Ein neuer „Fall Terry Schiavo“ in Italien

Ein Gericht erlaubt den Abbruch der Ernährung einer Wachkomapatientin

| 745 klicks

ROM, 11. Juli 2008 (ZENIT.org).- Die Erlaubnis eines italienischen Gerichts, eine 37-jährige Koma-Patientin nicht weiter zu ernähren, hat scharfe Kritik seitens der Kirche und des Vatikans ausgelöst. Am vergangenen Mittwoch autorisierte das Berufungsgerichtsgericht von Mailand den Vater von Eluana Englaro, die nach einem Autounfall seit 16 Jahren in einem permanenten vegetativen Zustand lebt, zum Abbruch der Versorgung mit Flüssigkeit und Nahrung. Durch diesen Gerichtsbeschluss wurde in Italien die Euthanasie-Debatte neu entfacht – nach der Auseinandersetzung mit dem völlig anders gelagerten „Fall Welby“ und den Diskussionen um das „biologische Testament“ oder die Patientenverfügung hinsichtlich der Zukunft eines Patienten, der an irreversiblen Krankheiten leidet oder sich einer Übertherapierung widersetzen will.



Bereits im Oktober 2007 hatte sich das oberste italienische Kassationsgericht zum „Fall Eluana“ geäußert. Das Gericht hatte zum ersten Mal Bedingungen festgesetzt, unter denen die lebenserhaltenden Maßnahmen für Eluana Englaro beendet werden könnten. Von einigen war das Urteil mit der Einführung eines „Rechts auf Sterben“ gleichgesetzt worden.

Das Gericht hatte damals festgelegt, dass der Abbruch der Therapie eines Patienten, der sich in einem „irreversiblen“ vegetativen Zustand befindet, autorisiert werden kann, wenn es triftige Gründe dafür gibt, dass dies dem Willen des Patienten entspricht. Damit griff die Justiz aktiv in die Diskussion um das „biologische Testament“, die Patientenverfügung, ein. Das Gericht berief sich auf das verfassungsmäßige Prinzip der Freiheit, ärztliche Therapien ablehnen zu können. In diesem Fall sei dies auch dann möglich, wenn es sich um eine dem Unfall vorhergehende reale oder eine durch den Lebensstil des Betroffenen anzunehmende Willensäußerungen handle.

Eluana Englaro liegt seit dem 18. Januar 1992 im Koma. Seit 1999 fordert der Vater, die Behandlung der Tochter abzubrechen. Theoretisch könnte der Vater als Vormund dies bereits jetzt veranlassen. Wann es geschehen werde, so Englaro heute gegenüber der Mailänder Zeitung „Corriere della Sera“, sei noch nicht geklärt. Dass es geschehen werde und dass er selbst die Ernährungssonde entfernen könne, stehe außer Frage.

Der jetzige gerichtliche Entscheid wirft für viele Ärzte, Juristen, Philosophen und Theologen große Fragen auf. Das Gericht bezieht in seinem Urteil auf zwei Kriterien: zum einen auf den durch Zeugenaussagen bestätigten Willen Eluanas, die bereits vor ihrem Unfall geäußert habe, dass sie nicht „bewusstlos“ leben möchte, das heißt „ohne die Möglichkeit, Erfahrungen und Kontakte mit anderen zu haben“. Da es in Italien keine Patientenverfügung gibt, halten viele Rechtsgelehrte diese Begründung, die sich allein auf die Rekonstruktion mündlicher Aussagen bezieht, für unzureichend, um die Versorgung des Patienten abzubrechen.

Als weiteres Kriterium wird der „irreversible Bewusstseinsverlust“ genannt. Das Leben der Patientin stellt sich demnach für die Richter allein unter einem biologischen Gesichtspunkt dar. Das Problem des Bewusstseinsverlustes ist jedoch höchst kritisch und lässt innere Widersprüchlichkeiten im Urteil des Gerichts erkennen. Wenn der Patient ohne Bewusstsein ist und dieses nach ärztlichem Ermessen nicht mehr zurückbekommen kann, dann kann er auch nicht leiden. Es stellt sich somit die Frage: Warum sollte eine staatliche Instanz einen derartigen Patienten durch Flüssigkeits- und Nahrungsentzug zu einem sicheren, aber langsamen Tod verurteilen?

