Ein Leben im Dienst der Notleidenden

Bischof Angelo Moreschi wirkt seit 30 Jahren in Äthiopien

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Von Eva-Maria Kolmann

MÜNCHEN, 5. Juni 2012 (ZENIT.org/KIN). - „Abba Angelo, Abba Angelo“, schreien die Kinder, wenn sie den alten, weißen Jeep mit der zersprungenen Frontscheibe erblicken. Auch die Erwachsenen rufen dem Wagen „Abba Angelo“ hinterher. Bischof Angelo Moreschi von Gambella sitzt selbst am Steuer. Ihn erkennt hier jeder schon aus der Ferne. Sogar die vielen Soldaten, die an der Landstraße die Autos anhalten, winken ihm und lassen ihn passieren. Man spürt: Hier ist der aus dem italienischen Brescia stammende Bischof wahrhaft zuhause. „In Äthiopien habe ich das Evangelium wirklich verstanden“, sagt er mit strahlenden Augen.
 
Im Apostolischen Vikariat Gambella stimmt vieles von dem, was sich die meisten Menschen unter Afrika vorstellen. Es gibt sogar noch Löwen und andere wilde Tiere. Das Klima ist extrem heiß; es gibt heftige Unwetter. In diesem Jahr flog bei einem Sturm eine ganze Kapelle einen Kilometer weit weg, berichtet der Bischof. Viele der Kapellen sind nur aus Brettern oder Ästen zusammengefügt.

Leider gibt es hier auch das, was einem zu Äthiopien einfällt: Hunger. Vor allem in der Trockenzeit gibt es fast nichts zu essen. In jeder der zahlreichen Dorfkapellen sieht man Kinder, deren krause Haare von der Unterernährung hell geworden sind. Die meisten von ihnen werden früh sterben, weil sie keine Widerstandskraft haben. Das kleine Mädchen mit dem kunstvollen Geflecht aus Zöpfchen, das in der ersten Reihe so inbrünstig singt, betet und zum Klang der Trommel in die Hände klatscht, ist schon vom Hunger gezeichnet. In den Schoß einer abgemagerten Frau schmiegen sich zwei Babys. Wie lange wird die Mutter noch Milch haben, um sie zu stillen?

Abba Angelo bringt den unterernährten Kindern nährstoffreiche Spezialkekse mit, wenn er die Dörfer besucht. Artig stellen sich die Kleinen auf, warten geduldig, bis jedes von ihnen ein Päckchen erhält. Als der Bischof sie segnet, falten sie brav ihre Hände und beten versunken. Auf dem Altar, der aus Ästen zusammengezimmert ist, liegt Nahrung für ihre Seelen: Eine völlig zerfledderte Kinderbibel von „Kirche in Not“. Immer wieder muss der Katechet ihnen daraus vorlesen. Sie bekommen nicht genug von den Geschichten. Wenn die Kleinen von Jesus hören, strahlen ihre Augen.

Die katholische Kirche ist hier willkommen. Viele Menschen sagen zu den Priestern: „Wenn die katholische Kirche kommt, wird alles fruchtbar. Wo die Kirche ist, ist Wasser. Die Regierung gibt uns schlechtes Wasser, aber die Kirche bringt gutes Wasser. Wir lieben euren Gott, bitte kommt auch zu uns!“ Die Kirche bringt aber nicht nur Wasser, sondern auch Getreidemühlen, Kindergärten und Hilfe bei der Entwicklung der Landwirtschaft.

Und sie möchte Versöhnung zwischen den Stämmen stiften. Immer wieder kommt es zu blutigen Fehden – insbesondere zwischen den Stämmen, die Ackerbau betreiben, und denen, die Viehherden weiden. Das Vieh frisst die Ernte ab, die Bauern nehmen den Hirten Weidefläche weg. „Es ist der Konflikt zwischen Kain und Abel, den wir aus der Bibel kennen“, sagt Bischof Angelo. „Immer wieder werden Menschen deswegen getötet.“ Die Kirche möchte die verfeindeten Stämme lehren, dass es andere Lösungen für Konflikte gibt als die Sprache der Waffen.

Bischof Angelo feiert am 13. Juni seinen 60. Geburtstag. Seit 30 Jahren lebt und arbeitet er schon in Äthiopien. Sein Hirtendienst hat schon heute Spuren hinterlassen. Seine Gesundheit ist ruiniert, sein Leben hat er an die Menschen verschenkt, die er liebt. Manche Kinder im Apostolischen Vikariat Gambella nennen jeden Weißen „Abba Angelo“. Sie können sich nicht vorstellen, dass es weiße Menschen gibt, die nicht wie er sind.

Und doch ist es fraglich, wie die Geschichte enden wird. Die Lage in der Region ist hochexplosiv. Reiche Ausländer kaufen riesige Landflächen auf, die so groß sind wie manche europäischen Länder. Mit jedem Flugzeug kommen ausländische Investoren, die Einheimischen werden hingegen enteignet. Erst kürzlich wurden acht Männer erschossen, die von auswärts kamen und auf einer Farm arbeiteten. Kurz darauf geschah ein Mord an einem Pakistaner, einem Großgrundbesitzer.

„Stellt euch vor, halb Deutschland würde an Inder und Pakistaner verkauft“, erklärt Bischof Angelo. Die einheimische Bevölkerung profitiert nicht davon, sondern wird ihrer Lebensgrundlage beraubt. Noch mehr Menschen hungern, die Hirten finden keine Weide mehr für ihr Vieh, die Wälder werden zerstört. Hass und Unruhe nehmen zu. Die Wut wächst, die Armee versucht, die Lage im Griff zu behalten. Aber auch gegen die Soldaten regt sich Widerstand, denn oft misshandeln sie die Bevölkerung. Dazu kommen der Krieg zwischen Nord- und Südsudan, der Zustrom von Flüchtlingen aus dem Nachbarland und die Zunahme von Gewalttaten durch Rebellen im Grenzgebiet.

Ein einheimischer Priester sagt: „Sie werden hier noch alle Ausländer töten.“ Auch der Bischof und die ausländischen Priester müssten sich Sorgen machen, meint er. Bischof Angelo will es nicht glauben: „Quatsch, die Leute kennen uns hier doch! Ihr habt doch gesehen, wie sie uns zugewinkt haben!“ Und doch: Ein Zweifel bleibt. Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, dass die Stimmung kippt.