Ein jüdischer Philosoph, den Johannes Paul II. sehr schätzte

Buchautor spricht über die Übereinstimmungen im Denken von Karol Wojtyla und Emmanuel Levinas

Sydney, (ZENIT.org) | 321 klicks

Seit Papst Franziskus zum Nachfolger Petri gewählt wurde, spricht man wieder viel über die enge Verbindung der katholischen Kirche zu den Armen und Notleidenden. Durch seine wiederholten Aufrufe für „eine Kirche der Armen“ erinnert der Heilige Vater die Christen wieder verstärkt an die Notwendigkeit, sich der Bedürfnisse derer anzunehmen, die weder Macht noch Reichtum besitzen. Damit setzt der Papst die Tradition seiner Vorgänger mit neuem Elan fort; eine Tradition, der Benedikt XVI. und Johannes Paul II. ebenfalls gefolgt sind, jeder mit seinem eigenen, persönlichen Stil.

Johannes Paul II. zum Beispiel sprach oft über die Würde jedes einzelnen Menschen und über das christliche Gebot, diese Würde zu bezeugen. Johannes Paul II. war aber nicht nur eine Stimme für jene Menschen, deren Stimmen von repressiven Regierungen zum Schweigen gebracht wurden; er war auch ein Intellektueller, und einer der Philosophen, die er schätzte, war Emmanuel Levinas (1906-1995), ein litauisch-französischer jüdischer Denker.

Levinas schrieb seine philosophischen Werke immer mit einem besonderen Augenmaß für „die anderen“ und war der Überzeugung, dass wir für unsere leidenden Mitmenschen nichts tun können, wenn wir uns nicht der Sprache Gottes bedienen. Deshalb haben einige Theologen sich von Levinas’ Denken inspirieren und ermutigen lassen.

ZENIT sprach mit Nigel Zimmermann, Autor des Buchs „Levinas und die Theologie“, das im September 2013 in englischer Sprache erschien. Zimmermann unterrichtet Theologie an der University of Notre Dame in Sydney (Australien).

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Wie ist Ihnen die Idee zu diesem Buch gekommen?

Zimmermann: Ich habe Levinas durch die Schriften Johannes Pauls II. entdeckt, besonders durch sein Interview „Die Schwelle der Hoffnung überschreiten“ (1994). In diesem Werk bezeichnet der Papst die Gedanken von Levinas als ein „Zeugnis für unsere Zeit“ und vergleicht seine „Philosophie der anderen“ mit der „radikalen Solidarität“ mit jedem menschlichen Wesen, die das christliche Evangelium verlangt. Die Übereinstimmungen zwischen Johannes Paul II. – besonders in seinen frühen Werken, als er noch nicht Papst war – und Levinas sind auffällig. Tatsächlich begann zwischen Karol Wojtyla und Levinas ein Dialog und eine Freundschaft, die man lange übersehen hat.

Davon abgesehen, hat sich mein Interesse für beide Denker in den Jahren gefestigt, als ich an meiner Doktorarbeit an der Universität in Edinburgh, Schottland, arbeitete. Ich erinnere mich noch, dass mein Doktorvater (der vor kurzem verstorbene Reverend Dr. Michael Purcell) scherzhaft sagte, eines meiner Probleme bestehe darin, dass Leute, die Johannes Paul II. mögen, Levinas nicht lesen, und die, die Levinas mögen, Johannes Paul II. nicht lesen… dass Johannes Paul II. und Levinas sich gegenseitig aber mit großem Interesse gelesen haben!

Als meine Doktorarbeit fertig wurde, gab der Verlag Bloomsbury mir die Gelegenheit, ein Buch über Levinas und die Bedeutung seines Denkens für die Theologie zu schreiben. Ich habe versucht, mich mit diesem Stoff auf sehr neutrale Weise auseinanderzusetzen. Tatsächlich besitzt die Theologie die Mittel, manche Fragen, die Levinas stellt, auf vollkommenere Weise zu beantworten.

Was meinen Sie ist der Schlüssel zum Verständnis der Philosophie von Levinas?

Zimmermann: Es ist nicht leicht, einen so vielseitigen Autor wie Levinas zu interpretieren. Ich stimme mit anderen Kritikern darin überein, dass auch ich glaube, dass ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der Schriften dieses Denkers in der ethischen Bewertung dessen liegt, was er „das Gesicht“ nennt. Levinas glaubt, das Gesicht der anderen stelle an uns die stille Forderung, verantwortungsvoll und ethisch korrekt zu handeln. Die Sprache, der Levinas sich bedient, ist oft sehr hart, was den Einfluss wiederspiegelt, den der Holocaust auf ihn hatte. Seine „Verantwortung für die anderen“ klingt oft sehr freudlos, und ich glaube, an dieser Stelle kann die katholische Theologie die Erkenntnisse von Levinas anerkennen, aber auch kritisch im Licht der Menschwerdung interpretieren, durch die Christus sich in Freude und aus Liebe für „die anderen“ opfert. Die von Levinas vertretene Philosophie des Gesichts zu verstehen erfordert Zeit und Aufmerksamkeit, ist aber eine Mühe, die sich lohnt. Sie setzt auch voraus, dass ein christlicher Theologe sich tiefer mit der jüdischen Kultur auseinandersetzt, der sein eigener Glaube entspringt. Jeder Papst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat zu mehr Freundschaft und gegenseitigem Verständnis zwischen Juden und Christen aufgerufen, und das betrifft auch die Gelehrten beider Traditionen.

Was hoffen Sie, dass Ihre Leser von diesem Buch lernen können?

Zimmermann: Ich hoffe, dass meine Leser sowohl die tiefen Einsichten als auch die Mängel im Gedankengebäude dieses Philosophen erkennen. Für jeden, der an Fragen über Gott interessiert ist, sollte Levinas auf der Liste der Autoren stehen, die man gelesen haben muss, denn er kommt von einer der fruchtbarsten philosophischen Traditionen, die sich im vergangenen Jahrhundert entfalteten – die Phänomenologie – und betont den Gedanken, dass „die Sprache Gottes“ nicht von der Philosophie getrennt werden kann, wenn diese in irgendeinem Sinn wahr sein soll. Seine Philosophie ist weder vollkommen noch endgültig und vollendet, aber sie richtet ihr Augenmerk auf die Fäden, durch die Mensch, Gott und die Moral untrennbar zusammengehalten werden. Levinas hat im Holocaust Freunde und Familienangehörige verloren. Trotz dieses Leids schreibt er, dass die Sprache Gottes nicht aus der Menschheitsgeschichte verschwunden ist, sondern mit größerer Vorsicht und Achtung verstanden werden muss. Diesen Aufruf sollten wir ernst nehmen.

Darüber hinaus hoffe ich, dass meine Leser erkennen, dass Theologie keine geschlossene Wissenschaft ist, sondern ein offener Dialog, der seine Überzeugungen in die Welt hinausträgt. Ähnlich, wie Papst Franziskus von einer Kirche spricht, die ihren Kontakt zur Straße nie verlieren darf, so denke ich, öffnet die Philosophie von Levinas mit ihrem Augenmerk für die notleidenden Menschen der Theologie eine Tür zu den Menschen auf der Straße.