Ein Jahr Benedikt XVI.: Deutschland sieht Joseph Ratzinger mit neuen Augen

Gespräch mit dem spanischen Journalisten Vicente Poveda, der in Berlin lebt

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ROM, 22. Mai 2006 (ZENIT.org).- "Oh, mein Gott!", lautete die Schlagzeile von der "Tageszeitung" am Tag nach der Wahl Joseph Kardinal Ratzingers zum jetzigen Papst Benedikt XVI. Heute, ein Jahr nach diesem Ereignis, heben die Zeitungen in der Heimat des Heiligen Vaters vor allem die guten Auswirkungen dieser Papstwahl hervor.



Deutschland erlebe eine Renaissance des Glaubens, erklären Beobachter. Die Anzahl der Theologiestudenten, der Erwachsenentaufen und der Wiedereintritte in die katholische Kirche stiegen beständig. Auf der anderen Seite sinke die Anzahl der Kirchenaustritte, besagt eine Studie von Vicente Poveda Soler, dem Korrespondenten der Deutschen Presse Agentur (DPA) für die spanischsprachige Welt.

Poveda, der in der deutschen Bundeshauptstadt Berlin lebt und arbeitet, erklärte anlässlich einer Studientagung für kirchliche Medienarbeit an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom, dass die kritischen Stimmen zu Kardinal Ratzinger vor allem aus dessen Heimat gekommen seien. Doch nach der Papstwahl habe sich das Bild, die Berichterstattung gewandelt.

Das Pontifikat Benedikts XVI. werde 60 Jahre nach der Befreiung der Häftlinge des ehemaligen NS-Konzentrationslagers Auschwitz, Hitlers Selbstmord und dem Ende des zweiten Weltkriegs von der deutschen Presse als ein wichtiger Schritt zur völligen Wiederaufarbeitung der deutschen Geschichte bewertet.

Mit zahlreichen Beispielen veranschaulichte Poveda diesen Wandel: Die Gesellschaft für deutsche Sprache habe den Satz "Wir sind Papst" zum zweitwichtigsten geflügelten Wort des Jahres 2005 gewählt. Lediglich "Bundeskanzlerin" sei noch bedeutender gewesen.

Der spanische DPA-Korrespondent wies darauf hin, dass die wichtigsten Politiker der Bundesrepublik – angefangen vom ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder über die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel bis hin zu Bundespräsident Horst Köhler – übereinstimmend ihren großen "Stolz" über die Wahl Joseph Ratzingers zum Ausdruck gebracht hätten - obwohl sie alle evangelisch sind. Poveda fügte hinzu, dass die bekanntesten deutschen Entertainer wie Harald Schmidt und Stefan Raab bekannt hätten, dass sie die Werke Benedikts XVI. tatsächlich lesen würden. Und die Verkaufszahlen dieser Bücher sind im Steigen begriffen.

Vor Papst Benedikt habe es in Deutschland gerell eine eher negative Einstellung gegenüber der so genannten "Amtskirche" gegeben, berichtete Poveda, der sein Diplom an der Deutschen Akademie für Public Relations in Frankfurt abgeschlossen hat. Einen Grund für diese Tatsache sieht der Journalist darin, dass die deutschen Medien in Sachen Glaube und Kirche vor allem von katholischen Kritikern beherrscht worden seien, etwa von "Wir sind Kirche", Hans Küng oder Eugen Drewermann.

Die auffallendste Trendwende, so Poveda, bestehe darin, dass Joseph Ratzinger heute nicht mehr als "Glaubenswächter", sondern als "Hirte" betrachtet werde.

Verschiedene deutsche Tageszeitungen hätten darüber berichtet, dass für Papst Benedikt Sammlung und Betrachtung das Wesentliche seien, während für Papst Johannes Paul II. eher Fülle und Weite im Vordergrund gestanden wären. Dem Papst aus Bayern gehe es um "Tiefe", um die "Mitte" des Glaubens. Poveda bekräftigte in diesem Zusammenhang, dass nicht die Kirche oder die kirchliche Hierarchie im Mittelpunkt des Interesses von Benedikt XVI. stünden, sondern der Glaube.

Ein Jahr nach der Wahl Joseph Ratzingers hoben die deutschen Zeitungen vor allem "die Schönheit des Glaubens" sowie "die wahre Demut und Güte" von Papst Benedikt hervor, so Poveda. Das neue, in Deutschland vorzufindende Klima der "Wiederherstellung des Vertrauens in die Kirche und den Heiligen Vater" drücke sich auch im wachsenden Interesse an religiösen Themen sowie im bedeutenden Rückgang an Kirchenaustritten aus. Während die Zahl der Kirchenaustritte im Jahr 2004 bei 101.252 gelegen habe, sei sie 2005 um ein Drittel zurückgegangen, informierte Poveda. Andere Indikatoren einer neuen Religionsfreundlichkeit in der deutschen Gesellschaft seien der gute Absatz der Papstbücher und die Tatsache, dass sich der Name "Benedikt" für Neugeborene wachsender Beliebtheit erfreue: In der Beliebtheitsskala sei er vom 50. auf den 37. Platz hinaufgeklettert.