"Ein Militärschlag würde die humanitäre Lage der Zivilbevölkerung extrem verschlechtern"

Statement von Dr. Oliver Müller, Leiter von Caritas International, zur Syrienkrise

Fulda, (DBK PM) | 362 klicks

Wir übernehmen das Statement von Dr. Oliver Müller, Leiter von Caritas International, im Pressegespräch zum Thema „Die politische Lage in Syrien und die Herausforderung des Flüchtlingsdramas“ am 25. September 2013 in Fulda zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz.

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Mittlerweile ist jeder dritte Syrer aufgrund der Gewalt in seiner Heimat auf Hilfe angewiesen. Das sind fast sieben Millionen Menschen. Das syrische Flüchtlingsdrama ist damit eine der größten humanitären Katastrophen der vergangenen zehn Jahre. Jeden Monat sterben seriösen Schätzungen zufolge 5.000 – 6.000 Menschen. Kranke und Verwundete können schon seit längerem nur noch unter Lebensgefahr behandelt werden. Hunderttausende Kinder gehen nicht mehr zur Schule.

Die Menschen sind extrem verzweifelt. Der Druck, dem die Flüchtlinge und Vertriebenen ausgesetzt sind, ist unvorstellbar hoch. Wir spüren das jedes Mal aufs Neue bei unseren Besuchen in den Caritas-Zentren. Die ungewisse Zukunft, die Sorge um die Angehörigen – all das schlägt sich in den Seelen der Flüchtlinge nieder. Viele sind traumatisiert von der Gewalt, man spürt dies in jedem Gespräch. Ihre Gesichter sind ausgezehrt, die Augen leer. Und wer jetzt kommt, zweieinhalb Jahre nach Beginn des Bürgerkrieges, hat in den allermeisten Fällen nichts außer den Dingen, die er am Körper trägt. Das sind Menschen, die monatelang in Homs und anderen syrischen Städten im Belagerungszustand ausgeharrt haben, bis alle Reserven aufgebraucht waren und das Leben nicht mehr auszuhalten war.

Wenn die Flüchtlinge dann sicheren Boden in den Gastländern wie dem Libanon oder Jordanien erreicht haben, setzt sich der Überlebenskampf in anderer Form fort. Sie hausen nicht selten in überfüllten Lagern in Jordanien oder müssen sich Plätze in besetzten Hausruinen wie im Libanon erstreiten. Andere müssen in ihrer Not überteuerte Schlafplätze in nicht genutzten Ladengeschäften oder Fabrikgebäuden anmieten. Es ist keine Ausnahme, wenn unsere Mitarbeiter in Garagen auf 16-jährige Mütter treffen, die sich allein durchschlagen müssen. Oft können sie nicht einmal ihre Babys stillen und sind dringend auf spezielle Nahrung angewiesen.

Und trotzdem: Das Engagement, das kleine Länder wie der Libanon oder Jordanien bei der Hilfe für diese Menschen leisten, kann kaum hoch genug geschätzt werden. In bewundernswerter Weise tragen diese Länder, die selbst große Probleme haben, beispielsweise die Strom- und Wasserversorgung für ihre eigene Bevölkerung sicherzustellen, ihren Teil zur solidarischen Hilfe bei. Mehr als eine Million Flüchtlinge leben mittlerweile unter den 4,2 Millionen Libanesen. Man kann sich leicht ausmalen, zu welchen Spannungen ein solcher Anteil von Flüchtlingen unter ungleich besseren wirtschaftlichen und einfacheren politischen Rahmenbedingungen bei uns führen würde. Wir selber versuchen der Ausnahmesituation, in der die Gastländer sich befinden, dadurch Rechnung zu tragen, dass bis zu 30 Prozent unserer Hilfe der notleidenden Bevölkerung der Gastländer zu Gute kommt.

Die Grenzen der Belastbarkeit, speziell im Libanon, sind längst überschritten: Der syrische Krieg ist mittlerweile auch in den Zedernstaat getragen worden wie die Kämpfe in Tripoli, Sidon und der Bekaa-Ebene sowie Bombenanschläge in Beirut zeigen. Für dieses politisch und religiös hochkomplexe Land mit seiner 15-jährigen Bürgerkriegsgeschichte ist das eine extrem gefährliche Situation. Auch im Alltagsleben der libanesischen Bevölkerung wirkt sich der Konflikt unmittelbar aus: Die Mietpreise haben sich örtlich wegen der gestiegenen Nachfrage vervierfacht, Schulen und Krankenhäuser sind überfüllt und die Konkurrenz um die wenigen Arbeitsplätze wird täglich größer. Die Gefahr einer Spaltung der libanesischen Gesellschaft und eines Flächenbrandes im Nahen Osten ist real, wie mir meine Gesprächspartner bei meinem Besuch im März deutlich machten. Der libanesische Caritas-Präsident Simon Faddoul spricht zu Recht von einer Zerreißprobe für sein Land.

