Ein Mann des Glaubens und der Kirche in allen Lebenslagen

Zum 100. Geburtstag von Pietro Kardinal Palazzini (1912-2000), eines Seelsorgers, Gelehrten und Gerechten unter den Völkern

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Von Ulrich Nersinger*

ROM, 18. Mai 2012 (ZENIT.org). - Am 19. Mai 1912 wurde in Piobbico, in den italienischen Marken, Pietro Palazzini, eines der verdienstvollsten und angesehensten Mitglieder des  Kardinalskollegiums geboren. Der Purpurträger entstammte einfachen Verhältnissen; der Vater war Droschkenkutscher gewesen, die Mutter Schneiderin. Während seines Studiums im „Seminario Pio XI“ der Diözese Fano erhielt er ein Stipendium, mit dem er in das römische Priesterseminar wechselte und an der Päpstlichen Lateranuniversität die Kurse in Theologie und kirchlichem wie weltlichem Recht belegte. Er erwarb ausgezeichnete Doktorate in beiden Disziplinen. Nach einem Jahr als Vizedirektor des bischöflichen Seminars von Cagli wurde er nach Rom zurückberufen und bekleidete dort von 1942 bis 1945 das Amt eines Assistenten und Vizerektors des „Seminario Romano Maggiore“ beim Lateran. Im Juli 1945 wurde er mit der Professur für Moraltheologie an der Päpstlichen Lateranuniversität betraut. Elf Jahre lang dozierte er, bis er 1956 von Papst Pius XII. (1939-1958) zum Untersekretär der Religiosenkongregation ernannt wurde. Am 18. Dezember 1958 erfolgte die Berufung zum Sekretär der Konzilskongregation („Sacra Congregazione del Concilio“ war die Bezeichnung für die spätere Kleruskongregation).

Mit dem Datum vom 28. August 1962 verlieh ihm der selige Johannes XXIII. (1958-1963) die Würde eines Titularerzbischofs von Cäserea in Kappadozien; die Bischofsweihe spendete ihm knapp einen Monat später, am 21. September, der Heilige Vater selber. Mit großen Interesse und Engagement nahm Monsignore Palazzini am II. Vatikanischen Konzil teil. Im Konsistorium vom 5. März 1973 empfing er aus den Händen Papst Pauls VI. (1963-1978) das Rote Birett und erhielt die Diakonie S. Pier Damiani ai Monti di S. Paolo zugewiesen (ein Jahr später optierte er auf die Diakonie S. Girolamo della Carita; 1983 wechselte er in die Rangklasse der Kardinalpriester, gleichzeitig wurde seine Diakonie „pro hac vice – für dieses eine Mal“ zur Titelkirche erhoben).

Am 27. Juni 1980 ernannte ihn der selige Johannes Paul II. (1978-2005) zum Präfekten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsverfahren; dieser Verpflichtung widmete er sich mit beachtlichem Arbeitseifer. In seine Amtszeit fiel die Umstrukturierung der Kongregation und Neuregelung der Selig- und Heiligsprechungsverfahren. 1984 war an seiner Behörde ein Studium zur Ausbildung von Mitarbeitern in Beatifikations- und Kanonisationsprozessen errichtet worden, die Eröffnungsvorlesung eines neuen Kurses übernahm er stets selber. Am 1. Juli 1988 trat er aus Altersgründen von seinem Amt als Präfekt der Kongregation zurück. Im Oktober des Jahres 2000 gab der Kardinal seine unsterbliche Seele dem Schöpfer zurück.

Beachtlich ist, was Palazzini auf wissenschaftlichem und publizistischem Gebiet leistete. Er war u. a. der Hauptbegründer des zwölfbändigen hagiographischen Standardwerkes „Bibliotheca Sanctorum“ und Gründer der theologischen Zeitschrift „Studi Cattolici“, er zeichnete verantwortlich für den „Dizionario di teologia morale“ (1955) und den sechsbändigen „Dizionario dei Concilii“  (1963); mit großem Eifer und Fachwissen versah er die Aufgaben eines Redakteurs der „Enciclopedia Cattolica Italiana“. Der „Osservatore Romano“, die Tageszeitung des Vatikans, verdankt ihm eine Vielzahl von qualifizierten und aufschlussreichen Artikeln.

