Ein neuer Trend hin zu Ehe und Familie im EU-Raum ist möglich

Interview mit Stefan Lunte, Stellvertretender Generalsekretär der COMECE

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BRÜSSEL, 9. November 2007 (ZENIT.org).- Auf mehr Familien- und Kinderfreundlichkeit in Europa ziele das neue Strategiepapier des Sekretariats der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) ab, bekräftigte heute der stellvertretende COMECE-Generalsekretär Stefan Lunte im Gespräch mit ZENIT.



Zum einen gehe es in dem Dokument, das voraussichtlich in rund zwei Wochen auch auf Deutsch vorliegen wird, um eine bessere Vorbereitung auf das Leben zu zweit – damit solle eine Trendumkehr bei Scheidungen und Trennungen erreicht werden –, zum anderen um mehr Unterstützung für die ersten Erzieher von Kindern, die Eltern. Lunte sieht große Chancen, dass in diesen Fragen ein breiter politischer Konsens zustande kommen kann.

ZENIT: Am Montag wurde das neue EU-Strategiepapier vorgestellt. Gibt es schon irgendwelche Reaktionen aus der Politik?

Lunte: Offizielle Reaktionen liegen noch nicht vor, aber bei allen informellen Treffen, die wir hatten, gab es großes Interesse, mit uns näher über dieses Papier ins Gespräch zu kommen.

Wir wollen verschiedene Termine zum Anlass nehmen, um das Papier näher vorzustellen: mit Kommissaren und Mitgliedern der Europäischen Kommission, aber auch mit Parlamentariern der Europäischen Union. Wir hoffen, dass auch der europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss sich dieses Themas annehmen wird.

Wir möchten einen wirklichen Impuls setzen. Wir wären sehr froh, wenn es noch in dieser Kommission, die ihre Arbeit im Jahr 2009 niederlegt, gelänge, dieses Thema deutlicher zu verankern.

ZENIT: Zusammen mit Fachleuten haben Sie das neue Dokument verfasst. Was sind denn in Ihren Augen die wichtigsten Forderungen oder Vorschläge, die es enthält?

Lunte: Das Papier ist hier im Sekretariat entstanden. Eine Reihe von Mitarbeitern hat mitgewirkt, und wir hatten vorher auch mit Forschungseinrichtungen und katholischen Familienverbänden konferiert.

Was nach den Beratungen und Vorbesprechungen klar wurde, war, dass wir uns gerne auf zwei Linien konzentrieren wollten: Die erste Linie betrifft die Frage: Was kann getan werden, um die große Zahl von Scheidungen und Trennungen, die wir heute erleben, zurückzubringen auf ein wesentlich niedrigeres Niveau.

Es kann ja nicht angehen, dass wir auf der einen Seite die schwindende und schwächelnde Demographie in Europa beklagen, und auf der anderen Seite nichts unternehmen, um Paaren und Ehepaaren vor allem die Stabilität wiederzugeben, die nötig ist, damit sie sich auch zu Kindern entschließen können.

In dieser Richtung haben wir eine Reihe von Vorschlägen entwickelt: Was man tun kann, um etwa innerhalb eines Paares Konfliktfähigkeit zu „steigern“ (um es einmal so auszudrücken), oder einfach wie man besser mit Konflikten, die immer vorkommen, umgehen kann.

Wir sprechen hier jetzt natürlich nicht nur vom kirchlichen Bereich – wir machen das ja in der Kirche schon lange, indem wir Ehe-Vorbereitungskurse anbieten. Wäre es nicht möglich – so lautet eine Frage an die Politik –, auch in jenen Mitgliedsstaaten, in denen nur die Zivilehe geschlossen wird, mehr in die Vorbereitung zu investieren? Was ist das eigentlich für eine Institution, in die man sich einlässt? Also, das ist ein Aspekt.

Wir möchten gerne, dass gerade für junge Paare, die sich installieren, sich niederlassen, Wohnraum zugänglich wird.

Ein weiterer sehr wichtiger Aspekt in europäischer Hinsicht sind grenzüberschreitende Eheschließungen: Da ist eine enorm hohe Scheidungsrate zu beobachten. Hier geht es darum, dass man sich dieser Paare stärker annimmt. Es handelt sich dabei oft um äußerst interessante und gute Kombinationen für Europa, und es ist begrüßenswert, dass Menschen über die Grenzen hinweg heiraten, aber es darf ja nicht sein, dass alles sich wieder in Luft auflöst, wenn der erste Konflikt kommt. Also auch da möchten wir, dass mehr geschieht.

Das ist die erste große Linie. Und die zweite große Linie, die wir verfolgen, ist, dass wir sagen: Wir müssen Ehepaaren – wir sprechen hier von Männern und Frauen – stärker bei ihrer wichtigsten und nobelsten, aber auch schwierigsten Aufgabe helfen: der Erziehung von Kindern.

Da kann die Politik eine ganze Menge tun, indem sie nicht, wie das manchmal so durchscheint, vor allen Dingen auf das Kind als Individuum setzt. Wir möchten, dass das Kind vielmehr immer in Beziehung zu seinen Eltern gesehen wird; dass die Kompetenz der Eltern gestärkt wird; dass gleichzeitig aber auch alles, was an Umwelteinflüssen da ist, auf die Frage hin geprüft wird: Was kann getan werden, um den Eltern zu helfen?

Zum Beispiel möchten wir gerne, dass möglichst bald ein gesetzlich bindendes Instrument gibt, um in der Europäischen Union brutale Killer-Videospiele zu verbieten. Wir möchten, dass bei Internet- und Mobiltelefonangeboten Eltern mehr Hilfen gegeben werden, um eine bessere Kontrolle auszuüben. Andere Vorschläge betreffen Sonderfälle, wie etwas, wenn das Kind mit Alkohol oder Drogen in Berührung kommt; wenn es an Übergewicht leidet oder psychologische Störungen hat usw.

