"Ein Herz ohne Liebe ist wie eine entweihte Kirche"

Predigt von Papst Franziskus bei der Messe für die neuen Kardinäle

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 367 klicks

Wir dokumentieren die offizielle deutsche Übersetzung der Predigt von Papst Franziskus bei der Messe für die neuen Kardinäle, die am Sonntag, dem 23. Februar, im Petersdom gefeiert wurde.

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»Mit deiner Hilfe, barmherziger Vater, lass uns stets aufmerksam auf die Stimme des Geistes hören« (vgl.Tagesgebet).

Dieses Gebet, das zu Beginn der Messe gesprochen wurde, erinnert uns an eine Grundhaltung: das Hören auf den Heiligen Geist, der die Kirche belebt und beseelt. Mit seiner schöpferischen und erneuernden Kraft stützt der Geist immer die Hoffnung des Gottesvolkes auf seinem Weg durch die Geschichte, und immer verleiht er als Paraklet – als Beistand –dem Zeugnis der Christen Stärke. In diesem Moment wollen wir alle gemeinsam mit den neuen Kardinälen die Stimme des Geistes hören, der durch die vorgetragenen Schriftlesungen spricht.

In der ersten Lesung ist der Aufruf des Herrn an sein Volk ertönt: »Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig« (Lev 19,2). Und im Evangelium knüpft Jesus daran an: »Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist« (Mt 5,48). Diese Worte gehen als Jünger des Herrn uns alle an; und heute sind sie speziell an mich und an euch gerichtet, liebe Mitbrüder Kardinäle, und in besonderer Weise an euch, die ihr gestern ins Kardinalskollegium aufgenommen worden seid. Die Heiligkeit und die Vollkommenheit Gottes nachzuahmen, kann als ein unerreichbares Ziel erscheinen. Dennoch führen die erste Lesung und das Evangelium die konkreten Beispiele an, damit das Verhalten Gottes zur Regel unseres Handelns wird. Doch erinnern wir uns – erinnern wir uns alle! – , dass ohne den Heiligen Geist unser Bemühen umsonst wäre! Die christliche Heiligkeit ist nicht vor allem unser Werk, sondern ist Frucht der – gewollten und praktizierten – Folgsamkeit gegenüber dem Geist des dreimal heiligen Gottes.

Im Buch Levitikus heißt es: »Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen … sollst … dich nicht rächen und … nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben« (19,17-18). Diese Verhaltensweisen entspringen aus der Heiligkeit Gottes. Wir hingegen sind gewöhnlich so anders, so egoistisch und stolz… und doch ziehen uns die Güte und die Schönheit Gottes an, und der Heilige Geist kann uns läutern, kann uns verwandeln, uns Tag für Tag formen. Diese Arbeit der Umkehr tun, Umkehr im Herzen, Umkehr, die wir alle – besonders ihr Kardinäle und ich – vollbringen müssen. Umkehr!

Im Evangelium spricht auch Jesus zu uns von der Heiligkeit und erklärt uns das neue Gesetz, das seine. Er tut das durch einige Gegenüberstellungen zwischen der unvollkommenen Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer und der größeren Gerechtigkeit des Reiches Gottes. Die erste Gegenüberstellung des heutigen Evangelienabschnitts betrifft die Rache. »Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: „Auge für Auge und Zahn für Zahn.“ Ich aber sage euch: … wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin« (Mt 5,38-39). Wir dürfen nicht nur dem anderen das Böse, das er uns angetan hat, nicht heimzahlen, sondern sollen uns anstrengen, großzügig Gutes zu tun.

Die zweite Gegenüberstellung bezieht sich auf die Feinde: »Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.“ Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen« (V. 43-44). Von dem, der Jesus nachfolgen will, verlangt er, den zu lieben, der es nicht verdient, ohne Gegenleistung, um den Mangel an Liebe auszugleichen, der in den Herzen, in den menschlichen Beziehungen, in den Familien, in den Gemeinschaften und in der Welt herrscht. Meine Mitbrüder Kardinäle, Jesus ist nicht gekommen, um uns gutes Benehmen, das Benehmen der feinen Gesellschaft zu lehren! Dazu brauchte er nicht vom Himmel herabzusteigen und am Kreuz zu sterben. Christus ist gekommen, um uns zu retten, um uns den Weg, den einzigenAusweg aus dem Fließsand der Sünde zu zeigen, und dieser Weg der Heiligkeit ist die Barmherzigkeit, dieser Weg, den er gegangen ist und den er jeden Tag mit uns geht. Heilig zu sein, ist kein Luxus, es ist notwendig für das Heil der Welt. Das ist es, was der Herr von uns verlangt.

Liebe Mitbrüder Kardinäle, Jesus, der Herr, und die Mutter Kirche verlangen von uns, diese Haltungen der Heiligkeit mit größerem Eifer und glühender zu bezeugen. Genau in diesem Mehr an ungeschuldeter, selbstloser Liebe besteht die Heiligkeit eines Kardinals. Lieben wir darum diejenigen, die uns feindlich gesonnen sind; segnen wir, die schlecht über uns sprechen; grüßen wir mit einem Lächeln, die es vielleicht nicht verdienen; trachten wir nicht danach, uns zur Geltung zu bringen, sondern setzen wir rechthaberischer Gewalt die Sanftmut entgegen; vergessen wir die erlittenen Demütigungen. Lassen wir uns immer vom Geist Christi leiten, der sich selbst am Kreuz geopfert hat, damit wir „Kanäle“ sein können, durch die seine Liebe fließt. Das ist die Einstellung, das muss das Verhalten eines Kardinals sein. Der Kardinal – das sage ich speziell zu euch – tritt in die Kirche Roms ein, Brüder, nicht in einen Hofstaat. Vermeiden wir alle höfische Gewohnheiten und Verhaltensweisen wie Intrigen, Tratsch, Seilschaften, Günstlingswirtschaft, Bevorzugungen, und helfen wir uns gegenseitig, sie zu vermeiden. Unser Reden sei das des Evangeliums: Unser Ja sei ein Ja und unser Nein ein Nein; unser Verhalten sei das der Seligpreisungen und unser Weg jener der Heiligkeit. Beten wir noch einmal: »Mit deiner Hilfe, barmherziger Vater, lass uns stets aufmerksam auf die Stimme des Geistes hören!«

Der Heilige Geist spricht heute zu uns auch durch die Worte des heiligen Paulus: »Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid? … Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr« (1 Kor 3,16-17). In diesem Tempel, der wir sind, wird eine Lebensliturgie gefeiert: die der Güte, des Verzeihens, des Dienens – in einem Wort: die Liturgie der Liebe. Dieser Tempel wird gleichsam entweiht, wenn wir die Pflichten gegenüber dem Nächsten vernachlässigen. Wenn in unserem Herzen der Kleinste unserer Brüder Raum findet, dann ist es Gott selber, der dort Raum findet. Wenn jener Bruder ausgesperrt wird, ist es Gott selber, der keine Aufnahme findet. Ein Herz ohne Liebe ist wie eine entweihte Kirche, die dem Gottesdienst entzogen und für anderes bestimmt ist.

Liebe Mitbrüder Kardinäle, bleiben wir in Christus und untereinander geeint! Ich bitte euch, mir nahe zu sein, mit dem Gebet, dem Rat und der Zusammenarbeit. Und ihr alle, Bischöfe, Priester, Diakone, Personen gottgeweihten Lebens und Laien, tut euch in der Anrufung des Heiligen Geistes zusammen, damit das Kardinalskollegium immer brennender in der pastoralen Liebe, immer mehr von Heiligkeit erfüllt sei, um dem Evangelium zu dienen und der Kirche zu helfen, die Liebe Christi in die Welt auszustrahlen.

[© 2013 – Libreria Editrice Vaticana]