Ein Kreuz aus Granatsplittern

Interview mit Kardinal Vinko Pulljic, Erzbischof von Sarajevo

Rom, (ZENIT.org) Antonio Gaspari | 458 klicks

Unter den 36 Sprechern beim nationalen Treffen „Charismatische Erneuerung“ in Rimini (Italien) ist auch Kardinal Vinko Puljić, Erzbischof von Sarajevo, dabei. Er war das zwölfte von dreizehn Kindern und verlor seine Mutter im Alter von nur drei Jahren. Ein Jahr nach seiner Ernennung zum Erzbischof am 19. November 1990 begannen in Bosnien die kriegerischen Auseinandersetzungen. Während der Belagerung Sarajevos machte er durch seine bewegenden Friedensaufrufe und die Verteidigung der unveräußerlichen Menschenrechte gegenüber der internationalen Staatengemeinschaft auf sich aufmerksam. Er riskierte sein Leben und wurde für zwölf Stunden von serbischen Soldaten inhaftiert. Als Ausdruck der Verbundenheit mit den von dem bewaffneten Konflikt betroffenen Bevölkerungen erhob ihn der selige Johannes Paul II. im Konsistorium am 26. November 1994 mit 49 Jahren zum Kardinal. Er ist der erste bosnische Kardinal in der Geschichte. Zu den verschiedenen Ämtern, die er bekleidet, zählt auch die Mitgliedschaft in der internationalen Kommission, die sich mit der Untersuchung von Medjugorje befaßt. ZENIT führte ein Interview mit ihm.

***

Eminenz, wie lernten Sie die „Charismatische Erneuerung“ kennen?

Kard. Puljić: Ich kannte die „Charismatische Erneuerung“ nicht. Es gibt in Bosnien-Herzegowina keine „Charismatische Erneuerung“-Gruppen. Im Rahmen der Synode zur Neuevangelisierung war Salvatore Martinez mit mir in demselben Arbeitskreis. Er erzählte mir über die Bewegung und lud mich nach Rimini ein. „In Ordnung“, antwortete ich, „ich möchte euch kennen lernen.“ In meinem Land gibt es wenige Bewegungen, weil sie während des Kommunismus verboten waren. Nach dem Krieg war die Lage schwierig, jetzt möchten wir diese Gruppen fördern.

Wie waren die Reaktion in Ihrem Land auf die Wahl von Papst Franziskus? Wie sind die Kommentare der Muslime?

Kard. Puljić: Ich bin überrascht und erstaunt über die Reaktionen auf die Wahl von Papst Franziskus. In Bosnien-Herzegowina verfolgten alle Massenmedien, vor allem das Fernsehen, mit großer Aufmerksamkeit das Konklave und die Verkündigung der Wahl des Papstes. Große Begeisterung herrschte auch unter den muslimischen Journalisten, die ausriefen: „Welch großartiger Mann!“ Die Menschen glauben, dass „viel positive Energie aus dieser Wahl hervorgeht.“ Der Heilige Vater wusch Gründonnerstag auch die Füße je eines muslimischen Jungen und Mädchens. Dies war ein Zeichen der Liebe; er wollte ein starkes Zeichen für die Liebe setzen, wie sie Jesus den Aposteln erwiesen hatte.

Was müßte Europa tun, um den Frieden und die Entwicklung in Bosnien-Herzegowina zu unterstützen?

Kard. Puljić: Wenn die Gleichheit der Rechte fehlt, ist es sehr schwierig, einen dauerhaften Frieden zu schaffen. Ich lebe in Sarajewo. Ich beantragte die Erlaubnis zum Bau einer Kirche. Nach vierzehn Jahren habe ich noch keine Erlaubnis erhalten. Wenn es Probleme mit den anderen Religionen gibt, schreitet der Internationale Staatenbund ein. Wenn es sich aber um Katholiken handelt, stellt man nicht denselben Eifer fest. Ich denke, dass Europa unseren Problemen Gehör schenken und uns helfen müsste, um normale Bedingungen zu schaffen. Wo die Gleichheit der Rechte garantiert ist, herrscht Friede. Ich stelle eine gewisse Gemächlichkeit Europas fest. Die europäische Union müsste uns bei dem Versuch helfen, die Entwicklung zu fördern. In meinem Land sind 46 Prozent ohne Arbeit. Das ist ein sehr großes Problem, vor allem unter den jungen Menschen, die auswandern; und ein Land ohne Jugend hat keine Zukunft. Es ist sehr wichtig, Hilfeleistungen für die Entwicklung zu stellen, indem man den Arbeitsmarkt fördert. Es ist auch wichtig, die Kriegsschäden zu reparieren. Es ist leicht, im Krieg zerstörte Häuser wieder aufzubauen; es ist schwieriger, die Wunden in den Herzen der Menschen zu heilen.

Ist es wahr, dass Sie ein Kreuz aus Granatsplittern tragen?

Kard. Puljić: Ja. Es ist nicht das, was ich jetzt trage. Ich erhielt es 1994 als Erinnerung von meinen Priestern: Es ist ein Kreuz aus fünf Granatsplittern, wie die fünf Wunden, die fünf Schmerzen Jesu am Kreuz.

Auf die Frage, was mit Medjugorje geschehen werde, konnte Kardinal Puliic, der Mitglied der internationalen Kommission zu diesem Fall ist, keine Antwort geben, versicherte aber, zu Maria zu beten.