Ein großer Tag für die Kirche in Deutschland

Grußwort des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, am Tag der Heiligsprechung von Anna Schäffer

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ROM, 22. Oktober 2012 (ZENIT.org). - Am 21. Oktober fand in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl am Tag der Heiligsprechung von Anna Schäfer ein Empfang statt. Erzbischof Robert Zollitsch richtete sich in zu dieser Gelegenheit in einer Ansprache an die geladenen Gäste.

[Wir veröffentlichen die Ansprache im Wortlaut:]

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Die Kirche weltweit und ganz besonders die Gläubigen in Deutschland dürfen sich freuen: Mit dem heutigen Tag hat uns Papst Benedikt eine neue Heilige geschenkt. Mit der Erhebung der Mystikerin Anna Schäffer zur Ehre der Altäre hat der Heilige Vater einen von ihm selbst eröffneten und beschrittenen Weg fortgesetzt. Schon heute Morgen in der Predigt konnten wir davon hören. Und auch Erzbischof Gerhard-Ludwig Müller hat uns gerade noch einmal darauf aufmerksam gemacht: Papst Benedikt fühlt sich Anna Schäffer tief verbunden. Als sie am 7. März 1999 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen wurde, war es Kardinal Joseph Ratzinger, der in seiner Predigt einen Tag zuvor auf die Mystik und Vorbildlichkeit der Anna Schäffer einging. In den 25 Jahren ihres Leidens habe Anna Schäffer „eine große Reise nach innen und nach oben gemacht.“

Mit diesem eindrucksvollen Wort wird uns die ganze Lebensgeschichte der neuen Heiligen vor Augen geführt: es war eine Reise nach Innen, um in der Liturgie, im Empfang der Sakramente, im eigenen Leiden immer tiefer zu sich selbst zu finden. Und es war eine Reise nach Oben, weil sie so Jesus Christus immer ähnlicher wurde und am Ende dieses Weges Gott selbst schauen durfte. Mit dieser Botschaft rüttelt uns Anna Schäffer neu wach für die Frage nach dem Umgang mit Leid und Not. In einer Welt, die dazu neigt, Elend zu verdrängen, lädt uns die neue Heilige dazu ein, gemeinsam auf den Gekreuzigten zu schauen. Für Christen ist das Kreuz kein Grund, einen Bogen um das Leid zu machen, sondern die Wirklichkeit so anzunehmen, wie sie ist und uns ihr zu stellen. In ihrem Leiden stellt Anna Schäffer uns die zentrale Frage: Was wäre die Welt ohne den, den sie gekreuzigt haben und der den Namen Jesus von Nazareth trägt? Ohne ihn wüssten wir nicht, dass Gott uns Menschen so sehr liebt, dass er mit uns leidet und für uns stirbt. Die Erfahrung des Scheiterns ist Gott nicht fremd. Er hält sich die Wunden der Menschen nicht vom Leib. Er trägt sie selbst und ist daran zu erkennen – auch nach seiner Auferstehung. Er ist die dunklen Wege der Ohnmacht und Niederlagen selbst gegangen. Und so enthüllt das Kreuz für den, der glaubt, die verborgene Kraft Gottes – auch und gerade daran erinnert uns Anna Schäffer. Es hat einen tiefen Sinn, wenn wir in der Karfreitagsliturgie vertrauensvoll singen: „Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung.“ Auf ihn, den Gekreuzigten, schauen, das ist eine Kraft, die uns hält und stärkt und auch über Abgründe trägt. Der Herr lässt den Menschen nicht alleine, so sehr er selbst auch eine Gottferne erleben mag. Nicht wenige kennen die Erfahrung, die auch Anna Schäffer machen durfte: In einer schweren, notvollen Stunde vermag der Blick zum Gekreuzigten mehr zu geben als alle menschlichen Worte.

Hat Gott sich schon in seiner Menschwerdung als Kind in der Krippe ganz in die Armut hineingegeben, dann nimmt er als Gekreuzigter alles Leid und alle Not unseres menschlichen Daseins in sich auf. Doch dabei bleibt er nicht stehen: Gottes Gegenwart in unserer Not wendet sie von Grund auf. Freilich nicht in dem Sinn, dass es sie fortan nicht mehr gäbe. „Überwunden“ hat er sie vielmehr so, dass Leid und Sünde uns nicht mehr überwinden und vernichten können. Zwar werden wir all das, was menschliches Kreuz heißt und ist, oft nicht verstehen; aber wir können es bestehen. Dieses Zeugnis hat uns Anna Schäffer gegeben, um uns auf die Reise nach Innen und nach Oben mitzunehmen. Und heute sind wir hier dankbar versammelt, um das Erbe der neuen Heiligen für die Menschen unserer Tage lebendig zu machen.

