Ein Kanadier in der Römischen Kurie (Erster Teil)

Exklusives Interview mit Kardinal Marc Ouellet [Teil 1]

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Von Włodzimierz Rędzioch

VATIKANSTADT, 10. September 2012 (ZENIT.org). – Einmal habe ich dem mittlerweile verstorbenen Kardinal Andrzej-Maria Deskur die Frage gestellt, ob er nach dem Tod Pauls VI. mit der Wahl eines nicht-italienischen Kardinals gerechnet habe. Zu meiner Überraschung hat er mir mit Entschlossenheit geantwortet und gesagt: „Ich habe nicht nur mit der Wahl eines nicht-italienischen Kardinals gerechnet, sondern mit der eines ganz konkreten Purpurträgers, nämlich mit der Wahl von Kardinal Karol Wojtyła.“

Als ich ihm die Frage stellte, woher er diesen Weitblick nahm – zumal er ein großer Kenner der Kurie und der „Mechanismen“ im Vatikan war –, entgegnete er mir: „Man weiß, dass der neue Papst von den Kardinalen gewählt wird, doch in gewissem Sinne ist sein ‚Großelektor‘ sein Vorgänger, insofern als er die Mitglieder des Kardinalskollegiums bestimmt und damit Einfluss auf das Resultat des Konklave nimmt. Paul VI. hatte viel Hochschätzung für Kardinal Wojtyła – ich würde sagen, er hat ihn in gewisser Weise darauf vorbereitet, sein Nachfolger zu sein.

Zunächst einmal hat er ihn damit betraut, im Vatikan geistliche Exerzitien für die Römische Kurie zu predigen und auf diese Weise stellte er ihn, sein großes Wissen und seine tiefe Spiritualität, einer größeren Zuhörerschaft vor. Ebenso ernannte er ihn zum Relator der Synode über die Evangelisierung. Dies war eine Überraschung, denn man erwartete, dass ein Bischof aus einem Missionsland zum Relator ernannt werden würde. Doch auf diese Weise konnten auch die Kardinäle aus den Drittweltländern den Erzbischof von Krakau kennen sowie seinen pastoralen und missionarischen Eifer schätzen lernen. Man kann es nicht als nebensächlich betrachten, dass Paul VI. Kardinal Wojtyła dazu ermutigte, die Welt zu durchreisen, um die verschiedenen Teilkirchen und ihre Situation besser kennen zu lernen.“

Wenn jeder Papst mit seinen Entscheidungen und persönlichen Optionen ein Großelektor seines Nachfolgers ist, dann „bestimmt“ er in gewisser Weise das Ergebnis des Konklaves und demzufolge sollte man gewisse Tatsachen analysieren, um zu verstehen, wer der „Kandidat“ sein könnte, den Benedikt XVI. für seine Nachfolge wünscht.

- Als im Jahre 2010 der neue Präfekt gewählt werden musste, der eine der wichtigsten Kongregationen, die Bischofskongregation, leiten sollte, wählte Benedikt XVI. den damaligen  Erzbischof von Quebec, Kardinal Marc Ouellet.

- Als am 10. März 2011 im Pressesaal des Heiligen Stuhls das Buch Benedikts XVI. „Jesus von Nazareth – Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung“ vorgestellt wurde, wer war da derjenige, der die Aufgabe übernahm, dieses höchst wichtig Werk des Theologen-Papstes zu präsentieren? Kardinal Marc Ouellet! Im April fanden die geistlichen Exerzitien der Bewegung „Comunione e Liberazione“ statt (eine der dynamischsten Gruppen, die nicht nur in der Kirche in Italien, sondern in verschiedenen Teilen der Welt präsent ist). Am 22. April hat Kardinal Ouellet (übrigens ein Freund von Don Giussani, dem verstorbenen Gründer von CL) der Abschlussmesse der Exerzitien, an der 26.000 Teilnehmer teilnahmen, vorgestanden.

- Als in den Monaten April und Mai in Deutschland (Trier), die Heilig-Rock-Wallfahrt stattfand, hat der Papst Kardinal Ouellet als seinen Legaten gesandt. Am 13. April stand er den Eröffnungsfeiern vor.

- Vom 11. bis 14. Mai 2012 fand in Lourdes die 54. Internationale Militärwallfahrt statt. Kardinal Ouellet hat auch dieser Pilgerfahrt vorgestanden.