Die katholischen Hilfswerke Caritas, das Kindermissionswerk, Misereor und missio Aachen haben für die Versorgung der Bürgerkriegsopfer mit dem Lebensnotwendigsten bislang 13 Millionen Euro eingesetzt. Zum einen in Syrien selbst, wo wir unter schwierigsten, teilweise lebensgefährlichen Bedingungen über formelle und informelle Netzwerke die Hilfe zu den Menschen bringen – etwa über die Gemeinden der katholischen Kirche, katholische Ordensgemeinschaften, die Caritas in Syrien oder zivilgesellschaftliche Gruppen. Zum anderen haben wir als Caritas aber auch Anlaufstellen für Flüchtlinge im Libanon, in Jordanien, in der Türkei, im Nordirak und in Armenien aufgebaut. Allein Caritas international erreicht auf diese Weise rund 200.000 Menschen.

Der Hilfebedarf ist so vielfältig wie die Gruppen der Hilfsbedürftigen. Das reicht von der Zusatznahrung für junge Mütter über Schulmaterial für Kinder bis hin zu Windeln für inkontinente alte Menschen. Und das in allen Ländern und Regionen – sowohl in Syrien selbst als auch in den Aufnahmeländern. Laufend muss der Nachschub an dringend benötigten Lebensmitteln, Hygiene- und Haushaltsartikeln, Decken und Matratzen sichergestellt werden. Aber auch psychosoziale Unterstützung für die vielen Traumatisierten, Mietbeihilfen sowie medizinische Hilfe wie Medikamente und Notoperationen bieten wir an. Dankenswerterweise unterstützt die deutsche Bundesregierung das Engagement von Caritas international sehr großzügig; zuletzt das Auswärtige Amt mit mehr als sechs Millionen Euro in Syrien und den Nachbarstaaten. Ohne diese Gelder, das müssen wir deutlich sagen, wäre unsere Hilfe so nicht aufrechtzuerhalten, da uns bedauerlicherweise nur verhältnismäßig wenig Geld aus Privatspenden zur Verfügung steht.

So vielfältig wie der Bedarf sind auch die Wege, auf denen unsere Hilfe zu den Menschen gebracht wird. Vieles geschieht im Verborgenen, manches unter großen Gefahren. Ich komme darauf gleich noch zu sprechen. Immer wieder denken wir: Es gleicht kleinen Wundern, dass trotz der extrem widrigen Umstände in Syrien durch das Engagement der einheimischen Mitarbeiter so viel an Hilfe möglich ist. So gelingt es unseren Mitarbeitern immer wieder, die meisten Hilfsgüter in Syrien lokal auf den syrischen Märkten zu beschaffen. Allerdings: Es gibt punktuell auch immer wieder Engpässe bei Grundnahrungsmitteln wie Brot und bei jeglichem medizinischem Material. Die Hilfe kommt Notleidenden in allen Regionen Syriens zugute. Egal ob diese in den von Kurden, von Regimetreuen oder auch in den von Assad-Gegnern kontrollierten Gebieten liegen. Unser Maßstab ist allein die Bedürftigkeit und die Notlage der Menschen.

Derzeit ist Hilfe nur unter hohen Risiken für Leib und Leben möglich. Ungezählte Überfälle auf Hilfskonvois sowie der Tod zahlreicher Helfer belegen das auf grausame Weise. Auch die Helfer der katholischen Kirche und seiner Werke sind großen Gefahren ausgesetzt: Ein Mitarbeiter unserer lokalen Partner, ein Pater, ist verwundet worden, andere Helfer werden aufgrund ihrer humanitären Arbeit seit dem vergangenen Jahr von der syrischen Regierung steckbrieflich gesucht, andere wurden gefoltert. Das Schicksal von zwei entführten Bischöfen aus Aleppo, deren Fahrer erschossen wurde und die seit nunmehr 150 Tagen verschwunden sind, ist weiter ungeklärt.

In Syrien tätige Organisationen müssen täglich zwischen der dringend erforderlichen Hilfe und den Risiken für die humanitären Helfer abwägen. In vielen Gebieten verlaufen die Konfliktlinien so unübersichtlich, dass Hilfe sehr flexibel gestaltet werden muss. Selten werden bei Verteilungen die gleichen Wege beschritten, Kommunikation muss oft ad hoc im Rahmen bestehender Netzwerke vertrauenswürdiger Personen organisiert werden. Humanitäre Hilfe ist deshalb aus unserer Sicht im Kontext Syriens ohne lokale Kenntnisse, freiwilliges Engagement und die Einbindung vorhandener gesellschaftlicher Organisationsformen wie Gemeinderäten, kirchlichen Strukturen oder lokalen Hilfskomitees nicht zu leisten.

Umso bewundernswerter ist der Einsatz unserer syrischen Partner, die in Kenntnis aller Risiken bewusst ihr eigenes Leben einsetzen, um Menschenleben zu retten.

Humanitäre Hilfe, wie wir sie leisten, kann militärische Konflikte nicht stoppen. Aber sie kann ihren Beitrag leisten, die Zivilbevölkerung zu schützen und den Menschenrechten Geltung zu verschaffen. Allerdings brauchen wir als humanitäre Helfer dafür in Syrien einen deutlich besseren Zugang zu den Hilfesuchenden und eine strikte Unterbindung aller Waffenlieferungen. Unser Appell richtet sich deshalb an alle am Krieg beteiligten Parteien, den Zugang zu den Notleidenden für humanitäre Helfer freizumachen, Feuerpausen einzulegen und humanitäre Korridore zu schaffen. Ein Militärschlag, sei es aus der Luft oder am Boden, würde hingegen die humanitäre Lage der Zivilbevölkerung extrem verschlechtern und weitere Flüchtlingsströme nach sich ziehen.