Ein Kanadier in der Römischen Kurie

Exklusives Interview mit Kardinal Marc Ouellet [Teil 2]

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[Den ersten Teil des Interviews finden Sie hier]

Von Włodzimierz Rędzioch

Vatikanstadt, 11. September 2012 (ZENIT.org). – Zum zweiten Jahrestag seiner Ernennung als Präfekt der Bischofskongregation hatte ich ein Treffen mit Kardinal Ouellet und sprach mit ihm über seine Mission in der Kirche.    

Am 30. Juni 2010, 7 Jahre nachdem Sie zum Erzbischof von Quebec ernannt worden waren, hat Sie Benedikt XVI. in den Vatikan berufen, um dort eine der wichtigsten Kongregationen, die Bischofskongregation, zu leiten. Ist es Ihnen schwer gefallen, Ihr Erzbistum zu verlassen und sich einer Arbeit zu widmen, die – wenn auch mit viel Prestige verbunden – dennoch Kurienarbeit ist?

Kard. Marc Ouellet: Es fiel mir schwer, denn in den vorausgegangenen sieben Jahren hatte ich mit den Menschen von Quebec, meiner Heimat, eine pastorale und spirituelle Beziehung aufgebaut, die sehr tief war. Ich dachte nicht über andere Aufgaben nach und so kam der Ruf des Papstes für mich wie aus heiterem Himmel. Ich muss sagen, dass es mir meine Gefühle schwer machten, Quebec zu verlassen und nach Rom zu kommen – es war emotional eine Trennung.  

Könnten Sie uns in wenigen Worten erklären, womit sich die Kongregation für die Bischöfe befasst?

Kard. Marc Ouellet: Die Bischofskongregation befasst sich mit allem, was mit den Bistümern zu tun hat: Die Errichtung von Diözesen, ihre Auflösung, aber vor allem die Vorbereitung der Bischofsernennungen. Die Vorbereitung dieser Ernennungen macht eine enge Zusammenarbeit mit den Apostolischen Nuntien und den Bischofskonferenzen erforderlich. Auf dieser Grundlage wird umfassendes Dokumentationsmaterial über die möglichen Kandidaten zusammengetragen, die dem Heiligen Vater vorgeschlagen werden sollen.

Weiterhin ist die Kongregation mit der Aufsicht über die Leitung der Bistümer betraut (wenn es in irgendeiner Diözese besondere Probleme gibt, schreiten wir ein, um sie einer Lösung zuzuführen).   

Wer steht Ihnen bei Ihrer Arbeit zur Seite?

Kard. Marc Ouellet: Die Hauptverantwortlichen der Kongregation sind drei: der Präfekt, der Sekretär und der Untersekretär. Weiterhin verfügen wir über etwa 30 Personen, mehrheitlich Priester, die in unserem Dikasterium arbeiten.

Sie als Präfekt der Bischofskongregation haben das große Privileg, den Heiligen Vater auf regulärer Basis zu treffen (normalerweise samstags). Falls Sie darüber sprechen können: Wie laufen diese Begegnungen ab?

Kard. Marc Ouellet: Es handelt sich um Arbeitstreffen, die in einfacher und herzlicher Atmosphäre verlaufen. Die gesamte Begegnung dreht sich um den Bericht, den ich jeweils hierzu mitbringe: Da der Heilige Vater diesen Bericht schon im Voraus erhält, kennt er schon seinen Inhalt. Wir können also unsere Gedanken hierzu austauschen und der Papst trifft dann die Entscheidungen. 

Eminenz, welche Eigenschaften sollte Ihrer Meinung nach ein Bischof in einer so schwierigen Zeit wie der heutigen besitzen?

Kard. Marc Ouellet: Er muss ein Mann sein, der über einen festen Glauben verfügt: am wichtigsten ist der Glaube des Hirten. Er muss intellektuell vorbereitet sein und die Fähigkeit besitzen, nicht nur den Glauben zu verkünden, sondern ihn auch zu verteidigen. Dies ist eine Eigenschaft, die der hl. Paulus herausstreicht, wenn er von den Bischöfen spricht.

