Ein Jahr nach Aparecida – Visionen der Kirche Lateinamerikas

Die fünfte Vollersammlung der Bischöfe Lateinamerikas und ihre Folgen

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OSNABRÜCK, 26. Mai 2008 (ZENIT.org).- „Wir in Lateinamerika brauchen eine pastorale Bekehrung“, mahnte Kardinal Oscar Rodríquez Maradiaga aus Honduras am Samstag im Rahmen des 97. Katholikentages in Osnabrück. „Vielleicht kamen wir mit einem pastoralen Modell der Bewahrung, aber die 5. CELAM-Vollversammlung hat uns aus unserer Passivität gerissen.“

Gerade in Lateinamerika sind nach Worten des internationalen Caritas-Präsidenten große Veränderungen notwendig. „Wir als Kirche müssen das Evangelium und die katholische Soziallehre in die Politik unserer Länder einbringen“, so Kardinal Rodríguez.

Beim Podium unter dem Leitwort „Ein Jahr nach Aparecida - Visionen der Kirche Lateinamerikas“, das im überfüllten Kirchenraum von Sankt Johann stattfand, wurde zunächst die zuständige Referentin für Genderfragen bei der chilenischen Ordenskonferenz nach ihrer Einschätzung der guten und schlechten Seiten der Vollversammlung gefragt.

In ihrem Einführungs-Statement hob die chilenische Theologin Loreto Fernández, eine der 26 weiblichen Teilnehmerinnen an der bischöflichen Vollversammlung im Mai 2007 hervor, dass die Frauen ihre Anliegen in das Schlussdokument hätten einbringen können. „Aparecida hat seine Größen und seine Grenzen“, erklärte die ehemalige Mitarbeiterin im Ökumene-Referat der Erzdiözese von Santiago de Chile. „Aber bemerkenswert ist die enorme Wirkkraft des Heiligen Geistes in Aparecida“, betonte sie.

Die Bischöfe hätten in ihrem Schlussdokument auf die besondere Dringlichkeit des Einsatzes für die benachteiligten Frauen hingewiesen. Dass die Schlussbotschaft ausdrücklich von „Jüngerinnen und Jüngern“ spreche, sei ein wichtiges Signal an die Frauen Lateinamerikas. Pastorale Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen müsse unbedingt auf gleicher Augenhöhe geschehen, betonte sie auf dem Podium des „Eine-Welt-Zentrums“ des Deutschen Katholikentages in Osnabrück.

Bedauerlich sei, dass die ausformulierte Bitte um Vertiefung der Frage nach konkreten und pastoralen Schritten zum Abbau der Diskriminierung der Frauen in Lateinamerika und Verteidigung ihrer Würde und Identität missverstanden worden sei. Die Klage, dass Frauen in den pastoralen Entscheidungsgremien häufig nicht zu finden seien, habe man bedauerlicher Weise im Vorzeichen einer Warnung vor der Gefahr einer Gender-Ideologie und „einer nicht dem Evangelium entsprechenden Ideologie im Schlussdokument“ [vgl. 109] wiedergefunden. „Das Thema der Frauen in Lateinamerika steht aber nicht für sich alleine da“, fügte Loreto hinzu. „Es steht im Kontext der Beziehungen, die wir insgesamt aufbauen wollen.“

Als vielversprechend wertete der hondurensische Kardinal Oscar Rodríguez Maradiaga in seinem Beitrag die Übergabe des Briefes, den er zusammen mit anderen lateinamerikanischen Kirchenvertretern auf dem EU-Lateinamerika-Gipfel Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie den Spitzen der EU ausgehändigt hatte.

Die lateinamerikanischen Oberhirten rufen in dem Schreiben dazu auf, Armutsbekämpfung zu einem zentralen Punkt gemeinsamer Politik zu machen. Rodriguez sagte, die Kirche werde sich auch weiter an Politiker und Ökonomen richten; also an jene, die eine Änderung bewirken könnten.

Mehr als vierzig Jahre nach der päpstlichen Enzyklika „Populorum Progressio" sei die Entwicklung der Länder des Südens noch immer ein offener Punkt. Vor diesem Hintergrund habe die fünfte Generalversammlung der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik in Aparecida die „vorrangige Option für die Armen“ deutlich gestärkt, so der Kardinal. „Jedoch sprechen wir nicht nur darüber, sondern suchen nach konkreten Lösungen für die Bekämpfung der Armut.“

Kardinal Rodríguez äußerte zudem die Hoffnung, dass das vor einem Jahr im brasilianischen Aparecida verfasste Dokument einen neuen missionarischen Aufbruch bewirke. Wir brauchen einen neuen „Herzschrittmacher“ in Sachen Mission, damit die „Jünger ihren Meister wieder kennen lernen“.

Dazu sei eine missionarische Spiritualität nötig. „Was ist die Haltung eines Jüngers? Er soll wie Maria zu den Füßen des Meisters sitzen, sein Wort hören und es vertiefen“, erklärte der Kardinal. „Unsere Getauften sind oft nicht Jünger Jesu. Sie sind Jünger des Sports, der Politik, von Mode und Massenmedien.“

Aparecida habe die Christen aus ihrer Passivtät herausgerissen, resümiert der Purpurträger. „Wir sind der Weltkirche auch unsererseits Missionare schuldig.“

Adveniat-Geschäftsführer Prälat Bernd Klaschka appellierte an die Kirche in Deutschland, sich bei der Bewältigung der aktuellen Probleme von den in Aparecida gewonnenen Erfahrungen anregen zu lassen. Die aktive Beteiligung von Gemeinden aus ganz Lateinamerika sei beispielhaft für die bevorstehenden Umbrüche in Deutschland.

Die Menschen sollten bei der Neustrukturierung der Seelsorge stärker einbezogen werden - nicht nur in formaler, sondern auch in inhaltlicher Hinsicht: „Wir müssen unseren Horizont erweitern über den finanziellen Aspekt hinaus, der zurzeit die Diskussionen bestimmt. Jesus Christus sollte wieder in den Mittelpunkt unserer Überlegungen rücken, und dabei müssen wir auf die Menschen an der Basis vertrauen. Hier können wir von Lateinamerika lernen.“ Klaschka regte die Kirche in Deutschland dazu an, spezifische Optionen zu fällen, wie es in Lateinamerika unter anderem durch die „vorrangige Option für die Armen“ geschehen sei.

Der Hauptgeschäftsführer von Misereor, Prälat Josef Sayer, wies auf die Mitwirkungsmöglichkeit von Misereor und Adveniat bei der Versammlung in Aparecida hin. Beide Hilfswerke seien aktiv in die Vorbereitung und Umsetzung eingebunden gewesen. Sayer wünschte sich, dass die Hilfswerke und lokalen Partner bei der Deutschen Bischofskonferenz einen ähnlichen Stellenwert bekämen. „Vielleicht sähe dann manches anders aus“, so der Misereor-Hauptgeschäftsführer. Sayer verwies zudem auf die armutsbezogenen Passagen des Schlussdokuments. Mit der Aussage, dass die Armen als „menschlicher Abfall“ behandelt würden, habe das Dokument „die schärfste Kritik am neoliberalen Wirtschaftssystem“ geübt.

Von Angela Reddemann