Ein grüner, blühender Garten im Stadtverkehr von Rom

Begegnung mit Amanda Thursfield, Leiterin des nicht-katholischen Friedhofs in der Stadt der Päpste

Rom, (ZENIT.org) Federico Cenci | 367 klicks

In der via Caio Cestio, zwischen dem Viertel Testaccio und der ägyptisch wirkenden Cestius-Pyramide, ziehen windgepeitschte Zypressen die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich. Ihre schaukelnde Bewegung scheint die Inschrift „Resurrecturis“, die über dem weiten, wuchtigen Eingangsportal steht, noch betonen zu wollen. Wenn man durch dieses Portal geht, betritt man das, was auch heute noch wie „eine Oase der Romantik inmitten der Stadt des Barocks und der Klassik“ wirkt; „ein ’ländlicher Friedhof in Miniatur“. Mit diesen Worten beschrieb der französische Historiker und Philosoph Philippe Ariès den „Cimitero acattolico“ in Rom, der auch als englischer oder protestantischer Friedhof bekannt ist und neuerdings oft als der Friedhof der Künstler und Dichter bezeichnet wird. 

Seine Ursprünge gehen auf eine Zeit zurück, als in Rom geistliche und weltliche Macht noch zusammenfielen. Und auf die Unruhen, die England und Schottland Ende des 17. Jahrhunderts durchmachte und die als „Glorious Revolution“ in die Geschichte eingegangen sind. Jener Konflikt, der eigentlich nur die englische Thronfolge betraf, stellte das Papsttum unerwartet vor ein schwieriges Dilemma: Was sollte man mit den Flüchtlingen tun, die zwar dem abgesetzten katholischen König Jakob II. treu waren, sich aber zum Protestantismus bekannten? Welche Art der Bestattung sollte man diesen Häretikern geben, die London verstoßen hatte und die nicht selten in katholischen Ländern Zuflucht suchten? 

Die Antwort kam von Papst Clemens XI. im Jahr 1716, als ein gewisser Doktor Arthur, ein aus Edinburgh stammender protestantischer Arzt, in Rom starb. Seine Freunde, die für ihn eine christliche Bestattung wollten, wandten sich an den Papst, der daraufhin ein ungenutztes Grundstück zur Verfügung stellte, das am südlichen Stadtrand, an den Aurelianischen Mauern lag. Diese Geste, die ganz in der Tradition der römischen Gastfreundlichkeit steht, ist die Geburtsstunde des nicht-katholischen Friedhofs von Rom. 

Anfangs wurden hier ausschließlich Protestanten beerdigt, meist ausländische Studenten, die auf der damals üblichen Bildungsreise durch Italien gestorben waren. Doch im Laufe der Zeit wurde der Friedhof, wie seine heutige Leiterin Amanda Thursfield in einem Interview für ZENIT erklärte, „mehr und mehr für Menschen aller Nationen und Religionen geöffnet. Darin spiegeln sich die Veränderungen in der Zusammensetzung der Stadtbevölkerung von Rom wider.“ Um diese Aussage zu bestätigen, genügt es, einen kurzen Spaziergang über den Friedhof zu machen: Der Blick fällt auf unterschiedlich geformte Kreuze (nicht selten Keltenkreuze), byzantinische Ikonen, Grabplatten ohne religiöse Symbole oder mit Symbolen, die sich als freimaurerisch oder ohne nähere Zuordnung einfach als „laizistisch“ einordnen lassen. 

Entlang der Friedhofswege, zwischen Gräbern und bunten Blumen, kann man in Gedanken den zahlreichen schönen und rührenden Geschichten nachgehen, an die man hier erinnert wird. Viele der Gräber gehören prominenten Menschen, etwa den englischen Dichtern John Keats und Percy Shelley, oder den Italienern Antonio Gramsci und Carlo Emilio Gadda. Wir ersuchen daher die freundliche Friedhofsleiterin, uns eine der weniger bekannten Geschichten zu erzählen. Sie lässt sich nicht lange bitten. „Da wäre zum Beispiel die Geschichte von Rosa Bathurst, einer jungen Engländerin, die nach einem Sturz vom Pferd im Tiber ertrank. Oder die Geschichte von Maria Cernysceva, einer russischen Adligen, die bei ihrem Tod 1919 ihr Haus in der via Palestro der russisch-orthodoxen Kirche vermachte und sich neben ihrer ‚stets treu gebliebenen‘ Dienerin beerdigen ließ.“ 

Auch wenn der „cimitero acattolico“ als historische Stätte gilt, finden hier immer noch Beerdigungen statt. „Etwa 18 bis 20 pro Jahr“, erklärt uns die Leiterin. „Um die Genehmigung zu bekommen, muss der Verstorbene eine ausländische Staatsangehörigkeit besitzen, mit letztem Wohnsitz in Italien gemeldet gewesen sein und nicht-katholisch sein.“ Unter den etwa 4000 Gräbern sind aber auch die einiger Italiener, weil die Regelung erlaubt, dass nahe Verwandte eines Verstorbenen in seiner Nähe beigesetzt werden dürfen. Deshalb sind auch „katholische Italiener, wenn sie zum Beispiel mit einem Ausländer anderen Glaubens verheiratet waren, hier beigesetzt worden.“ 

Wir fragen die Leiterin auch, welche Beziehung zwischen diesem Ort und der ihn umschließenden Stadt herrscht, die die Wiege der katholischen Kirche ist. Frau Thursfield antwortet mit einer Kritik auf „gewisse Journalisten“, die dazu beigetragen hätten, die Vorstellung zu verbreiten, die Päpste hätten im Laufe der Jahrhunderte eine feindselige Haltung zum nicht-katholischen Friedhof gehabt. „Ein Buch, das 2014 erscheinen wird“, sagt sie, „dokumentiert und belegt ausführlich, dass dieser Ort dank der Anerkennung durch die katholische Kirche existiert.“ 

Wie die Kirche, so haben auch die Einwohner der Stadt Rom diesen Friedhof immer mit Achtung behandelt und geehrt und ihm ein großes kulturelles Interesse entgegengebracht. Das beweisen die vielen Römer – „besonders, aber nicht nur, die Einwohner des Viertels Testaccio“ –, die ihn besuchen und als „grüne, blühende Oase inmitten eines Gebiets, das heute fast Stadtmitte ist“, schätzen.