\"Ein immer neues Gebot\": Kommentar von Bischof Javier Echevarría zur ersten Enzyklika Papst Benedikts XVI.

\"In der Caritas, der Liebe zum Nächsten, finden wir den Schlüssel für die Neuevangelisierung\"

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ROM, 21. Februar 2006 (Zenit.org).- Was Nächstenliebe heißt und welchen Stellenwert sie besitzt, erklärt Bischof Javier Echevarría, Prälat der 1928 vom heiligen Priester Josemaría Escrivá de Balaguer gegründeten katholischen Personalprälatur Opus Dei, im folgenden Kommentar zu \"Deus caritas est\", dem ersten lehramtlichen Rundschreiben des Heiligen Vaters.



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\"Deus caritas est\", so lautet der lateinische Text, den der Papst als Titel für seine erste Enzyklika gewählt hat. \"Gott ist die Liebe\", so heißt dieser Satz in fast allen Übersetzungen. Kann man die Caritas, die Nächstenliebe, mit der Liebe gleichsetzen? Zum Teil ja, zum Teil nein.

Der Katechismus der Katholischen Kirche erinnert daran, dass die Liebe jene Tugend ist, kraft derer wir Gott über alles lieben und – aus Liebe zu Gott – unseren Nächsten wie uns selbst. Etwas weiter bekräftigt er, dass \"die christliche Liebe (…) unsere menschliche Liebeskraft sichert und läutert\". Denn der Mensch muss lieben, und er will geliebt werden. Die tiefste Sehnsucht des Herzens ist eine treue, eine erwiderte und zarte Liebe. Das gesamte Leben besteht in einer Suche nach der wahren Liebe, in einem Kampf, die Hindernisse zu überwinden, die sich vor uns und in uns auftürmen.

Jesus Christus ist die Fülle der Offenbarung. In ihm erkennen wir Gott. In ihm erkennen wir den Menschen ganz, wie das Zweite Vatikanische Konzil lehrt und wie Johannes Paul II. häufig wiederholt hat. In Christus entdecken wir unsere Berufung und unsere Größe. Und ein wesentlicher Teil dieser Entdeckung ist die Nächstenliebe, die Liebe, die Jesus Christus adelt und läutert. Denn Christus hat uns mit seiner Liebe das \"Gaudium\" gebracht, die Freude und den Frieden.

Das Wort \"Liebe\" wird inflationär gebraucht: Wir benutzen es allzu häufig und manchmal nur, um uns auf kurzlebige Empfindungen oder auf Formen des Egoismus zu beziehen, wie der Papst sagt. Mit dem Begriff der Caritas, der Nächstenliebe, ist vielleicht genau das Gegenteil geschehen, eine Art semantische Beschränkung. Wir gebrauchen ihn immer weniger und nur, um uns auf ganz bestimmte Tätigkeiten von ganz bestimmten Menschen zu beziehen.

Die Nächstenliebe gehört ganz zur christlichen Identität

Aber die Liebe zum Nächsten ist nicht etwas Außerordentliches, sie gehört vielmehr ganz zur christlichen Identität. \"Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, dass ihr einander liebt\", sagte der Herr. Daran erkannten die Heiden die Christen: \"Schaut, wie sie einander lieben!\", riefen sie aus.

Die christliche Liebe ist eine sittliche Grundhaltung, die sich in einer enormen Vielfalt von Taten zeigt. Nächstenliebe heißt dienen, verstehen, trösten, zuhören, lächeln, begleiten, zurechtweisen, Mut machen, um Verzeihung bitten und verzeihen, geben und empfangen. Die Nächstenliebe dehnt sich in konzentrischen Kreisen aus, von den persönlichen Beziehungen hin zur ganzen Gesellschaft.

Im Ursprung der Familie findet sich die Liebe der Gatten. Sie schafft das Umfeld, in dem das Leben wächst, das Heim, das das neue Wesen liebevoll annimmt, das geeignete Klima, in dem Personen reifen können.

Die Arbeitswelt wird bereichert durch die Nächstenliebe. Den eigenen Beruf gemäß den Geboten des Evangeliums auszuüben heißt, aus Liebe zu arbeiten, dienstbereit zu sein, das Herz hineinzulegen, an die anderen zu denken. Die Arbeit zu heiligen heißt, sie in einen Ausdruck der Liebe zu Gott und der Hingabe an die anderen zu verwandeln, indem wir sie mit Gerechtigkeit und Liebe erfüllen.

Die Nächstenliebe drängt zur Großzügigkeit

Die kirchliche Geographie wird verschönert durch diese Lichtpunkte: Orte, wo Christen schweigend und liebevoll arbeiten und dienen. Wir brauchen nur an Afrika zu denken, jenen Kontinent, der am meisten die Mitarbeit aller braucht. Dort zeigt die Kirche nach den Worten Benedikts XVI. auch ihr \"Handeln als Kirche\" als wesentlichen Teil ihrer Sendung. Die Nächstenliebe drängt zur Großzügigkeit, sie spornt uns dazu an, angesichts der Nöte des Nächsten nicht teilnahmslos zu bleiben.

Der Heilige Vater fasst diesen Prozess der Ausdehnung der Liebe so zusammen: \"Die Liebe ist \'göttlich\', weil sie von Gott kommt und uns mit Gott eint, uns in diesem Einungsprozess zu einem Wir macht, das unsere Trennungen überwindet und uns eins werden lässt, so dass am Ende \'Gott alles in allem\' ist\" (vgl. 1 Kor 15, 28; 18). Hier findet sich auch die Erklärung für die ewige Jugend der Kirche.

In der Caritas, der Liebe zum Nächsten, finden wir den Schlüssel für die \"Neuevangelisierung\". Die Aufgabe, das Evangelium zu verbreiten, besteht darin zu erreichen, dass viele Menschen die christliche Liebe erfahren können, dass ihr Verstand sich dem Licht des Glaubens durch die Sprache der Liebe öffnet. Diese ist eine universale Sprache, die wir alle verstehen. Der Glaube wirkt also wirklich durch die Liebe, wie uns Paulus sagt.

Der heilige Josefmaria sagte rundheraus: \"Das wichtigste Apostolat, das wir Christen in der Welt wirken können, das beste Glaubenszeugnis besteht darin, dazu beizutragen, dass man in der Kirche ein wirkliches Klima der Liebe atmen kann.\"

Christus nannte beim Letzten Abendmahl das Liebesgebot ein \"neues\" Gebot: \"Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe.\" Es war damals neu, und es ist es auch heute, 2.000 Jahre später – für alle. Wenn wir die Enzyklika mit der gesunden Neugier desjenigen lesen und betrachten, der etwas Neues entdeckt, dazu mit wachem Herzen und Verstand, dann finden wir das bleibend Neue dieser wunderbaren Offenbarung: Gott ist die Liebe, die jeden und alle Menschen erleuchtet. So wird sich auch der Wunsch Benedikts XVI. erfüllen, dass die Enzyklika \"unser christliches Leben erleuchtet und fördert\".

[Von der Personalprälatur Opus Dei zur Verfügung gestellte deutsche Übersetzung des spanischen Originals]