Ein Herz voller Mitleid

Impuls zum 18. Sonntag im Jahreskreis 2014

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 602 klicks

Wenn man es versteht, in dem oft sehr nüchternen Text des Evangeliums zwischen den Zeilen zu lesen, dann fällt einem beim heutigen Sonntagsevangelium besonders stark auf, wie sehr das Handeln und Reden Jesu vom Mitleid seines Herzens bestimmt wird.

Gar zu oft vergessen wir, dass Jesus Christus einerseits der absolute Herr und Gott ist, dass er aber gleichzeitig ein menschliches Herz hat, das nicht nur die Regungen unseres Herzens kennt, sondern in vielen Situationen alles das selbst erlebt hat, was uns bewegt.

Heute wird geschildert, wie Jesus davon erfährt, dass sein Vetter, Johannes der Täufer, enthauptet worden ist. Da heißt es im Evangelium mit scheinbar ganz nüchternen Worten: “Er fuhr mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein” (Mt 14,13). Wir alle kennen das, wenn wir etwas Furchtbares erlebt oder gehört haben, wollen wir allein sein. Wahrhaft fromme Seelen haben dann das Bedürfnis, Jesus zu trösten.

Das Herz Jesu ist voller Liebe und Wohlwollen. Und dass grausame Menschen den Freund, der ganz und gar schuldlos ist, umgebracht haben, trifft ihn ins Mark.

Zugleich sehen wir die ungeheure Spannweite seines Empfindens. Als Gott weiß er einerseits, dass das so kommen musste, um den gesamten Heilsplan zu erfüllen. Gleichzeitig ist er aber so sehr Mensch, dass er die Tragik des Geschehens durchaus nicht relativiert.

Das gilt es unbedingt festzuhalten. Jesus gibt uns einen Einblick in sein empfindendes Herz, nicht aus dem berechnenden Gedanken heraus, dass wir ihn nachahmen – das wäre schon gut. Nein, wir sollen seine Person wirklich so annehmen, wie sie sich zeigt: hingegeben, liebend, verwundbar.

Vor allem das, verwundbar. Wie treffend sagt das die Herz-Jesu-Litanei: “Herz Jesu, durch unsere Sünden verwundet, erbarme dich unser!”

Ein weiterer und noch weiter gehender Zug seines Herzens: er lässt sich durch unsere Undankbarkeit verwunden, aber nicht abschrecken. Er bleibt dabei, uns retten zu wollen.

Und als die Leute ihm nachgehen in die Einsamkeit, da stellt er seinen eigenen Schmerz zurück und widmet sich den Leuten, denn “er hatte Mitleid mit ihnen” (Mt 14,16).

Und es geht noch weiter. Die Jünger sagen, er solle die Leute nach hause schicken, da sie nichts zu essen haben. Da antwortet er: “Gebt ihr ihnen zu essen!” (Mt 14, 19) Die Jünger denken: ‘Unmöglich!’ Aber sofort zeigt sich, dass Jesus durchaus nichts Unmögliches verlangt (das tut Gott nie, im Gegensatz zu den Menschen), sondern dass er das aktuelle Problem selber lösen will. Wieder aus dem einen Grund, aus Mitleid.

Dies ist das zweite Mal, dass Jesus durch eine wunderbare Brotvermehrung den Menschen Gutes erweist.

An dieser Stelle könnten wir uns fragen: die Krankenheilungen, die Versorgung mit Brot – warum tut Jesus das nicht systematisch? In der Tat, er heilt sehr viele Kranke, aber er tut es sozusagen ad hoc, niemals im großen Stil.

Das hat zwei Gründe, die sich ebenfalls aus der Liebe seines gott-menschlichen Herzens ableiten. Zunächst einmal vermeidet er, so lange es geht, ein Wunder zu wirken. Stellen wir uns nur vor, der Herr würde am laufenden Band die Naturgesetze außer Kraft setzen. Es würde das Leben der Menschen verunsichern und würde unsere Freiheit, an der ihm so sehr liegt, beeinträchtigen. Und zum anderen, über kurz oder lang wären wir in der Lage von verwöhnten Kindern, die keinerlei Anstrengung bedürfen, da ihnen ja alles serviert wird. Eltern, die so etwas tun, haben nur eine scheinbare Liebe zu ihren Kindern. Ein verwöhntes Kind wird nicht wirklich erwachsen und ist für die raue Wirklichkeit nicht zu gebrauchen.

Die wahre Liebe, die wir im Herzen Jesu finden, will dagegen erreichen, dass wir alles das, was wir selber tun können, gefälligst selbst tun und nicht aus Bequemlichkeit mit göttlichem Beistand rechnen. Erst wenn da alles ausgereizt ist, und wir tatsächlich aus eigenen Kräften nicht weiterkommen, ist es angebracht, den Herrn um Hilfe zu bitten.

Und dann wird er sie uns gewähren.

Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den hl. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich).