"Ein Mensch aus meiner Kindheit"

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 347 klicks

Ich Habe beschlossen, Ihnen von meiner großen Versuchung und Sünde, die mich immer mehr quälen, zu erzählen. Mein Leben war erfüllt von großen Traumen: der Ehemann ist ein chronischer Alkoholiker, die Schulung der Kinder, ich bin beim Arbeitsamt arbeitslos gemeldet… Ich bin gläubig, habe regelmäßig die Sakramente empfangen und Frömmigkeit der ersten Freitage mitgemacht…

Aber, nun? Neulich ist er erschienen: ein Mann aus meiner Kindheit. Er war Ministrant in der Kirche und begleitete mich als kleines Mädchen nach Hause. Mit fünfzehn Jahren ging er zur Militärschule. In der Fremde heiratete er zivil, und er hat Kinder.

Er kam zum Besuch zu seiner alten Mutter. Die erste Begegnung war für uns beide eindrucksvoll. Seit der Zeit bin ich nicht mehr eine normale Person. Anrufe, Begegnungen… Ich erkenne mich nicht mehr wieder. Ich lebe in Sünde, zur Kommunion kann ich nicht, ich kämpfe mit mir selbst. Er ebenso, kann nicht ohne mich, er möchte, dass alles geheimbleibt. Bald kehrt er hierher  zurück, er will hier wohnen… Meine Wunden werden immer größer…

Ich bete zu Gott und zur Seligen Jungfrau Maria, dass sie mir den Weg zeigen, aber ich bin schwach. Was passiert mir in diesem meinem Alter? Ich verachtete immer solche Frauen, nun bin ich eine von ihnen. Gott, vergib mir! Ich kann nicht ohne ihn und er nicht ohne mich. So kann ich die Kommunion nicht empfangen… Wie kann ich aus dieser Sünde herauskommen?

Sünderin N. N.

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Einige Gedanken – und du sollst überlegen und entscheiden – für dieses und für das ewige Leben!

1.  Warum hast du gezweifelt? Du sagst: „Ich kann nicht ohne ihn und er nicht ohne mich.“ Das sind schwere Worte: „ich kann nicht“, „er kann nicht“… Und diese Worte sind gar nicht wahr. Das ist eine lügnerische Selbstsuggestion. Der Glaube sagt uns, dass jeder Mensch namentlich sich in den Händen Gottes befindet. Er ist unser Schöpfer, der uns kennt. Er ist unser Vater, der uns liebt. Er ist die Macht, die uns ermuntert. Er ist das Licht, vor dem unsere Finsternis, unsere Zweifel, unsere Sünden verschwinden… Er ist die Wärme, die uns warm macht…

Jesus, der Sohn Gottes, unser Heiland hat ein Herz: er verstehet, er liebt, er ermuntert, er heilt, er gibt dauernd Kraft, dass wir mit ihm sein können: denken wir an Maria Magdalena. An die Frau aus Samarien, an Zachäus, an Petrus…! Sie sind gefallen, und er hat sie wieder aus der Sünde herausgeholt. Jesus hat bis jetzt noch nie ein menschliches Herz und ein menschliches Schicksal verlassen, und das tut er in Zukunft auch nicht; er hat auch Judas nicht verlassen, aber dieser wollte nicht zurück. Für Jesus ist jeder von uns wichtig. Er ist ein Gott des Herzens, immer in uns und bei uns gegenwärtig, immer lebendig und uns immer nahe. Er liebt uns mehr als unsere eigene Mutter. Er stärkt unsere Schwäche, gießt uns einen neuen Glauben ein, er schafft Begeisterung in uns, erneuert den Mut. Er will, dass wir die Welt mit seinen Augen sehen: mein Leben, alles, was sich in mir und um mich herum ereignet, jede Sünde und jede Hoffnungslosigkeit… Er ist gegenwärtig, und er tadelt meine Untreue: „Kleingläubiger (Kleingläubige), warum hast du gezweifelt?“

Auch du, meine Schwester, siehe dich mit seinen Augen an! Bete zu Ihm, dass er dir seine Gottmenschliche Augen gibt, damit du im Glauben und durch den Glauben dich selbst, dein Leben, deine Ehe, deinen Ehemann, deine Kinder und den „Menschen aus deiner Kindheit“ sehen kannst (ja, auch ihn!), der nach vielen Jahren unerwartet erschienen ist und nach kurzer Zeit in dein Leben und deine Ehe eingetreten ist, wodurch alles ins Wanken geraten ist, alles wird erschüttert und zum Staub gemacht…