Auch wenn das Gericht nicht von „Tod durch Hunger und Durst“ spricht (da dies unter der Vorgabe des Bewusstseinsverlustes keinen Sinn hätte), wird verfügt, dass der Patientin „beruhigende und antiepileptische Medikamente“ verabreicht werden, um „neuromuskuläre paradoxe Reaktionen“ zu verhindern. Die Richter raten zur einer häufigen Befeuchtung der Schleimhäute und der Verabreichung geeigneter Medikamente, um eventuelles Unbehagen zu lindern, das sich aus dem Flüssigkeitsmangel ergeben könnte. Des weiteren wird eine sorgfältige Körperpflege und die Bekleidung des Patienten empfohlen.

Obwohl die Richter sich bei ihrer Entscheidung vornehmlich auf biologische Argumentationen stützen wollen, scheint die Idee, dass der Körper des Patienten „mehr“ ist als ein neutraler Organismus, dennoch in ihr Urteil Eingang gefunden zu haben.

Der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, Erzbischof Salvatore Fisichella, erklärte, dass das Gericht mit seinem Entscheid eine „Euthanasierung“ des Patienten gebilligt habe. Für die Kirche sei es wesentlich festzuhalten, dass niemand das Recht hat, über Leben oder Tod eines anderen Menschen zu befinden. Genauso wie die italienischen Lebensschutzbewegungen betonte auch der Erzbischof, das das Personsein eines Menschen nicht zur Debatte steht und dieses auch jenem Menschen zuerkannt werden muss, der sich in einem irreversiblen vegetativen Zustand befindet.

Hinsichtlich der in Italien nicht existierenden Patientenverfügung ist auf das zu verweisen, was die Kongregation für die Glaubenslehre eindeutig festgelegt hatte: Künstliche Ernährung kann im Fall eines im Koma liegenden Patienten nicht als unmenschliche Behandlung betrachtet werden. Die Ernährung könne nur dann unterbrochen werden, wenn der Patient die Nahrung nicht mehr aufnehmen kann. Die Kirche verwirft somit sowohl Euthanasie als auch unmenschliche Behandlungen, aber nicht die künstliche Ernährung, die nicht als medizinische Behandlung betrachtet werden kann.

Für die kirchlichen Lebensschutzbewegungen eröffnet sich mit diesem Urteil die Gefahr eines „kulturellen Abdriftens“, das als einziges Kriterium das der Autonomie des Individuums anerkennt. Durch diesen falschen Autonomiebegriff jedoch werde auch der Begriff der menschlichen Würde aufs Spiel gesetzt, der gerade im physischen Leben seinen Grund habe.

Der Verband „Medicina e Persona“ („Medizin und Person“) erklärte, dass es nicht zum Aufgabenbereich eines Gerichts gehören könne, klinische Kriterien festzulegen, aufgrund derer einem Patienten die Pflege entzogen werden kann.

Für die Ärzte des Verbandes ist der „permanente vegetative Zustand“ nicht mit einem irreversiblen komatösen Zustand gleichzusetzen, von dem er sich durch spontane oder stimulierte Aufwachphasen, vorhandener und variabler elektrischer Gehirnaktivität und spontanen oder stimulierten Augenbewegungen unterscheidet.

Die Ärzte erklärten, dass für die Medizin das Urteil über die Irreversibilität eines pathologischen Zustands kein ausreichendes Kriterium für den Abbruch einer Behandlung ist. Der Gerichtsentscheid gebe den absoluten Vorrang einer Selektion der Person, die als einziges Kriterium das der Lebensqualität kenne.

„Diese Entscheidung über Eluana ist ein Todesurteil, das im Namen des Mitgefühls verhängt worden ist“, so der Verband. Damit handle es sich mit dem Abbruch der Versorgung des Patienten um Euthanasie.

Derselben Ansicht ist Alberto Gambino, Ordinarius für Zivilrecht an der Universität Neapel. Und gegenüber ZENIT fügte er hinzu, dass noch ein weiteres Probleme hinzukomme: dass es einem Vormund gestattet werde, anstelle eines entscheidungsunfähigen Patienten über dessen Leben zu befinden. Denn es handle sich nicht darum, eine Therapie auszusetzen, sondern um den Abbruch der Versorgung mit Flüssigkeit und Ernährung.

Gambino vertritt die Ansicht, dass das Urteil der Richter verfassungswidrig ist, insofern es sich dabei um die Zuweisung eines Rechtes an einen Vormund handelt, das nicht zur Verfügung steht und allein dem Rechtssubjekt selbst zukommt. Statt Leben zu schützen, werde das Recht instrumentalisiert, um es zu eliminieren.

Gambino verweist auf die Gefahr, dass ein Patient als „soziale Last“ angesehen wird, der Wert der Person verloren geht und diese auf ein reines Objekt reduziert wird. Diese Situation ist für Gambino nicht nur der Vorhof zur „Euthanasierung“. „Das ist schon Euthanasie“, betonte er.