In all diesen Bereichen möchten wir, dass sich die EU, die ja schon eine ganze Reihe von Dingen tut, mehr engagiert, und zwar mit Blick auf die Frage: Was kann getan werden, um den Eltern dabei zu helfen? Das ist es, was wir vorgeschlagen haben.

ZENIT: Versuchen Sie, sich zur Umsetzung dieser Anliegen mit anderen kirchlichen Konfessionen und Religionsgemeinschaften zusammenzuschließen?

Lunte: Zunächst einmal sind wir ja gerade hier in Brüssel immer auf die Zusammenarbeit mit den anderen christlichen Konfessionen angewiesen. Wir werden unseren Kolleginnen und Kollegen hier auch dieses Papier vorstellen, und würden uns freuen, wenn sie ihrerseits mit uns an einem Strang ziehen.

Wir haben auch engen Kontakt zu den jüdischen Gemeinschaften, die hier anwesend sind, und ich kann mir auch vorstellen, dass man auch mit den muslimischen Vertretern hier in Brüssel über diese Frage spricht. Da gibt es ja auch ein sehr ernst genommenes Familienbild.

Das haben wir sicher vor; das wird uns in den kommenden Monaten beschäftigen. Vor allem werden wir jetzt aber zusehen, dass das Dokument in möglichst viele Sprachen übersetzt wird.

ZENIT: Welchen Stellenwert besitzt dieses Dokument eigentlich? Es stammt ja vom Sekretariat, nicht von den Bischöfen. Wo liegt da der Unterschied?

Lunte: Es soll deutlich machen, dass es uns jetzt einmal darum geht, eine Debatte anzustoßen. Ein Dokument der Bischöfe hatte einen definitiveren Charakter. Wir haben einen ganzen Katalog von Vorschlägen entwickelt, und da könnte sich im Lauf der Diskussion herausstellen, dass ein Vorschlag noch einmal überdacht und überarbeitet werden sollte.

Wir waren der Auffassung, dass es besser ist, wenn es auf der Ebene des Sekretariats als Arbeitsdokument veröffentlicht wird, um auch diese Offenheit zu bewahren, ohne gleichzeitig Abstriche zu machen an der großen Linie, die da lautet: Wir müssen heute in Europa mehr tun, um Ehepaare zu stärken, um sie zu stabilisieren. Wir müssen den Eltern mehr Hilfen geben bei der Erziehung von Kindern.

Es geht dabei nicht nur um ein Engagement auf der Ebene der Mitgliedsstaaten, sondern auch auf der Ebene der Europäischen Union.

ZENIT:Wie schätzen Sie denn die Bereitschaft innerhalb der EU ein, Ehepaare und Familie zu fördern?

Lunte: Ich möchte jetzt doch eine Lanze brechen für die Europäische Union und sagen, dass es entgegen vieler anders lautenden Meinungen eine große Offenheit für diese Fragen und Themen gibt. Wir haben in der Europäischen Union, besonders auch in der Kommission, gerade in den letzten Jahren eine Reihe von sehr interessanten Dokumenten und auch Initiativen gehabt, wo gerade die Frage der Familie in den Vordergrund gerückt ist.

Die Herangehensweise einer politischen Institution ist nie dieselbe wie die der Kirche, und kann es nie sein. Sie kommt aus der Frage der demographischen Entwicklung: Was kann getan werden, um in Europa eine Situation zu schaffen, die es Eltern erlaubt, wieder mehr Kinder zu bekommen? Das ist eine Frage, die die Europäische Kommission umtreibt und mit der sie sich auseinandersetzt, und da hoffen wir, dass unsere Vorschläge auf einen fruchtbaren Boden fallen.

Man kann sich eine Situation vorstellen, in der sich ein breiter Konsens im Europäischen Parlament, aber auch im Ministerrat herausbildet, und genau dazu möchten wir beitragen. Uns geht es darum, dass wir die demographische Krise, in der sich Europa heute befindet, nicht allein durch Zuwanderung lösen können. Wir müssen auch dazu beitragen, dass es langfristig gelingt, Europa wieder so familienfreundlich zu machen, dass Menschen sich aus freiem Willen, aus freiem Herzen und freien Stücken dazu entscheiden, Kinder zu bekommen; dass es gelingt, wieder ein kinderfreundliches Europa zu sein. Ich glaube, dass ist das, was wir als Konsens hinbekommen können.

Wir möchten dann noch einen besonderen Akzent darauf legen, dass aus unserer Sicht die Institution der Ehe – ich spreche jetzt nicht über das Sakrament – nicht einfach über Bord geworfen werden sollte, dass man damit nicht leichtfertig umgehen sollte. Vielmehr sollte sie ihren Platz behalten – als die höchste Form, die vollendete Form der Partnerbeziehung.

ZENIT: Wie stellen Sie sich die EU vor, wenn alle Träume Wirklichkeit werden könnten?

Lute: Das ist eine große Frage. Ich kann aber sagen, was ich mir aber mit Blick auf unser Thema vorstelle: dass es uns – nachdem die Bischöfe bei ihrer Vollversammlung in zwei Wochen dieses Papiers noch einmal ausführlich besprochen haben – in einem nächsten Schritt gelingt, dieses Papier mit unseren Bischöfen an sehr hoher Stelle in der Kommission vorzustellen, und dass die Kommission, die jetzt noch im Amt ist, sich dieses Themas annimmt, dass es aber für die nächste Kommission ab 2009 ein echter Schwerpunkt wird. Das ist ein Traum, der sich verwirklichen lässt.