2.  Warum hast du der Versuchung nachgegeben? Jesus hat zu den Pharisäern, Theologen, Juristen, den Ehemännern und Ehefrauen, den Jüngern, dir und mir gesagt: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen Ehebruch mit ihr begangen“ (Mt 5, 27-28). Dieses „Wer“ bezieht sich gleichermaßen auf den Ehemann wie auch auf die Ehefrau. Jesus verurteilt nicht jeden Gedanken an Mann oder an Frau, sondern die Begierde (Libido, Unzucht), die bereits den fremden Mann oder die fremde Frau erobert hat.

Als Johannes der Täufer zu Herodes Antipas sagt: „Du hattest nicht das Recht, die Frau deines Bruders zur Frau zu nehmen!“ (Mk 6, 18), verurteilt er seine Unzucht, weswegen er seine eigene rechtmäßige Ehefrau vertrieben hat, die Tochter Arets, des Königs von Nabatei, um zu sich die Frau seines Bruders Philipps zu nehmen. Aber er verurteilt gleichermaßen die Begierde Herodias, wegen der sie ihren rechtmäßigen Ehemann verlassen hatte. Sie hat das gut begriffen und war auf den Propheten sehr wütend bis sie es nicht erreicht hatte, ihn enthaupten zu lassen. Jesu Worte sind eindeutig: „Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet“ (Mk 10, 11).

3.  Gehst du in die Kirche, in der du deine Ehe geschlossen hast und überlege dir: hier habt ihr einander die Treu bis zum Tod geschworen: dein rechtmäßiger Ehemann und du, und dann sind als die Frucht euerer Liebe auf die Welt euere rechtmäßige Kinder gekommen. Die Ehe bedeutet Beziehung zu einem Mann, und aus Begierde (Unzucht) einen anderen zu wollen, bedeutet Ehebruch! „Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist“ (Mt 19, 11): gegeben ist in der Gnade des Glaubens! Diese Gnade des Glaubens hattest du, und deshalb hast du ihn zum Ehemann genommen, und du warst ihm treu bis jetzt. Das Sakrament der christlichen Ehe kann nur im Glauben verstanden werden, in der Annahme der Offenbarung Gottes, und nicht vom psychologischen, soziologischen, wirtschaftlichen Aspekt her und aus anderen verschiedenen Interessen: das ist Gnade und basiert auf der Kraft, die Christus ist. Eine katholische Ehe ist in Ordnung nur dann, wenn zwei in Christus vereinigt sind, wenn „Er unter ihnen“ ist (Mt 18, 20). Er selbst, mit seiner Güte, mit seinem Ertragen, Leiden, Liebe und Vergebung mit bis zu „siebzig mal sieben“ am Tag (Mt 18, 22).

4.  Warum machst du mit dem „Mann aus deiner Kindheit“ nicht Schluss? Du sagst: „Seit der Zeit bin ich nicht mehr normal. Anrufe, Begegnungen… Ich erkenne mich nicht mehr wieder. Ich lebe in Sünde, ich darf nicht zur Kommunion gehen, ich kämpfe mit mir selbst. Er genauso – er kann nicht ohne mich, er will, dass alles geheimbleibt. Bald kommt er hierher zurück, er möchte hier wohnen… Meine Wunden werden immer größer…“ Und noch das: „Ich bete zu Gott und zu der Seligen Jungfrau Maria, dass sie mir den rechten Weg zeigen, aber ich bin schwach.“