1985 waren viele Katholiken überrascht, als sie erfuhren, dass der Kardinal mit der höchsten Ehrung bedacht wurde, die der Staat Israel einem Nicht-Juden verleiht. Am 19. August 1953 war im israelischen Parlament, der Knesset, das „Gesetz zum Andenken an die Märtyrer und Helden – Yad Vashim“ verabschiedet worden. Mit ihm wurde die Gründung einer Holocaust-Gedenkstätte erwirkt, in der man der Opfer der Shoa, aber auch der Nichtjuden gedachte, die sich in dieser dämonischen Zeit als „gerecht“ erwiesen hatten. Eine hochrangige Kommission unter der Leitung des Obersten Gerichtshofs des Staates Israel verleiht an Menschen, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens Juden vor dem Tode bewahrten, den Titel „Gerechter unter den Völkern“.

Das, was in jüdischen Augen von todesverachtendem Mut, konsequentem Handeln und tiefer Menschlichkeit zeugte, hatte sich in den Jahren 1943 bis 1944 in Rom zugetragen, im Priesterseminar der Diözese des Papstes, als Don Pietro Palazzini dort die Ämter eines Assistenten und Vizerektors innehatte. Über die Geschehnisse, die sich in der Zeit der deutschen Besatzung Roms in seiner Arbeitsstätte ereigneten, schwieg der Purpurträger zumeist. Erst 1995 konnte man ihn dazu bewegen, seine Erinnerungen aufzuschreiben; er gab ihnen die Überschrift „Il Clero e l’occupazione tedesca di Roma – Il ruolo del Seminario Romano Maggiore – Der Klerus und die deutsche Okkupation Roms – Die Rolle des römischen Priesterseminars“ (Roma 1995).

Viele Menschen, die nun um ihr Leben fürchten mussten, fanden im Vatikan, in dessen exterritorialen Besitzungen und vielen katholischen Ordenshäusern Unterschlupf – die Order hierzu war aus dem Apostolischen Palast, von Papst Pius XII. höchstpersönlich, gekommen. Auch am Lateran richtete man sich auf einen Zustrom von Flüchtlingen ein. Die exterritoriale Zone bei der Bischofskirche des Papstes umfaste die Basilika, das Gebäude der „Scala Santa“ (Heilige Stiege), den Apostolischen Palast, die Residenzen der Kanoniker und Beichtväter, die Universität und das römische Priesterseminar. Jeder, der in der exterritorialen Zone des Laterans Zuflucht fand, hatte eine Erklärung zu unterzeichnen: Er versprach die Neutralität des Vatikanstaates zu respektieren und nichts zu unternehmen, was dieser Neutralität hätte schaden können.

Oft war es Don Pietro Palazzini, der gefährdete Personen in den sicheren Lateran brachte. In der zweiten Septemberhälfte des Jahres 1943 bat ihn der Rektor, die Wohnung von Monsignore Pietro Barbieri in der Via Cernai, Nr. 14, aufzusuchen. Dort befände sich eine Person, die so schnell wie möglich in Sicherheit gebracht werden müsse. Im Haus von Mons. Barbieri [1], einem Beamten der römischen Kurie, traf er auf seinen Schutzbefohlenen. Der Unbekannte setzte sofort eine Sonnenbrille auf; dann verließen sie das Haus. Da ihnen kein Auto zur Verfügung statt, fuhren sie mit der Linie 16 der römischen Straßenbahn in Richtung Lateran. Die Fahrt verlief ohne Zwischenfälle, so dass Palazzini seinen Begleiter bald zu seinem Zimmer im Seminar führen konnte. Der Neuzugang war kein Geringerer als der Sozialistenführer Pietro Nenni.

Noch viele andere Personen, die später im italienischen Staat an entscheidender Stelle Verantwortung übernahmen, sollten im Seminar Aufnahme finden. Ein weiterer berühmter Politiker war „Porta“. Der Betreffende hatte sich so genannt, weil an seiner Zimmertür immer noch der Name des Seminaristen, der hier seine Kammer gehabt hatte, stand: Don Alfonso Porta.  Hinter dem Pseudonym verbarg sich Alcide De Gasperi.  Fast die gesamte Führungsgruppe des „Comitato Liberazione Nazionale – C.L.N.“ (Komitee zur Nationalen Befreiung), an ihrer Spitze der ehemalige Ministerpräsident Italiens, Ivanoe Bonemi, lebte im römischen Priesterseminar.

Ein Blick auf die Berufe der Personen, die Unterschlupf im römischen Seminar fanden, zeigt ein breites soziales Spektrum: im Hause befanden sich Ex-Minister und Angehörige des Adels, Senatoren, Generäle und einfache Soldaten, Professoren und Studenten, Ärzte, Ingenieure, Unternehmer, Kaufleute, Angestellte und Arbeiter. Im Seminar selber fanden 200 Verfolgte Zuflucht, auf dem gesamten Gebiet der exterritorialen Zone des Laterans waren es 1068 Menschen. Palazzinis besondere Sorge galt den jüdischen Mitbürgern, denen er im römischen Priesterseminar eine sichere Heimstätte gegeben hatte.

