Ein harter Wintertag

von Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 396 klicks

Daß ich dich so verkümmert seh',
Mein lieb lebend'ges Wasserreich,
Daß ganz versteckt in Eis und Schnee
Du siehst der plumpen Erde gleich;

Auch daß voll Reif und Schollen hängt
Dein überglaster Fichtengang:
Das ist es nicht, was mich beengt,
Geh' ich an deinem Bord entlang.

Zwar in der immer grünen Zier
Erschienst, o freundlich Element,
Du ähnlich den Oasen mir,
Die des Arabers Sehnsucht kennt;

Wenn neben der verdorrten Flur
Erblühten deine Moose noch,
Wenn durch die schweigende Natur
Erklangen deine Wellen doch.

Allein auch heute wollt' ich gern
Mich des kristallnen Flimmers freun,
Belauschen jeden Farbenstern
Und keinen Sommertag bereun:

Wär' nicht dem Ufer längs, so breit,
Die glatte Schlittenbahn gefegt,
Worauf sich wohl zur Mittagszeit
Gar manche rüst'ge Ferse regt.

Bedenk' ich nun, wie manches Jahr
Ich nimmer eine Eisbahn sah:
Wohl wird mir's trüb und wunderbar,
Und tausend Bilder treten nah.

Was blieb an Wünschen unerfüllt,
Das nähm' ich noch gelassen mit:
Doch ach, der Frost so manchen hüllt,
Der einst so fröhlich drüber glitt!

***

Annette von Droste-Hülshoff, mit vollem Namen Anna Elisabeth Franzisca Adolphine Wilhelmine Louise Maria von Droste-Hülshoff, wurde am am 12. Januar 1797 auf dem Wasserschloss Hülshoff im Münsterland geboren. Schon im Kindesalter begann sie zu schreiben und versuchte sich in ersten Gedichten und Stammbuchversen. Gefördert wurde sie von ihrem Hauslehrer Anton Matthias Sprickmann, der sie von 1812 bis 1819 unterrichtete. 1825 unternahm Annette eine erste längere Reise, die sie an den Rhein führte, u.a. nach Bonn, wohin sie im Laufe ihres Lebens weitere Reisen unternehmen und so bedeutende Persönlichkeiten wie August Wilhelm Schlegel kennenlernen sollte. Die Dichterin stand per Briefwechsel mit vielen zeitgenössischen Intellektuellen in Kontakt. Besonders wichtig für ihr literarisches Schaffen waren ihre ausgedehnten und zahlreichen Reisen an den Bodensee; ab 1841 wohnte sie auf dem Schloss ihres Schwagers in Meersburg. Zwei Jahre später erwarb die Dichterin das „Fürstenhäusle“, das am Stadtrand von Meersburg in den Weinbergen liegt. Im künstlerischen Schaffen der Dichterin gilt der Winter 1841/42, den sie auf der Meersburg verbrachte, als ganz besonders fruchtbar. Es entstanden Gedichte wie „Am Bodensee“, „Das alte Schloß“ oder auch „Haidebilder“. Vor allem durch die Unterstützung und den Austausch mit Levin Schücking, der ein Sohn von Catharina Busch, einer Freundin Annettes, war, entstanden Hauptwerke wie die „Judenbuche“ (1842) oder „Der Knabe im Moor“ (1842) sowie ein Gedichtband (1844). Bereits 1819 hatte Annette mit einem Zyklus geistlicher Lieder begonnen, der den Sonn- und Feiertagen des Kirchenjahres folgte und als Hauptwerk geistlicher Lyrik betrachtet wird. Der Zyklus, den Annette von Droste-Hülshoff vor dem Hintergrund einer gescheiterten Liebesbeziehung begonnen hatte, enstand im Laufe von 20 Jahren und wurde posthum nach dem Tod von Annette von Droste-Hülshoff am 24. Mai 1848 veröffentlicht.