Die eheliche Reinheit, die Liebe, Treue, das Sakrament, die Gerechtigkeit dem Ehemann und den Kindern gegenüber werden mit den Füssen zertreten. Lüge, Heuchelei und aufmerksames Hüten der Sünde des Ehebruchs im Herzen: „Er will, dass alles geheimbleibt“; das ist alles typisch, wenn damit angefangen und fortgesetzt wird… Du betest darum, dass Gott die nach der Fürsprache der Mutter Gottes „den rechten Weg zeigt“. Er hat dir den Weg gezeigt, und deshalb hast du in der Kirche deine Ehe geschlossen, du hast die dornenreiche Liebe und das tägliche Kreuz angenommen. „Und das passiert mir in diesem meinem Alter… Ich habe solche Frauen immer verachtet, nun bin ich eine von ihnen.“ Und dann das Seufzen: „Gott, vergib mir! Ich kann nicht ohne ihn, und er nicht ohne mich.“ Es geschieht nichts ohne dich. Dein Gebet ist nicht aufrichtig, denn du trennst dich nicht von diesem Ankömmling. Wenn du ehrlich und aufrichtig vor deinem Gewissen und vor Gott dich von ihm zu trennen wünschst und willst, und wenn du das auch durch die völlige gesellschaftliche Trennung beweist ( = kein Brief, kein Telefon, kein Zusammentreffen, nichts von ihm hören, sich nie mehr mit ihm treffen), dann wirst du zeigen und beweisen, dass du ernsthaft mit ihm Schluss machen willst. Es ist nicht wahr, dass du „ohne ihn nicht kannst“: das ist eine Autosuggestion deiner Sensibilität, deiner Nerven, deiner Memorie und der neuerwachten Begierde, der neuen Unzucht. Du musst ehrlich und aufrichtig bekennen: ich will nicht ohne ihn! Und das bedeutet den Untergang deiner Familie, des rechtmäßigen Ehemannes, der Kinder… Eine Katastrophe größer als die Zerstörung der Zwillingstürme am 11. September 2001 in New York. Du wirst nie glücklich sein. Die Wunde in deinem Herzen wird nie mehr verheilen. Der Skandal wird groß sein. Deine Ewigkeit stellst du in Frage.

Du hast vergessen, dass du in der Gnade des Ehesakramentes alle Versuchungen besiegen kannst! Du vergisst, dass du dich als verheiratete Frau und als Mutter in dieser unrechtmäßigen und nicht erlaubten „neuen Liebe“ ( = Begierde, Unzucht…) nie in Freude, in Ruhe, im Frieden des Herzens in der Beziehung mit einem fremden Ehemann verwirklichen kannst… Nie! Davon erzählt uns die Erfahrung der Katholischen Kirche, davon erzählt uns gewöhnliche Psychologie, sogar die laizistische Ethik, während die gierige menschliche Selbstüberzeugung, sein Elend und seine Arroganz beweisen wollen, dass es nicht so sei… Er gehört dir nicht, und das kann er gar nicht, solange dein Ehemann am Leben ist. Auch deshalb gibt es wenig echte Liebe auf der Welt, weil sie durch Opfer, Verzicht, Leid, Selbstentsagung entsteht, erhalten und gelebt wird, vor allem dann, wenn irgendeine Versuchung besiegt werden soll. Dann kannn man aufrichtig und ehrlich beten. Dann ist Gott mit uns und für uns, wie wir am Anfang dieser Antwort gesagt haben.

5.  Und zum Schluss: Jesus ist klar: „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut. Darum sage ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird dem Menschen vergeben werden, aber die Lästerung gegen den Geist wird nicht vergeben. Auch dem, der etwas gegen den Menschensohn sagt, wird vergeben werden; wer aber etwas gegen den Heiligen Geist sagt, dem wird nicht vergeben, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt“ (Mt 12, 30-32). Lästerung gegen den Heiligen Geist? Was ist das? Nach so vielen von Gott erhaltenen Gnaden durch die Beichte, Kommunion, Gebete, gute Werke, in eine schwere Sünde geraten, und nicht wollen, auf sie zu verzichten, sie zu verlassen… Über eine solche Sünde sagt der Katechismus (Nr. 1864):„Die Barmherzigkeit Gottes ist grenzenlos; wer sich aber absichtlich weigert, durch Reue das Erbarmen Gottes anzunehmen, weist die Vergebung seiner Sünden und das vom Heiligen Geist angebotene Heil zurück. Eine solche Verhärtung kann zur Unbußfertigkeit bis zum Tod und zum ewigen Verderben führen.“ Gott bewahre uns vor einer solchen Verhärtung, Schwester! Übrigens, wissen wir weder den Tag noch die Stunde, wann der Tod an der Türe unseres Lebens anklopfen wird: sind wir dann bereit…?!

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Drei: Sünde – Bekehrung,  Split, 2004, Seiten 372-375)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.