Ein Leben zwischen zwei Päpsten

Interview von "Il Messaggero" mit Msgr. Georg Gänswein, Präfekt des Päpstlichen Hauses

Rom, (ZENIT.org) Maike Sternberg-Schmitz | 615 klicks

In seiner Ausgabe von Dienstag, dem 22. Oktober, veröffentlichte die römische Tageszeitung „Il Messaggero“ ein Interview mit dem Privatsekretär von Papst Emeritus Benedikt XVI. und dem heutigen Präfekten des Päpstlichen Hauses, Kurienerzbischof Georg Gänswein. Er hält es für irreführend, von einer gegenwärtigen Revolution zu sprechen, denn eine solche habe bereits vorher begonnen.

Die Arbeit für zwei Päpste sei, so Gänswein, eine Herausforderung, abgesehen von dem Umfang an Arbeit, den es zu bearbeiten gelte. Manchmal würde er gerne einen Vorgänger um Rat bitten, jedoch gebe es diesen nicht, da niemand vor ihm eine solche Aufgabe gehabt habe. Er befolge die Worte von Papst Franziskus: sich niemals in sich selbst verschließen und keine Angst haben. Zunächst habe seine ganze Aufmerksamkeit Benedikt XVI. gegolten; nun liege sie bei Papst Franziskus, aber in erster Linie verrichte er seinen Dienst für den Herrn und für die Kirche. Zu Beginn habe es einige unangenehme Situationen aufgrund von Missverständnissen und Eifersüchteleien gegeben, aber mittlerweile hätten sich die Wogen geglättet, so Gänswein.

Auf die Frage, ob das Risiko bestehe, dass es einen Papst und einen Gegenpapst gebe, sagte er: „Überhaupt nicht. Es gibt einen amtierenden Papst und einen emeritierten. Wer Benedikt XVI. kennt, weiß, dass diese Gefahr nicht besteht. Er hat sich nie eingemischt und wird sich nie in die Führung der Kirche einmischen; das ist nicht sein Stil. Der Theologe Ratzinger weiß überdies, dass jedes seiner Worte in der Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde und alles, was er sagen würde, als pro oder contra zu seinem Nachfolger gesehen werden würde. Aus diesem Grund wird er öffentlich nicht intervenieren. Glücklicherweise ist die Beziehung zwischen ihm und Franziskus von ehrlicher Wertschätzung und brüderlicher Zuneigung geprägt.“

Über das Leben von Benedikt XVI. in einem Kloster auf vatikanischem Boden sagte er: „Es geht ihm gut, er betet, liest, hört Musik, er widmet sich der zahlreichen Korrespondenz und empfängt Besuch; wir machen jeden Tag einen gemeinsamen Spaziergang im Wäldchen hinter dem Kloster und beten dabei den Rosenkranz. Seine Tagesabläufe sind gut geplant.“

Für ihn, Gänswein, sei der Rücktritt Benedikt XVI. nicht vollkommen überraschend gekommen. Er habe von seiner Entscheidung seit einiger Zeit gewusst, habe aber mit niemandem darüber gesprochen. Der Tag der Mitteilung, der 11.Februar, sei unvergesslich. Die Zeit nach dem 28. Februar sei schwierig gewesen, als sie den Vatikan verlassen hätten. Er werde nie den Moment vergessen, als er die Lichter des Papstapartments mit Tränen in den Augen ausgeschaltet habe. Dann die schnelle Autofahrt zum Flugplatz des Helikopters, der Flug nach Castel Gandolfo, die Ankunft, der letzte Gruß Benedikt XVI. vom Balkon und die Schließung des Tors des Palazzos. Der ganze Monat März sei hart gewesen, auch, weil nicht klar war, wen das Konklave wählen würde. Glücklicherweise habe sich mit dem neuen Papst gleich eine menschliche Beziehung der Zuneigung und Wertschätzung entwickelt, auch wenn Benedikt und Franziskus zwei Menschen mit unterschiedlichen Stilen und Persönlichkeiten seien. Manch einer habe diese Unterschiede als gegensätzlich interpretiert, was aber nicht den Tatsachen entspreche.