Werte Festversammlung, das ist es, was unsere Gemeinschaft des Glaubens auszeichnet und kennzeichnet: Wir dürfen voneinander lernen und miteinander den Glauben teilen – in meinem Glauben den anderen mitglauben lassen. Diese Erfahrung dürfen wir auch in diesen Wochen hier bei der Bischofssynode machen. Wir Synodenväter beraten nicht nur über Wege der neuen Evangelisierung. Wir dürfen mitten in unseren Debatten und Reflexionen zusammen mit dem Heiligen Vater auch Höhepunkte des Kirchenjahres feiern. Mehr als an allen Orten der Welt wird dabei hier in Rom – auf dem Petersplatz und in St. Peter – deutlich: Wir sind Weltkirche, wir sind eine weltweite Gemeinschaft des Glaubens, die auch die, die vor uns gelebt und Jesus Christus bezeugt haben, einschließt. Etwas oberflächlich könnte man es so ausdrücken, wie es ein italienischer Journalist dieser Tage schrieb: „Ein Ereignis der Kirche jagt das nächste.“ Solche großen Gedächtnisfeiern der Kirche sind gleichsam ein roter Faden, den Papst Benedikt für die Synode gelegt hat, der sich durch die Beratungen ziehen will, die ja immer ein geistliches Geschehen sind. Zu diesem roten Faden gehört die Messe zu Beginn der Synode mit der Erhebung der hl. Hildegard zur Kirchenlehrerin. Diesen für die Kirche in Deutschland so wichtigen Moment durften wir auch hier in der Botschaft feiern. Dann erinnere ich an die Eucharistiefeier zum 50. Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils und des Beginns des „Jahr des Glaubens“. Die Synode steht auf der Grundlage des Konzils und ist der sichtbare Auftakt für das „Jahr des Glaubens“, das für eine verstärkte Glaubensvitalität in unseren Gemeinden sorgen will. Heute feiern wir die Heiligsprechung der Anna Schäffer. In einer Woche werden wir feierlich die Synode beenden und dann doch eng verbunden bleiben, indem wir – über mehrere Jahre – das Konzilsjubiläum begehen. Diese Momente der kirchlichen Gegenwart gehen einher mit den geistlichen Impulsen, die uns Papst Benedikt XVI. in diesen Tagen schenkt.

Wir wissen uns gestärkt im Blick auf den Weg der Kirche in Deutschland. Dazu tragen Hildegard von Bingen und Anna Schäffer in besonderer Weise bei, weil sie leuchtende Vorbilder für unseren Glauben und das christliche Zeugnis in der Öffentlichkeit sind. Dazu tragen aber auch die genannten weltkirchlichen Feierlichkeiten bei. Ja, werte Festversammlung, ich bin fest überzeugt: All das, was uns hier in reichem Maße in Rom geschenkt wird, kann auch fruchtbar werden für das geistliche Leben in unserer Heimat, für die Reise nach Innen und nach Oben, in die Tiefe und Weite, die uns die Botschaft des Evangeliums schenkt. Ich denke dabei auch an den Gesprächsprozess der Deutschen Bischofskonferenz: In unseren Debatten und dem Suchen nach dem Weg der Kirche in die Zukunft schauen wir immer zuerst auf Christus und lassen unser Tun und Handeln von seinem Wort leiten. So mögen von dieser Synode, so mögen vom „Jahr des Glaubens“ und den beiden heiligen Frauen Impulse ausgehen, die uns als Kirche in Deutschland tragen. Ich lade Sie ein, dass Sie von den Erfahrungen hier in Rom daheim in Ihren Bistümern und Gemeinden erzählen und dass Sie sie lebendig werden lassen.

Im Namen der Deutschen Bischofskonferenz danke ich Ihnen, Exzellenz, sehr geehrter Herr Botschafter Schweppe, für die erneute Gastfreundschaft. Wir erleben in diesen römischen Wochen wie immer ein offenes Haus. Danke für Ihre Möglichkeiten, die Sie uns zur Begegnung und zum Dank gegenüber Gott schenken. Wir sind gerne hier!

Werte Festgemeinschaft, lassen Sie mich abschließend noch einmal Kardinal Joseph Ratzinger zitieren. Am Vorabend der Seligsprechung der Anna Schäffer sagte er: „Es gibt keine Liebe ohne die Bereitschaft, sich selber zurückzunehmen, ohne die Notwendigkeit, immer neu die Andersheit des anderen zu ertragen. Es gibt keine Liebe ohne Verwandlung. Nur darin können wir überhaupt reifen.“ Das ist es, was uns die heutige Heiligsprechung, die ein großer Tag für die Kirche unseres Landes und darüber hinaus ist, sagen will. Das gilt auch für unser Wirken in der Kirche mit ihren vielen Meinungen. Christus gibt uns den Weg vor. Wir haben den Auftrag, diesen Weg zu gehen und uns so zurückzunehmen, dass auch der andere auf diesem Weg Platz findet.