Diese Mitmenschen mosaischen Bekenntnisses waren aber nicht die einzigen ihres Volkes, die ihr Leben Pietro Palazzini zu verdanken hatten. Über weitere Namen und die nicht ungefährliche Aktionen zur Rettung von Juden schwieg der Kardinal beharrlich. Aber es dürften noch sehr viele mehr gewesen sein, die dank seiner Bemühungen der Folter in der Via Tasso, dem Sitz der Gestapo und des SD, entgingen und denen der Weg in die Todeskammern der Konzerntrationslager erspart blieb.

Zu einer nicht abzuschätzenden Gefahr für die exterritoriale Zone des Laterans wurde der unfreiwillige Aufenthalt einer der wichtigsten Personen des italienischen Widerstands. General Roberto Bencivenga hatte sich in den Lateran begeben, um zu einem kurzen Gespräch mit Ivanoe Bonomi zusammenzutreffen. Beim Verlassen des Seminars rutschte er auf dem glatten Marmorboden aus; er fiel so unglücklich, dass er sich den Oberschenkel brach. Den General in ein Krankenhaus zu bringen, ohne dass er Gefahr lief, in die Hände der Nazis zu fallen, schien unmöglich. Palazzini entschied sich spontan, den General im Seminar zu verstecken und ihn dort behandeln zu lassen.

Auch in eine weitere gefährliche Situation war Palazzini persönlich involviert (später betrachtete er sie eher mit einer gewissen Heiterkeit). Pietro Nenni hatte im Seminar begonnen, die Geschichte der Sozialistischen Partei zu schreiben. Bevor er das Seminar aus Sicherheitsgründen verließ, übergab er seine Aufzeichnungen Palazzini. Der Priester wollte in diesen unsicheren Tagen die Blätter nicht im Hause deponieren. Er überlegte, wo er das Manuskript verstecken könnte. Er ging dann in den großen Verschlag, in dem die Kühe und Schweine zur Versorgung des Laterans untergebracht waren; dort schob er es provisorisch zwischen die Strohballen.

Die folgende Zeit waren so ereignisreich, dass er auf Nennis Niederschrift vergaß. Einige Tage später kam der Kuhhirte zu ihm, vor Aufregung am ganzen Leib zitternd. Als er die Tiere mit Stroh füttern wollte, hatte er das Manuskript gefunden und auf dem Titelblatt den Namen Nennis gelesen. Die Person, zu der er am meisten Vertrauen hatte, war Palazzini, und so ging er mit seinem brisanten Fund zu ihm. Zur Erleichterung des Priesters sprach der verängstigte Kuhhirte mit niemandem über die Angelegenheit. Am 5. Juni ließ Palazzini das Manuskript seinem Besitzer wieder zukommen.

Viele, denen das „Seminario Maggiore Romano“ Zuflucht geboten hatte,  vergaßen nach der Befreiung Roms ihre Wohltäter nicht. Das Seminar erhielt schon in den Tagen, die auf den 4. Juni 1944 folgten, eine Reihe von Dankesschreiben; unter diesen befanden sich Briefe von Alcide De Gasperi, Roberto Bencivenga und Pietro Nenni. Pietro Palazzini und viele andere Priester der Ewigen Stadt waren keine Männer, die Ehre suchten. Das, was sie taten, empfanden sie als selbstverständlich. Es kam ihnen nicht in den Sinn, in ihrem Handeln etwas anderes zu sehen, als das, was von ihnen als Christ und Priester gefordert war. Von all diesen stillen Helden war immer nur zu hören: „Wir haben doch nur unsere Pflicht getan!“

[1] Die Stadt Rom ehrte Monsignore Pietro Barbieri (1883-1963), indem  sie am 9. Dezember 1976 eine Straße (zwischen der Basilika S. Maria degli Angeli und der Via Cernai) nach ihm benannte.

*Ulrich Nersinger ist Historiker und Spezialist für Geschichte der Päpste und des Vatikanstaates. Er studierte Philosophie und Theologie in Bonn, Wien und Rom und am Päpstlichen Institut für Christliche Archäologie. Er ist Mitglied der „Pontificia Accademia Cultorum Martyrum“. Unter seinen zahlreichen Veröffentlichungen sind ein zweibändiges Werk „Liturgien und Zeremonien am Päpstlichen Hof" und sein neuestes Werk „Tiara und Schwert - Die Päpste als Kriegsherren“.