Ich glaube, wir brauchen mutige Männer. In der Kultur nimmt man die christlichen Werte weniger wahr und die Kommunikationsmittel sind manchmal sehr kritisch gegenüber der Kirche eingestellt. Deswegen braucht man Mut, um diesen Attacken entgegenzutreten, die Gläubigen vor all diesen antichristlichen Strömungen zu schützen und ihnen zu helfen, den Glauben zu bewahren.   

Gibt es Fälle, in denen ein zum Bischof ausersehener Kandidat sich weigert, das Amt anzunehmen?

Kard. Marc Ouellet: Ja, es gibt Fälle, in denen man auf eine Weigerung stößt. Wenn sich ein Kandidat weigert, muss man das Gewissen dieser Person respektieren (man muss ernste Gründe haben, um die Wahl nicht anzunehmen). In diesem Fall bittet man den Heiligen Vater darum, die Person von der Pflicht, die Ernennung anzunehmen, zu dispensieren. Auf diese Weise kann die fragliche Person ein ruhiges Gewissen bewahren.

Kann hinter der Weigerung, die Ernennung zum Bischof anzunehmen auch einfach die Angst vor der Übernahme einer solchen Aufgabe stecken?    

Kard. Marc Ouellet: Wenn ein Kandidat Angst hat, dann bedeutet das, dass er nicht genug Glauben besitzt. Wenn sein Glaube nicht stark ist, ist es statthaft, dass er die Wahl nicht akzeptiert.

Herr Kardinal, meinen Sie, dass der Mechanismus für die Wahl eines Bischofs durch Einholung von Erkundigungen und Befragung gut funktioniert und es dem Heiligen Vater erlaubt, den besten Kandidaten zu wählen?

Kard. Marc Ouellet: Das hoffe ich. - Auch wenn es keine hundertprozentige Garantie dafür gibt, dass die Kandidaten, die wir dem Heiligen Vater vorschlagen, die besten sind, denn auch wir können uns irren. Die Untersuchung wird jedenfalls mit dem gebührlichen Ernst durchgeführt. Es werden kompetente Personen befragt, die aufgrund „päpstlichen Geheimnisses“ alles, was sie wissen und denken, sagen können, ohne befürchten zu müssen, dass die betroffenen Personen davon etwas erfahren. So werden also Informationen über jeden Kandidaten eingeholt und diese werden während der Plenarsitzung mit den 30 Kardinälen und Erzbischöfen besprochen, wobei jeder sein eigenes Urteil zum Ausdruck bringen kann und ich, als Präfekt, trage dem Heiligen Vater das Ergebnis dieses Entscheidungsprozesses vor. Dem Papst kommt die endgültige Entscheidung zu.

Was ist das, ein „päpstliches Geheimnis“?

Kard. Marc Ouellet: Diejenigen, die man befragt hat, müssen das „päpstliche Geheimnis“ wahren, das heißt, sie dürfen keinem sagen, über wen sie befragt wurden, welchen Inhalt ihre Ausführungen hatten und nicht einmal sagen, dass sie befragt worden sind. 

Kann der Heilige Vater unabhängig von Ihren Vorschlägen seinen Kandidaten wählen?

Kard. Marc Ouellet: Sicher doch. Er ist das Haupt des Kollegs der Nachfolger der Apostel und er kann unabhängig entscheiden. Unsere Kongregation bereitet die Dossiers für den Heiligen Vater vor, aber man muss auch bedenken, dass er von so vielen Stellen her Nachrichten und Informationen über die Kandidaten erhält. Er kann also völlig frei entscheiden. Er wird das aber nicht tun, ehe er nicht das Urteil unserer Kongregation gehört hat.    

[Teil 3 des Interviews wird morgen, am 12. September 2012 veröffentlicht]

[Der vollständige Text des Interviews ist von der Zeitschrift „Inside the Vatican“ in englischer Sprache veröffentlicht worden (August/September 2012)]

[Übersetzung des englischen Originals von P. Thomas Fox LC]