Bezüglich Papst Franziskus und seine Kirche für die Armen sagte Gänswein: „Ich versuche immer mehr zu verstehen, was dies bedeutet. Eins scheint mir klar zu sein: Der Ausdruck ‚Arme Kirche‘ scheint zu einem roten Faden des päpstlichen Amts von Papst Bergoglio geworden zu sein. Aber in erster Linie ist es kein soziologischer Ausdruck, sondern ein theologischer, in dessen Zentrum der arme Christus steht, und von dort aus folgt alles. Ohne Zweifel berührt es den Lebensstil eines jeden Christen; er fordert eine besondere Aufmerksamkeit für die Leidenden und Kranken und alle Armen im engeren Sinn. Wenn man in die Vergangenheit schaut, so bemerkt man, dass Papst Franziskus in Rom das realisiert, was er zuvor in Buenos Aires getan hat. Er hat weder seine Linie noch seinen Stil verändert. Wenn, dann ist der Ausgangspunkt ein anderer.“ Und auf die Frage hin, welcher das sei, antwortete er: „Dass er mit seinem Beispiel allen ein kostbares Zeugnis anbietet. Das persönliche Beispiel ist eine pastorale Methode.“

Gänswein distanziert sich von dem Begriff der „Revolution“, der derzeit häufig verwendet wird. Es erscheine ihm vielmehr ein Slogan der Medien zu sein, den diese nur allzu gerne verwendeten. Sicherlich hätten viele Gesten und Initiativen des Papstes alle überrascht und würden noch immer überraschen, aber es sei normal, dass ein Pontifikatswechsel Veränderungen auf verschiedenen Ebenen mit sich bringe. Der neue Papst müsse zwangsläufig eine Gruppe von Menschen um sich versammeln, denen er vertraut. Das sei keine Revolution, sondern schlicht und einfach ein Akt von Führung und Verantwortung.

Er fuhr fort, die Gruppe der acht Kardinäle sei eine große Überraschung gewesen, eine der vielen. Aber wenn man genau hinschaue, werde klar, dass dies ein Teil der Aufgaben der Kardinäle sei, den Papst zu beraten. Er halte es für übertrieben, nach einem Treffen bereits definitive Ergebnisse sehen zu wollen. Zunächst gebe es die Phase der Überlegungen, der Diskussion, der Vertiefung. Er gebe zu, so Gänswein, auf das Ergebnis neugierig zu sein.

Auf die Frage, ob die Rationalisierung auch personelle Einschnitte bedeute, antwortete Gänswein: „Vielleicht sollte man zunächst die Begriffe klären. Was meint man, wenn man von Rationalisierung spricht? Es ist klar, dass der Heilige Stuhl die Verantwortung gegenüber allen hat, die in den verschiedenen Kongregationen arbeiten. Rationalisierung ist ein Wort, das eine Erklärung erfordert, ansonsten bleibt es ohne Sinn. Ich füge hinzu, wenn wir beispielsweise unsere Angestellten mit denen der deutschen Diözesen vergleichen, sind letztere maßvoll.“

Die letzte Frage an den Präfekten des Päpstlichen Haushalts betraf die Vatikanbank IOR, ob Papst Benedikt XVI. über die Entlassung von Ettore Gotti Tedeschi informiert worden sei. Gänswein sagte, er könne sich gut an diesen Augenblick erinnern, am 24. Mai. Das sei der Tag gewesen, an dem auch der Kammerdiener Paolo Gabriele verhaftet worden sei. Im Gegensatz zu allen Vermutungen habe es keine Verbindungen zwischen den beiden Ereignissen gegeben; es sei ein unglücklicher Zufall gewesen, fast teuflisch. Benedikt XVI. habe Tedeschi geschätzt und habe ihn gemocht, aber aus Respekt vor den Kompetenzen der Verantwortlichen, habe er in dem Moment nicht interveniert. Im Anschluss habe er den Kontakt zu Tedeschi in angebrachter und diskreter Form beibehalten.