferungsakt, den der Vater und der Sohn verwirklichen, „drittrangig“ sind.

Die Gedanken über den Karsamstag hingegen stellen den Beitrag dar, der auf unverkennbarste Weise von Balthasars Handschrift trägt. Jeder Art von Doketismus ausschließend, beschäftigt sich der Theologe in seiner Reflexion ausgiebig mit der Wirklichkeit des Todes Christi. Der Tod bringt es mit sich, dass Christus – wie wir ein Sohn Adams –, „die ‚kurze‘ Zeit, während der er sich um Zustand des Todes befindet, nicht mit allen möglichen Arten von Tätigkeiten im Jenseits füllt (wie man oft in Theologiebüchern nachlesen kann) […]. Wie er im Leben mit den Lebendigen solidarisch war, war er es auch genauso im Grab mit den Toten“. Von Balthasar nimmt den Tod Christi ernst, jenen Tod, den mit unmissverständlichen Worten die Geheime Offenbarung erwähnt: „Ich war tot (nekrós), doch nun lebe ich in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt“ (Off 1,18). Durch seinen Tod hat Christus in allem Ernst das Schicksal der „refa’im“, der „Kraftlosen“ geteilt; er hat die Erfahrung der „poena damni“ der sündigen Söhne Adams auf sich genommen, und stellvertretend deren Stelle eingenommen. Seine Solidarität hat nicht allein darin bestanden, dass er seinen Tod bejaht, sondern dass er die Wirklichkeit des Todes gelebt hat. Von Balthasar treibt den Gedankengang bis zur seiner letzten Konsequenz: Da das „Mitleid“, das Christus für die Sünder empfand, unendlich viel größer als sein körperliches „Leid“war (Bonaventura), war sein Leid „wie jenes der Verdammten … er gelangte bis zur Strafe der Hölle“ (Nikolaus Cusano). Dann detailliert sich der Gedankengang von Balthasars, wobei er mit Mut die Sprünge der Mystikerin Adrienne von Speyr verdolmetscht. Wir können sie aber mit einer Passage vom hl. Gregor dem Großen folgendermaßen zusammenfassen: „Christus ist bis in die abgründigsten Tiefen des Meeres hinabgestiegen, als er in die tiefste Hölle hinabfuhr, um die Seelen seiner Erwählten daraus zu befreien. Vor der Erlösung gab es in den Tiefen des Meeres keinen Weg, vielmehr waren sie ein Verlies… doch Gott hat diesen Abgrund in einen Weg verwandelt …“.

Nur dadurch, dass er in die Tiefe dieses Abgrundes vordringt; nur durch diese Solidarität im Tod wird Christus, der „zweite Adam“, „lebensspendender Geist“ (1 Kor 15,45). Seine entstellte Gestalt ist schon eine im Voraus geschenkte Offenbarung der Herrlichkeit und der Herrschaft des Vaters. In der Kenosis bis zum Tod am Kreuze nimmt der triumphierende Christus den Weg zu seinem Vater wieder auf und bringt aus dem Abgrund jeden Menschen mit sich, denn nun gibt es keinen Abgrund mehr, in den ein Mensch geraten kann, ohne darin Christus zu finden, der schon vor ihm hinabgestiegen ist, gehorsam, vor ihm, um ihn von dort aus heimzuholen.*

Das Buch kann hier erworben werden.

[Übersetzung des italienischen Originals von P. Thomas Fox LC]