- Vergangenen Juni fand in Irland der wichtige 50. Internationale Eucharistische Kongress statt. Der Papst hat als seinen Legaten Kardinal Ouellet gesandt.

- Vom 21. bis 24. Mai wurde in Rom die 64. Generalversammlung der Italienischen Bischofskonferenz abgehalten (eine der zahlenmäßig stärksten Bischofskonferenzen der Welt, zu der viele Kardinäle gehören und damit wahlberechtigte Personen im zukünftigen Konklave). Wer hat in der Petersbasilika der Messfeier für die 232 Mitglieder der genannten Konferenz vorgestanden? – Kardinal Marc Ouellet. 

Es ist klar, dass wir die Gedanken des Papstes nicht lesen und nicht wissen können, warum Benedikt XVI. dem aktuellen Präfekten der Bischofskongregation so viel Sichtbarkeit verleiht. Es ist jedoch eine unleugbare Tatsache, dass dieser kanadische Würdenträger in wenigen Jahren zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten der katholischen Kirche geworden ist. Sein Lebenslauf erklärt diesen „Aufstieg“, denn demnach ist er eine vielstudierte Person mit einem reichen Schatz an pastoraler Erfahrung.

Marc Ouellet wurde am 8. Juni 1944 in Lamotte geboren, das im kanadischen Bistum Amos liegt. Seine Berufung geht auf die 1960er Jahre zurück, die in der ganzen westlichen Welt als Jahre der Rebellion bekannt sind; man stellte jede Autorität in Frage, auch die der Kirche. Trotz dieser ungünstigen Voraussetzungen gelang es dem jungen Marc, seiner priesterlichen Berufung zu folgen und so wurde er 1968 Priester seines Bistums. 1972 entschied er sich dazu, der Gesellschaft der Sulpizianerpriester beizutreten, deren Charisma in der Ausbildung von Priestern besteht.

Aufgrund seiner Studien und Arbeitsprojekte begann er zu reisen: zuerst einmal nach Kolumbien, dann ins päpstliche Rom (Studien am Angelicum und an der Gregoriana), aber auch nach Österreich (Innsbruck) und Deutschland (Passau), zwecks eines Studiums der deutschen Sprache. Studien und Reisen bereichern diesen jungen Priester aus Quebec sehr. In den 1970er und 80er Jahren hatte er während seiner Arbeit in verschiedenen Seminaren von Kolumbien Gelegenheit, die spanischen Sprache zu erlernen und die Kirche in Lateinamerika kennen zu lernen, einem Kontinent, in dem die Mehrheit der Katholiken in der Welt lebt.     

Als Theologe assoziiert man seinen Namen mit der Zeitschrift „Communio“ und dem großen schweizerischen Theologen Hans Urs von Balthasar. In den Jahren 1996-1997 kehrte er nach Rom zurück, um am Institut Johannes Paul II. für die Familie zu lehren. Im Jahre 2001 ernannte der Papst ihn zum Sekretär des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, doch sein Aufenthalt war kurz, denn im darauffolgenden Jahr schickte ihn Johannes Paul II. zurück nach Kanada und ernannte ihn zum 14. Erzbischof der Metropolie von Quebec und damit zum Primaten von Kanada. 2003 verlieh er ihm die Kardinalswürde. In Kanada musste sich Kardinal Ouellet mit der tiefgehenden Verweltlichung der Französisch sprechenden kanadischen Gesellschaft auseinandersetzen, die bis vor kurzer Zeit sehr religiös und an die katholische Kirche gebunden gewesen war. Ein weiteres Problem, das er anpacken musste, war die dramatische Krise im Bereich der Berufungen.

Er hat dies mit großem Eifer und Mut getan, so dass er die Anerkennung der Gläubigen und des Papstes gewann. Als Benedikt XVI. 2010 den Nachfolger von Kardinal Re, der der Bischofskongregation vorsteht, wählen musste, fiel seine Wahl auf den Erzbischof von Quebec. Und wieder kehrte Kardinal Ouellet nach Rom zurück, um einer der engsten Mitarbeiter des Heiligen Vaters zu werden.

[Der zweite Teil wird morgen, am 11. September 2012 veröffentlicht werden]

[Der vollständige Text des Interviews ist von der Zeitschrift „Inside the Vatican“ in englischer Sprache veröffentlicht worden (August/September 2012)]

[Übersetzung des englischen Originals von P. Thomas Fox LC]